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War der derbe Nahles-Spruch nur ein Scherz?
Schmiert niemandem Honig um den Mund: Andrea Nahles (SPD). Foto: dpa
Sprache

War der derbe Nahles-Spruch nur ein Scherz?

Die Ansage der neuen SPD-Fraktionschefin, der Union eins „in die Fresse“ zu geben, sorgt für Empörung. Doch der Linguist Thomas Niehr hält dagegen.

29.09.2017
  • Mathias Puddig

Berlin. Das Wort „Fresse“ erlebt derzeit eine unerwartete Konjunktur. Sicher, schon vor sechs Jahren schleuderte der damalige Bundeskanzleramtschef Ronald Pofalla seinem CDU-Parteikollegen Wolfgang Bosbach entgegen, dass er dessen „Fresse nicht mehr sehen“ könne. Erst seit diesem Jahr findet das Wort aber auch links der Mitte viel Beachtung.

Zuerst empfahl die Kreuzberger Bundestagskandidatin Canan Bayram dem Tübinger Bürgermeister Boris Palmer (beide Grüne) in Fragen der Flüchtlingspolitik „die Fresse zu halten“. Ihre SPD-Konkurrentin Cansel Kiziltepe sagte kurz vor der Wahl, dass diese Wortwahl unglücklich sei und sie wohl „Klappe“ gesagt hätte. Ausgerechnet die neue SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles kündigte direkt nach ihrer Wahl jedoch an, dass fortan die Union „in die Fresse“ bekomme. Sie schaffte es damit sogar in die ARD-„Tagesthemen“. „Ich hab' am Rande des Kabinetts einen Spruch gemacht, und die Kolleginnen und Kollegen der CDU/CSU haben darüber gelacht“, erklärte sie dort. „Also, ich glaube, das ist klar als Scherz erkennbar.“

In Teilen der Union sieht man das nicht so. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer Michael Grosse-Brömer schimpfte in der „Bild“ über den „Hinterhof-Jargon“ und kündigte an: „Wir als Union werden uns einer drohenden Verrohung der Sitten im Bundestag klar entgegenstellen.“ Doch gibt es diese Verrohung überhaupt? Der Linguist Thomas Niehr von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen bejaht das zwar grundsätzlich – sieht aber in der Nahles-Aussage kein Symptom dafür. „Ich kann gut verstehen, dass man versucht, diese Äußerung zu instrumentalisieren“, schätzt er die Reaktion aus der Union ein. „Von daher war diese Äußerung taktisch sicherlich nicht sehr klug.“

Niehr, der der Arbeitsgemeinschaft „Sprache in der Politik“ vorsitzt, erklärt aber, dass Nahles durch „ihre Gestik und Mimik, durch ihr Lachen angedeutet hat, wie die Aussage gemeint war: scherzhaft“. Er sieht die Verrohung woanders. „Ich denke da an den AfD-Sprachgebrauch“, sagt er. Alexander Gaulands Ankündigung, „wir werden Frau Merkel jagen“, ließe sich „eventuell noch rechtfertigen“. Ernster sei der Satz, Aydan Özoguz entsorgen zu wollen. „Entsorgen“ trete stets gemeinsam mit „Müll“ auf. „Da wird sprachlich ein Mensch mit Müll und Abfall gleichgesetzt“, erklärt Niehr. Das habe eine andere Qualität als der Nahles-Spruch. „Das sind vorsätzliche Grenzüberschreitungen.“

Auf einen anderen Unterschied weist der Politikwissenschaftler Thorsten Faas hin. Während es im Netz teils große Aufregung über Nahles gab, glättet er die Wogen. „Kriegt man auf Fresse, hat man dicke Lippe. Wird man mit Erfolg (aus Jägersicht) gejagt, ist man tot“, so Faas bei Twitter. „Beides nicht optimal, aber doch anders.“

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29.09.2017, 06:00 Uhr
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