Pro & Contra Impfstopp Astra-Zeneca

War der Impfstopp richtig?

Die Impfungen mit dem Wirkstoff von Astra-Teneca wurden nach Fällen von Hirnvenen-Thrombosen ausgesetzt. Was dafür und was dagegen spricht - zwei Kommentare.

17.03.2021

Von MICHAEL GABEL

Pro Impfstopp
von Michael Gabel

Bei dem Vakzin besteht in wenigen Einzelfällen der Verdacht auf tödliche Nebenwirkungen. Impfen im Schneckentempo, kaum Schnell- und Selbsttests sowie ein Hin und Her bei den Lockerungen – Deutschland gibt bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ein miserables Bild ab. Jetzt kommt auch noch der Impfstopp bei Astrazeneca hinzu, der die Aussicht auf baldige Lockerungen gehörig dämpft. Doch so ärgerlich die nun entstehenden Probleme sind, es war richtig, die Notbremse zu ziehen. Die Bundesregierung musste der Empfehlung des bundeseigenen Paul-Ehrlich-Instituts zwingend folgen. Ansonsten hätte sie in der Krise auch den letzten Rest ihrer Glaubwürdigkeit verspielt.

Wozu sonst hätte ein Gesundheitsminister Spahn seine Expertinnen und Experten, wenn er ihre Warnungen in den Wind schlagen würde? Das wäre ihm zu Recht als unseriös angekreidet worden. Spahns Entscheidung beschädigt das Image des Impfstoffs, ja, aber nur geringfügig. Ein deutlich größerer Schaden war schon zuvor eingetreten, als zunächst Zweifel an der Wirksamkeit für Ältere gestreut wurden und später in Dänemark der erste Verdacht auf gefährliche Nebenwirkungen aufkam.

Die Impfungen mit Astrazeneca auszusetzen, heißt ja auch nicht, sie zu beenden. Wahrscheinlich ist vielmehr folgendes Vorgehen: Wenn – hoffentlich nach wenigen Tagen – klar ist, welchem Personenkreis das Impfmittel Probleme bereiten könnte, werden die Impfungen beim Rest der Bevölkerung zügig wieder aufgenommen. Dann allerdings auf klarer wissenschaftlicher Grundlage. Und mit dem guten Gefühl, dass wenn schon das Impftempo insgesamt zu wünschen übrig lässt, wenigstens nicht auch noch die Gründlichkeit auf der Strecke geblieben ist.

Contra Impfstopp
von André Bochow
Natürlich ist Vorsicht besser als hinterher die Toten zählen zu müssen. Normalerweise. Wir haben aber keine normalen Verhältnisse. Wir haben eine Pandemie, die jeden Tag Todesopfer fordert. Sehr viele sogar. Wir können keinen weiteren dieser Tage verschwenden.

Der Impfstoff, wenn er denn wirklich für die festgestellten Thrombosen verantwortlich ist, wird nur in extrem wenigen Fällen lebensgefährlich. Und wir leben alle seit über einem Jahr in sich abwechselnden Lockdown-Phasen, fahren die Wirtschaft herunter, riskieren die Bildung und die psychische Gesundheit unserer Kinder – weil wir Menschenleben retten wollen. Es besteht – möglicherweise – ein Risiko, wenn wir weiter mit Astrazeneca impfen. Aber wir können jetzt schon die Risikogruppe eingrenzen. Es sind, nach allem, was wir bislang wissen, Frauen bis zu einem bestimmten Alter. Der Risikogruppe muss natürlich ein anderer Impfstoff gegeben werden. Das könnte sofort geschehen, ohne die Astrazeneca-Impfungen weiter zu unterbrechen. Denn je mehr Zeit vergeht bis ein kollektiver Impfschutz hergestellt wird, desto mehr Menschen opfern wir, desto länger tobt sich das Virus aus, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es neue, gefährlichere Mutationen entwickelt.

Ja, es ist eine harte Abwägung. Einen nicht hundert Prozent sicheren Impfstoff weiter zu verwenden, ist eine ethische Zumutung. Wenn aber die festgestellte Gefahr, die einzige nennenswerte ist, dann kann sie nicht nur abgewendet werden, es ist auch leicht möglich, die zu Impfenden aufzuklären, die selbst über die Impfung entscheiden können und auch sonst im Leben Risiken eingehen.

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Erstellt:
17. März 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. März 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. März 2021, 06:00 Uhr

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