Raus aus der tiefen Spur

Waldkritiker klagen Staatsförster wegen ihrer Wirtschaftsweise an

Die Gruppe „Waldkritik“ will Großmaschinen aus empfindlichen Schönbuch-Bereichen raushalten. Dann wäre Schluss mit Forstwirtschaft, heißt es beim Kreis.

02.03.2015

Von Mario Beisswenger

Entringen. Andreas Luther steckt fest. Bis fast zur Oberkante seiner Gummistiefel ist er eingesunken in den aufgewühlten Waldboden auf dem Plateau der Pflanzschule beim Entringer Wildgehege. Der Reustener hat das mit Absicht gemacht, um zu zeigen, wie die großen Holzrücke-Maschinen mit dem Waldboden umgehen.

Luther gehört zur Gruppe „Waldkritik“, die systematisch vorgeht gegen die Verunstaltung des Schönbuches und gegen die langfristige Schädigung des Bodens, die sie befürchten. Der Rottenburger Harald Kunz glaubt nicht, dass sich die Bodenschäden durch Rückegassen auf zehn Prozent der Fläche konzentrieren lassen. Die Waldkritiker rechnen mit Bodenschäden, die langfristig die Gesundheit der Bäume gefährde, auf 30 Prozent der Fläche.

Waldkritik greift die Forstverwaltung im Kern ihres Selbstverständnisses an: der nachhaltigen Holznutzung. Die Boden-Schäden würden nirgends eingepreist. Dabei fänden sich Hinweise auf verdichtete Böden zuhauf. Joachim Eberle, der sich bei den Tübinger Uni-Geografen auch mit Böden beschäftigt, sieht allenthalben Verdichtungsanzeiger links und rechts der Rückspuren. „Wenn es grau wird und rostfleckig, dann ist das ein Zeichen für Verdichtung.“

Nicht immer Holz ernten und manchmal gar nicht

Die Waldfreunde verlangen von den beim Kreis organisierten Förstern, dass sie mehr Rücksicht nehmen auf die Schönbuch-Böden. „Manche Flächen kann man nutzen, aber nicht befahren“, sagt der pensionierte Förster Richard Koch. „Manche Flächen kann man gar nicht nutzen“, sagt Eberle. Sie stört das systematische Rücke gassen-Netz für große Forstfahrzeuge. Da stecke die Überlegung dahinter: Teure Technik rentiert sich durch mehr Einschlag. „Das funktioniert aber nicht“, meint Luther. Langfristig leide der Wald.

Der Gegenpol zur Waldkritik ist die Forstverwaltung beim Kreis, die sich auch um den großen Staatswaldbesitz kümmert, auf den die Kritik besonders zielt. „Wir brauchen ein feines Erschließungsnetz, für naturnahe Waldwirtschaft“, kontert Götz Graf Bülow vom Kreis. So lange es Konsens sei, dass eine Bewirtschaftung des Waldes richtig ist, so lange brauche es die Rückespuren. Die Schäden fielen zwar ins Auge, kleine Schlepper, die kreuz und quer fuhrwerken, wären unauffälliger, aber für den Waldboden in der Fläche schädlicher.

Punktuell sei „die Bodenfruchtbarkeit in den Gassen gestört“, aber auf 90 Prozent der Fläche – auf dieser Zahl besteht der Kreisförster – könne dann naturnah gewirtschaftet werden. Empfindliche Flächen herauszunehmen, sei nicht möglich. „Dann könnten wir die Forstwirtschaft einstellen.“ Die empfindlichen Flächen machten drei Viertel des Schönbuchs aus, darunter alle ebenen hochgelegenen Flächen.

Die Kritik aus der Bevölkerung an zerwühlten Waldwegen hat den Forst aber auch schon zu Änderungen gebracht, das räumt Graf Bülow ein. Die Maschinen würden nun weitgehend auf schonendere Fahrgestelle gesetzt. Kommende Saison sollen zum ersten Mal bodenschonende kleine Raupen, so genannte eiserne Pferde, die bisher noch eingesetzten kleinen Forstschlepper ersetzen.

Verstärkt will der Staatsforst auch eine Art Holzseilbahn einsetzen. Super schonend für den Waldboden, aber vielleicht gebe es dann auch neue Schneisen, sagt Graf Bülow. „Wir müssen auf den Flächen dann auch mehr Holz ernten für die Wirtschaftlichkeit.“

Für Bodenschäden nach Holzarbeiten im Schönbuch interessiert sich die Initiative Waldkritik (im linken Bild sind das von links Andreas Luther, Harald Kunz, Richard Koch und Joachim Eberle). Im Bild rechts versank Andreas Luther fast im Matsch. Solche Bereiche sollten gar nicht befahren werden, fordert die Gruppe.

Die im Internet mit einem Blog vertretene Gruppe Waldkritik hat auch das Zertifizierungsunternehmen FSC im Dezember zu den Rückespuren in den Schönbuch gebracht. Teilgenommen haben die Kritiker dann nicht, weil die Bedingungen ihnen nicht passten. Sie hätten das Vorgehen nicht dokumentieren und keine Diskussionen führen dürfen. FSC verweist auf das international immer gleiche Vorgehen. Aus Freiburg, dem deutschen Sitz, war auf Nachfrage zu hören, dass die rigiden Vorgaben intern vielleicht nochmal zu diskutieren sind. Das jährliche Audit wurde inzwischen „erfolgreich abgeschlossen“, wie es aus dem Stuttgarter Forstministerium heißt. Interne Regeln und Zertifizierungsvorgaben seien alle eingehalten worden.

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Erstellt:
2. März 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
2. März 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 2. März 2015, 12:00 Uhr

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