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Asyl

Warten auf die Ablehnung

Wer in Bayern als Verfolgter anerkannt werden will, muss in „Transitzentren“ wohnen. Das Ziel: Die Flüchtlinge sollen so bald wie möglich wieder gehen. Ein Beispiel aus Ingolstadt.

20.10.2017
  • PATRICK GUYTON

Ingolstadt. Die Stimmung in dem umzäunten Containerdorf in der Neuburger Straße in Ingolstadt ist gut – gemessen daran, dass hier Flüchtlinge nur zu einem Zweck untergebracht sind. Sie sollen Deutschland so schnell wie möglich wieder verlassen. Die Wachfrau am Eingang nimmt dem Besucher den Führerschein ab, ansonsten keine Kontrolle, und wünscht „alles Gute“. In der Unterkunft grüßen die Menschen, die Kinder sagen „Hello“, alle sind aus der Ukraine. Oleg Skorba wird angesprochen, gleich beginnt er mit seiner Arbeit. Für ein Mini-Gehalt von 80 Cent pro Stunde dolmetscht er für die Caritas-Asylsozialberaterinnen vom Ukrainischen und Russischen ins Englische.

„Ich mache das gern“, sagt Skorba, „es ist besser als Nichtstun.“ Er dreht mit dem Zeigefinger Kreise an seiner Schläfe: „Und es hält den Kopf fit.“ Doch weiß der 41-Jährige sehr sicher, dass Deutschland ihn nicht haben will. Dass er mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern wird gehen müssen, ohne Anrecht auf Asyl oder einen anderen Aufenthaltsstatus. Über die Monate hat er gesehen, dass die anderen Ukrainer aus der Unterkunft zurückkehren mussten. „Selbst meine Kinder wissen“, sagt Oleg Skorba und benutzt einen drastischen Ausdruck, „dass wir zurückdeportiert werden.“

Bayern geht mit Manching und seinen Dependancen im benachbarten Ingolstadt sowie mit drei weiteren Zentren in Bamberg, Deggendorf und Regensburg einen eigenen Weg bei der Behandlung von Flüchtlingen. Von Ende 2015 an wurden sie eröffnet, ursprünglich für Balkan-Flüchtlinge, die kaum Chancen auf ein Bleiberecht haben. Mittlerweile sind sie vor allem mit Asylbewerbern aus anderen Ländern belegt, die gleichfalls kaum einen Aufenthalt erlangen: Nigerianer, Äthiopier oder eben Ukrainer. Sie sollen schnelle Verfahren erhalten, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat Außenstellen errichtet.

Laut Beschluss des bayerischen Kabinetts vom März 2017 sollen die Zentren „verhindern, dass sich der Aufenthalt verfestigt“. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte, es mache keinen Sinn, Flüchtlinge über Deutschland zu verteilen – „und dann muss man sie sozusagen einsammeln, um sie in ihre Heimat zurückzubringen“. Mit den Zentren habe der Freistaat „positive Erfahrungen gemacht“. Im Unions-Flüchtlingsbeschluss für Koalitionsverhandlungen hat die CSU diese Form der Asylabwicklung für den Umgang mit allen Flüchtlingen durchgesetzt. In Bayern werden die Einrichtungen „Transitzentren“ genannt. Das klingt schöner als „Abschiebelager“, wie der Bayerische Flüchtlingsrat und die Grünen sagen.

Kein Ort für Integration

Maximal drei Monate sollen die Menschen bleiben, so der Plan der Staatsregierung. Doch die Realität sieht häufig anders an. Familie Skorba ist seit 17 Monaten da. Vater Oleg klagt gegen die Ablehnung seines Asylantrags. Er will wenigstens subsidiären Schutz erhalten.

Skorba musste in der Ukraine in den Krieg. Er ist Englisch-Lehrer, arbeitete als Verkaufsmanager, die Familie lebte in Kiew. „Ich weigerte mich aber, zu kämpfen“, erzählt er, „denn ich bin Christ“. Der Krieg griff seine Seele an, er erlitt eine posttraumatische Belastungsstörungen. Als die zweite Einberufung kam, floh die Familie nach Deutschland. Bei einer Rückkehr fürchtet der Mann die Verfolgung als Deserteur.

Für die Integration ist das „Transitzentrum“ ein denkbar schlechter Ort. Gegessen werden muss zu bestimmten Zeiten in der Kantine, auf die Zimmer darf keine Nahrung mitgenommen werden. Es gibt hauptsächlich Sachleistungen und zusätzlich „Sozialgeld“ von 120 Euro für Erwachsene und 67 für Kinder im Monat. Deutschkurse werden nicht genehmigt, Oleg Skorba hat sich vielfach darum bemüht. Immerhin gehen die Kinder seit einiger Zeit auf eine deutsche Schule.

Kochgelegenheiten gibt es auf den Zimmern nicht. Messer, Gabeln, Gläser und Porzellantassen sind verboten, sie könnten als Waffen benutzt werden. Für die Kinder schmuggeln die Eltern Nahrung aus der Kantine. „Sie lernen, dass man betrügen muss“, klagt Skorba. Der Flüchtlingsrat sieht die „Lager“ als Orte, an denen Integration „möglichst umfassend unterbunden werden“ soll, und spricht von „widerwärtigen Lebensbedingungen“.

Immerhin fühlt sich Familie Skorba gut integriert in der „Freien Christengemeinde“ in Ingolstadt. Im Juni dieses Jahres sprach Oleg Skorba den Innenminister Herrmann auf einer Veranstaltung an. Der sagte, so hat es der Flüchtling notiert: „Die Ukraine ist ein großes Land. Gehen Sie zurück und finden Sie dort einen sicheren Ort zum Leben.“

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20.10.2017, 06:00 Uhr
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