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„Wandelnde Zeitbomben“
Land in Angst: Schwerbewaffnete Sicherheitskräfte prägen inzwischen vielerorts in Frankreich das Stadtbild. Hier steht ein Soldat am Eiffelturm. Foto:dpa
Frankreich fürchtet die Rückkehr vieler IS-Dschihadisten und ihrer fanatisierten Kinder

„Wandelnde Zeitbomben“

Hunderte Franzosen sind für die Terrormiliz IS in den Dschihad gezogen. Die Geheimdienste in Paris sind alarmiert: Viele Kämpfer dürften bald zurückkehren.

29.08.2016
  • PETER HEUSCH

Paris. „In sechs bis zwölf Monaten wird der ,Islamische Staat' (IS) besiegt sein“, glaubt man im Umfeld des französischen Präsidenten François Hollande. Eine Einschätzung, die von den meisten Generalstäben jener Länder geteilt wird, die der US-geführten Anti-IS-Allianz angehören. Doch in dem Maße, in dem das Territorium im Irak und in Syrien zusammenschmilzt, welches das von der islamistischen Terrorgruppe ausgerufene Kalifat noch kontrolliert, wächst in Paris die Angst vor der Heimkehr französischer Dschihadisten. Die Gefahr, die von ihnen ausgeht, wird als „enorm“ angesehen.

In keinem anderen europäischen Land haben sich mehr Staatsbürger dem IS angeschlossen als in Frankreich. Derzeit sind rund 680 Franzosen, unter ihnen 140 Frauen, im IS-Kalifat präsent – sowie 420 Minderjährige. Laut den französischen Sicherheitsdiensten halten sie sich großteils in Syrien auf. Unter den Verteidigern der nordirakischen IS-Bastion Mossul sollen mehrere Dutzend französische Dschihadisten zu finden sein. Nach den unmittelbar bevorstehenden Kämpfen zur Rückeroberung Mossuls jedoch und spätestens, wenn die Anti-IS-Allianz auf syrischem Boden vorrückt, rechnet man in Paris mit einer geballten Rückkehr der französischen IS-Kämpfer und ihrer Familien.

„Keinen Augenblick lang“, so warnt Patrick Calvar, dürfe man vergessen, dass zu diesen künftigen IS-Veteranen zahlreiche „gestählte“ Terroristen sowie als „Fälle für die Psychiatrie“ einzustufende Fanatiker gehören. Den Direktor des Inlandsgeheimdienstes DGSI beunruhigen vor allem jene durch jahrelange Kämpfe ebenso abgestumpften wie schlachterprobten Islamisten, die zu „wahren Killern“ geworden seien. Calvars Kollegen vom militärischen Geheimdienst sehen das genauso. Nur anfangs seien die französischen Rekruten als Repräsentanten einer „verweichlichten westlichen Smartphone-Generation“ von der IS-Führung als eher unzuverlässig eingestuft und vorwiegend als Polizisten oder Gefängniswärter eingesetzt worden.

Spätestens ab 2014 muss sich das geändert haben, wie schon die Zahl von inzwischen mehr als 200 bei Kämpfen oder Selbstmordattentaten getöteten französischen Dschihadisten belegt. Mit anderen Worten: Den Islamisten aus Frankreich standen neben der obligatorischen sechswöchigen „Grundausbildung“ für jeden neuen Rekruten im Prinzip auch die Kampfausbildung sowie Spezialisierungen zum Sprengstoffexperten oder Scharfschützen offen. Im Zweifelsfalle, so fasst ein DGSI-Offizier zusammen, sei davon auszugehen, dass zahlreiche potenzielle Rückkehrer nicht nur sehr gut mit Schusswaffen umgehen können, sondern auch wissen, wo man sich diese besorgt oder wie man mit handelsüblichen Zutaten einen Sprengsatz bastelt.

Nicht zuletzt wies Patrick Calvar jüngst vor dem Verteidigungsausschuss des Senats darauf hin, dass man sich dringend mit dem Schicksal der demnächst aus dem Kalifat nach Frankreich kommenden Minderjährigen auseinandersetzen müsse. Etwa ein Drittel der 420 Kinder wurden in Syrien oder im Irak geboren und sind jünger als vier Jahre. Die Älteren jedoch reisten mit ihren Eltern aus und wurden in IS-Schulen erzogen. Calvar spricht von einer regelrechten Gehirnwäsche, die „wandelnde Zeitbomben“ geschaffen haben könnte. Mindesten drei Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren, die auf IS-Propagandavideos Gefangene durch Kopfschüsse exekutieren, haben die Dienste als Franzosen identifiziert. „Die Frage, wie wir mit solchen Minderjährigen umgehen sollen, darf uns nicht völlig unvorbereitet treffen“, fordert der DGSI-Direktor.

Identifizieren, abfangen, einkerkern – so lautet das Motto, nach welchem Frankreich mit heimkehrenden Dschihadisten verfährt. 322 juristische Verfahren wegen Angehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung sind in diesem Zusammenhang bereits eingeleitet worden, von denen die ersten in den vergangenen Monaten in Prozesse mündeten, bei denen lange Haftstrafen verhängt wurden. Aber selbst wenn bisher wohl die meisten Rückkehrer gefasst wurden, gelingt es einigen dennoch, durch das Netz der Sicherheitsdienste zu schlüpfen. Zu den neun Attentätern, die am 13. November Paris mit einer mörderischen Anschlagsserie überzogen und 130 Menschen getötet hatten, gehörten nach derzeitigen Erkenntnissen mindestens vier französische Rückkehrer aus dem Dschihad.

Fest steht, dass das Problem der Dschihad-Rückkehrer ein Dauerthema bei den sich seit dem Attentat in Nizza jagenden Sitzungen von Hollandes Sicherheitskabinett im Élysée-Palast ist. Die Regierung hat alle befreundeten Dienste gebeten, jede greifbare Information über die französischen IS-Kämpfer oder deren Bewegungen (etwa in die Türkei, in den Libanon oder nach Jordanien) umgehend weiterzuleiten. „Einen Linienflug werden die ganz bestimmt nicht nehmen, wenn es sie eines Tages nach Hause zieht“, seufzt ein Verantwortlicher des militärischen Nachrichtendienstes. Sehr viel wahrscheinlicher ist es, dass die Heimkehrer versuchen, als „falsche“ Flüchtlinge europäischen Boden zu erreichen.

Die Dschihadisten abzufangen, wird nicht zuletzt durch den Umstand erschwert, dass sie häufig mit falschen Papieren reisen. „IS“, so ein weiterer Pariser Agent, „versteht sich darauf, seine Mitglieder mit hervorragend gefälschten Pässen zu versorgen.“ Angesichts einer solchen Bedrohungslage ist es nur ein kleiner Schritt bis hin zu dem Versuch, die IS-Veteranen von morgen schon heute auszuschalten, vor Ort. Ein Schritt, den Frankreich bereits vor Monaten vollzogen hat. Verteidigungsminister Yves Le Drian sowie Premierminister Manuel Valls haben im Frühsommer zugegeben, dass einige der französischen Luftschläge im Irak und Syrien ganz gezielt der „Neutralisierung“, sprich Tötung französischer Dschihadisten dienen.

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29.08.2016, 06:00 Uhr
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