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Sexualstraftat

Warnung ohne Wirkung

Im Missbrauchsfall von Staufen stehen auch das Jugendamt und die Gerichte in der Kritik. Die Schule des Jungen schlug Alarm – doch dem Amt war dies „zu vage“.

07.07.2018

Von PETRA WALHEIM

Die angeklagte Mutter (rechts) hat es offenbar geschafft, auch erfahrene Mitarbeiter des Jugendamts zu täuschen. Sie hatte versichert, sich um das Wohl ihres Sohnes zu kümmern. Foto: Patrick Seeger/dpa

Freiburg/Staufen. „Es gab keine Hinweise, dass das Kind sexuell missbraucht wird“, sagt Thorsten Culmsee, stellvertretender Sozialdezernent im Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald, zum Missbrauchsfall Staufen. Seit Monaten arbeitet das Landgericht Freiburg den Fall auf, der bundesweit zu den schwersten Fällen von Kindesmissbrauch gehört. Dabei wurde seit 2015 ein heute zehn Jahre alter Junge aus Staufen von seiner Mutter und deren Partner im Internet für Vergewaltigungen und Missbrauch angeboten. Beide hatten sich an den sexuellen Übergriffen beteiligt. Von acht Verdächtigen sind fünf verurteilt.

Im Hauptprozess, in dem die 48-jährige Mutter und ihr 39 Jahre alter Partner angeklagt sind, sagte in der Verhandlung am Donnerstag auch der Sozialarbeiter des Jugendamts als Zeuge aus, der damals für die Familie zuständig war. Dass der Junge gefährdet sein könnte, erfuhr das Jugendamt demnach erstmals Anfang 2017. Da wurde der Behörde bekannt, dass ein wegen schweren Kindesmissbrauchs vorbestrafter Mann zu der Familie gezogen war.

Kein Beweis für Missbrauch

Deshalb ist der damals Achtjährige im März 2017 – nach Hinweisen der Polizei – aus der Familie genommen worden. Weil sich der Verdacht des Missbrauchs nicht beweisen ließ, hat das Familiengericht Freiburg entschieden, den Jungen unter Auflagen zurück zur Mutter zu lassen. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat das Urteil bestätigt. Der Junge kehrte im April zurück.

Im Juni 2017 erhielt das Jugendamt nach Aussage des Sozialarbeiters vor Gericht den Hinweis einer Lehrerin: Der Junge habe einem Mitschüler im Bus erzählt, er ziehe sich vor dem Freund seiner Mutter aus und lasse sich anschauen. Über mehrere Ecken überliefert, erschien dem Jugendamt diese Aussage als zu vage. „Da war nicht die Rede von nackt ausziehen, von Anfassen lassen müssen oder sexuellen Übergriffen“, sagt Culmsee

Trotzdem sei der Hinweis der Lehrerin in einer Teambesprechung von Fachkräften des Jugendamts am nächsten Tag thematisiert worden. Außerdem seien Experten einer Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Kinder in Freiburg zu Rate gezogen worden. Mit der Mutter sei nicht gesprochen worden, um das Kind nicht zu gefährden, und um sich die Möglichkeit offen zu halten, mit dem Jungen zu reden. Hätte man vorher mit der Mutter gesprochen, hätte die den Jungen beeinflussen können, und „er hätte wahrscheinlich nichts mehr gesagt“, so Culmsee. „Eine Überreaktion sollte bei der Unklarheit der Angaben verhindert werden.“

Um herauszufinden, ob der Missbrauchsverdacht berechtigt ist, war nach Auskunft von Culmsee geplant, in der Schule nach den Sommerferien ein Projekt zum Thema „Sexueller Missbrauch“ zu starten. „Dabei sollten die Reaktionen des Jungen genau beobachtet werden.“

Dazu kam es nicht mehr, weil der „Handel“ mit dem Jungen im September 2017 aufgeflogen ist. Die Mutter, der Partner und sechs Verdächtige wurden festgenommen. Der Junge kam in die Obhut des Jugendamtes. Er lebt heute in einer Pflegefamilie.

Um den Fall aufzuarbeiten und Lösungen für derartige Fälle zu finden, wurde nach Auskunft von Culmsee eine Arbeitsgruppe gegründet mit Vertretern des Familiengerichts, des Oberlandesgerichts und des Jugendamts. Eine Konsequenz wird nach seiner Aussage sein, „dass wir uns anders aufstellen“. Konkreter wollte er vorerst nicht werden.

Nicht nur dem Jugendamt, auch dem Oberlandesgericht lagen im April 2017, zu dem Zeitpunkt, als der Junge zurück zur Mutter gelassen wurde, keinerlei Anhaltspunkte für einen Missbrauch oder eine Gefährdung des Kindes vor. Das wird in einer Pressemitteilung bestätigt.

Bei der Staatsanwaltschaft Freiburg wurden nach Auskunft der Pressestelle drei Anzeigen gegen das Jugendamt erstattet. Die Behörde prüfe derzeit, „ob strafrechtlich relevantes Verhalten, insbesondere der Tatvorwurf der fahrlässigen Körperverletzung, in Betracht kommt“.

Die Mutter, darin sind sich die beteiligten Behörden einig, habe es geschafft, alle, selbst die erfahrensten Mitarbeiter, zu täuschen, indem sie offenbar glaubhaft versicherte, sich um das Wohl das Jungen zu kümmern. Das war gelogen, wie heute alle wissen.

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Erstellt:
7. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Juli 2018, 06:00 Uhr

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