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Holde Isolde

Warum Karl Marx auf Isolde Kurz schimpfte

Was können sie schon gemeinsam haben, der Weltrevoluzzer und die Schriftstellerin? Karl Marx kannte Isolde Kurz zwar nicht persönlich, hatte gleichwohl mit ihr zu tun.

07.01.2011

Eine Arabeske der (Literatur-)Geschichte, gewiss, aber sie soll hier doch wenigstens kurz erwähnt werden.

Isolde Kurz war 1877 knapp 24 Jahre alt, hatte keinen Tag die Schule besucht und Tübingen gerade hinter sich gelassen. In ihrem Gedicht „Abschied von Tübingen“ wirft sie der Stadt ihre als zwiespältig empfundenen Jugendjahre vor:

„Der Abschied löst den Bann vom Munde,

Drum eh ich fern ans Ufer stieg, Laß jetzt in dieser Trennungsstunde Dir sagen, was ich lang verschwieg: Du hast vom Baume meines Lebens

Die schönsten Blüten früh geknickt.

Der Jugend Lust, die Kraft des Strebens

In meiner jungen Brust erstickt.“

Das klingt nicht gerade nach einer unbeschwerten Kindheit, wie sie Hermann Kurz‘ Töchterlein aus dem väterlichen Fachwerkhaus am Markt (dem heutigen „Ranitzky“) sehnsüchtig auf die Stöfflersche Rathausuhr starren ließ. „Der Vorzeit graue Steine“ und den „hundertjähr‘gen Moder“ mochte sie am philisterhaft verschnarchten Tübingen verabscheuen. Bereits die heute selbstverständliche Anregung der selbstbewussten jungen Dame, in der Badeanstalt einen Wochentag nur den Frauen zu reservieren, verschreckte die hiesigen Mitbürger zutiefst.

Vater Hermann Kurz, ein Radikaldemokrat bester Güte, verschied im Jahr 1873, weil er sich bei der Einweihung des Uhlanddenkmals einen Sonnenstich einfing. Tod und Grab beschäftigen die Tochter danach so sehr, dass sie den gedichteten „Abschied von Tübingen“ dann doch versöhnlicher enden lässt:

„Und kehr ich einst mit müden Flügeln,

Wenn meine Bahn ein Ende hat Dann gönne bei des Vaters Hügel, Der Tochter eine Ruhestatt!“

Doch erst einmal ging‘s hinaus in die Welt, nach München und später für lange Zeit nach Italien. Die recht sprachbegabte Isolde – sie beherrschte, im Hausunterricht antrainiert, neben Englisch, Französisch, Italienisch und Russisch auch Latein und Griechisch – versuchte sich an Übersetzungen, und ihr erstes nennenswertes Übersetzungshonorar (1000 Gulden) investierte sie postwendend ins Grabmal des Vaters auf dem Tübinger Stadtfriedhof. In dessen Nähe wurden dann später auch die Mutter und sie selber beigesetzt.

Noch einmal kam Isolde kurz nach Tübingen, als sie im August 1877 beim Uni-Jubiläum zum 400. Stiftungstag auf den herzoglichen Wagen als musenhaft anmutende Amazone vier störrische Rösser durch Tübingens enge Gassen lenkte. „Kein anderes Mädchen hätte dies vermocht“, staunte Biografin Hella Mohr noch viel später.

Doch Isolde Kurz, deren libertäres Elternhaus mit seinen „jakobinisch angehauchten Sezessionen“ (so Inge Jens) sie zwar nicht zur Frauenrechtlerin oder Revolutionärin, doch aber zu einer eminent erfolgreichen Schriftstellerin werden ließ, begann ihre Karriere als Übersetzerin. Und hier kommt nun Karl Marx ins Spiel. Der hatte im Londoner Exil einen französischen Neo-Jakobiner namens Prosper-Olivier Lissagaray angehalten, aus eigener Erfahrung die Tage der Pariser Kommune aufzuschreiben, obwohl Lissagaray hinter Marx‘ Rücken mit dessen Tochter Eleanor anbandelte.

Nun wurde jemand gesucht, um Prosper-Olivier Lissagarays Manuskript ins Deutsche zu übertragen. Und in Isolde Kurz gefunden. Karl Marx‘ Kommentare in fünf Briefen an einen Freund und Kollegen sind nun allerdings wenig schmeichelhaft ausgefallen, was die sprachliche Kunstfertigkeit der Auftragsarbeiterin angeht:

„Im ganzen ist die Übersetzung, wo sie nicht direkt falsch ist, oft unbehülflich, philisterhaft und ledern“, ätzt Marx. „Doch dies mag vielleicht gewissermaßen deutschem Geschmack entsprechen.“

Im Oktober 1877 platzt Redakteur Marx endgültig der Kragen. An Briefpartner Wilhelm Bracke schreibt er: „Ich habe Ihnen schon verschiedenmal angedeutet, die holde Isolde an die Luft zu setzen. Mit aller Korrektur bleibt das Produkt derselben ein Abortus. Dazu die Zeitvergeudung, die Kostenverschwendung etc. Juristisch kann dem ‚an die Luft setzen‘ kein Hindernis im Weg stehn, da die Person nicht leistet noch leisten kann, wozu sie kontraktlich verpflichtet ist.“

So endet die kurze Beziehung zwischen Karl Marx und Isolde Kurz, bevor aus ihr eine wunderbare Freundschaft erwachsen konnte. Im Alter von 90 Jahren, krank, schwach und von den herrschenden Nazis hofiert, kehrt Isolde Kurz schließlich in ihre Vaterstadt zurück. Das Hermann-Kurz-Grab auf dem Stadtfriedhof wurde mittlerweile generalüberholt und sandstrahlt nun in neuem Glanze.

Wilhelm Triebold

Warum Karl Marx auf Isolde Kurz schimpfte
Karl Marx

Warum Karl Marx auf Isolde Kurz schimpfte
Isolde Kurz.

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07.01.2011, 12:00 Uhr
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