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Hoch hinaus

Warum Burgen auf den Bergen stehen

In keinem anderen Gebiet in Deutschland gibt es so viele Burgen wie im Biosphärengebiet Schwäbische Alb. Sie ziehen Wanderer wie Wissenschaftler an und bergen noch immer manches Geheimnis.

30.10.2015
  • MADELEINE WEGNER

Bad Urach Edle Herren, elegante Burgfräulein, eine große Schar von Mägden und Knechten, blutige Kämpfe, herzzerreißende Liebesgeschichten: "Es gibt kaum etwas Anregenderes für die Phantasie als die verfallenen Mauern einer Burg versteckt im Wald", sagt die Historikerin Sigrid Hirbodian. Geschichte und Geschichten haben sich in den Burgen abgespielt und damit ziehen sie nicht nur Touristen und Ausflügler an, sondern auch das Interesse der Wissenschaftler auf sich.

Historiker, Archäologen, aber auch Literaturwissenschaftler und Archivare trafen sich deshalb nun zum dritten "Albsymposion" in Bad Urach unter dem Titel "Burg und Herrschaft. Geschichte, Archäologie und Denkmalpflege im Biosphärengebiet Schwäbische Alb". Denn im Biosphärengebiet Schwäbische Alb gibt es rund 150 Burgen, Burgstellen und Adelssitze des Mittelalters. Zwischen Albtrauf und Donau haben die Grafen von Achalm und von Urach, Herzöge von Teck, die Zähringer auf der Limburg, die Herren von Gundelfingen, Neuffen, Schelklingen und andere ihre Burgen errichtet. In keiner anderen Region Deutschlands gibt es so viele Burgen und Ruinen.

Schon im Mittelalter war Burg nicht gleich Burg. Sie unterschieden sich in der Lage und in der Bauform. Die stilisierte Burg, hoch oben auf dem Berg gelegen, wo sie mit ihren Zinnen und Türmen alles überragt, dieses Idealbild versuchten Herrscher im 19. Jahrhundert in Stein umzusetzen. Davon zeugen die touristischen Anziehungspunkte Neuschwanstein und Hohenzollern noch heute.

Tatsächlich waren Burgen zunächst jedoch eher kleine kompakte Anlagen aus Holz und Lehm in einer Niederung oder auf einem kleinen aufgeschütteten Hügel gelegen, erklärt Hirbodian. Sie ist Direktorin des Institut für Geschichtliche Landeskunde und Historische Hilfswissenschaften der Uni Tübingen. Mit Geschäftsstelle und der Arbeitsgruppe "Historisch-kulturelles Erbe im Biosphärengebiet" hat das Institut das Symposion ausgerichtet. Dieses soll die regionalen Potenziale des Biosphärengebiets mit wissenschaftlichen Fragestellungen zusammenbringen.

Doch wie kamen die Burgen auf die Berge? Die Wissenschaftler sprechen bei diesem Phänomen des 11. und 12. Jahrhunderts von "Vertikalverschiebung". Sie lässt sich etwa anhand der Burg Baldenstein der Herren von Gammertingen (Kreis Sigmaringen) nachvollziehen. Dort gab es zunächst einen befestigten Herrenhof im Ort, spätestens in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts ließen die Herren oberhalb des Ortes einen Wohnturm (Donjon) errichten. Die bessere Wehrhaftigkeit spielte wohl eine Rolle bei der Wahl solch eines ungemütlichen und zugigen Wohnortes. Doch Hirbodian versteht die Burgen auch als ein Symbol der Macht und des Abstandnehmens.

"Die Forschung ist auch wichtig für die touristische Perspektive", sagt Achim Nagel von der Geschäftsstelle des Biosphärengebiets. Außerdem: Als Unesco-Modellregion sei das historisch-kulturelle Erbe in der Rechtsverordnung verankert - damit ist es das einzige Biosphärengebiet. Burgen seien das ideale Medium, um Natur, Bildung, Geschichte, Wandern und Spaß zu vermitteln. Und sie sind beliebt bei den Besuchern, vor allem Familien - die größte Besuchergruppe im Biosphärengebiet - zieht es zu den Ruinen, Ritterburgen und Mauerresten. Die ersten 30 0000 Faltblätter zu Burgen waren jedenfalls ruckzuck weg, sagt Nagel. Eine umfangreiche Seite im Internet soll noch in diesem Jahr online gehen. Nächstes Jahr steht die Erneuerung der Schilder an. Viele seien nicht nur altmodisch, sondern durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse auch nicht mehr korrekt.

Und was hat es nun mit den phantasie-beflügelnden "Ritterburgen" auf sich? Die gab es tatsächlich, erläutert Hibernian. Und dazu kam es so: Die Burgherren bildeten unfreie junge Männer zur Bewachung der Burg aus. Aus Bauernsoldaten wurde so ein eigener Stand der Edelküche. Vielen von diesen gelang es, eine Burg in ihre Verfügung zu bringen oder bauen zu lassen. Damit wurden die Unfreien immer mächtiger und unabhängiger.

Hohenrechberg in der Nähe von Schwäbisch Gmünd ist in der Region wohl die eindrucksvollste dieser Ministerialburgen. Sie hat Vorburg, Wehrturm, dicke Mauern, Zwinger, Zugbrücke, einen Pallas mit Arkaden. "Die Rechburger realisierten all das, was ihnen der Hochadel vormachte", sagt Hirbodian. In Sichtweite zu den Herren gelegen, sollte die Burg zeigen: Wir sind oben angekommen.

Warum Burgen auf den Bergen stehen
Die Burgruine Hohenneuffen hoch über Neuffen. Die Herrscher bauten gern in Höhenlage, was den Burgenbesuch bis beute beschwerlich macht. Foto: Biosphärengebiet

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30.10.2015, 12:00 Uhr
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