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Rundgang · Hedelfingen

Wald und Weinberge vor der Tür

Hedelfingen kämpft mit täglichen Autokolonnen, hat zum Ausgleich aber auch viel Natur zu bieten. Große Teile des Hafens liegen ebenfalls in dem Stadtbezirk.

09.09.2017
  • RAINER LANG

Stuttgart. Der Verkehr ist ein Dauerthema. Denn das Autoaufkommen in dem an Esslingen angrenzenden Stadtbezirk Hedelfingen im Osten Stuttgarts steigt immer weiter an. Schließlich geht es von der B 10 zur Filderauffahrt mitten durch den für den Bezirk namensgebenden Stadtteil Hedelfingen. Für Anwohner ist die Verkehrssituation eine „Katastrophe“. Entlastung ist nicht in Sicht. Eine Umgehung wird es in absehbarer Zeit nicht geben.

Nadelöhr ist der Hedelfinger Platz. Hier kreuzen sich Autos, Busse und die Stadtbahnlinien U 9 und U 13 mit der Endhaltestelle. Bezirksamt sowie Handels- und Gewerbeverein wollen den Platz als Eingangstor nach Hedelfingen durch den Umbau zum Kreisverkehr aufwerten. Nachdem an der Durchgangsstraße eines der letzten Einzelhandelsgeschäfte geschlossen hat, ist das Erscheinungsbild dort stark von schummrigen Kneipen und wenig ansehnlichen Häusern geprägt.

Trotzdem ist Sonja Lenz vor zwölf Jahren hierher gezogen. „Zum einen wegen der guten Anbindung ins Stadtzentrum. Zum anderen, weil ich hier die Natur direkt vor der Haustür habe“, betont die Schriftführerin des Handels- und Gewerbevereins, die vor zehn Jahren eine eigene Kochschule eröffnete.

Insgesamt umfasst der Stadtbezirk vier ziemlich ungleiche Stadtteile. Von dem an der B 10 gelegenen Hedelfingen mit Supermarkt und Discountern geht es nicht nur weiter auf die Fildern, wo auf halber Höhe der Stadtteil Lederberg liegt, sondern unten im Tal zweigt eine Straße ins idyllische Dürrbachtal ab, wo das dörflich geprägte Rohracker liegt. Auch der Hafenbereich ist ein Stadtteil, der aber nach dem Eindruck von Lenz genauso wie der Lederberg, der gefragtes Wohngebiet ist, ein Eigenleben führt.

Bezirksvorsteher Kai Freier betont, kaum jemand wisse, dass 70 Prozent des Hafens zu Hedelfingen gehörten. Er lobt „den Zusammenhalt der Bevölkerung“ und „den Reiz der Topografie mit Tälern, Weinbergen und Wäldern“.

Peter Hartmann hat vor 30 Jahren den Förderverein „Altes Haus“ in Hedelfingen mit ins Leben gerufen. Dieser wurde gegründet, nachdem es vor 35 Jahren gelang, ein Fachwerkhaus aus dem 16. Jahrhundert vor dem Abbruch zu retten. Heute beherbergt es ein kleines Museum mit einer heimatkundlichen Ausstellung. Hartmanns Frau Waltraut beschreibt ihren Mann als „wandelndes Ortslexikon“. Er selbst sagt: „Neubürgern fehlt oft der Bezug zum Ort, deshalb müssen wir Älteren uns engagieren.“ Hartmanns Großvater hatte es einst bei der Arbeitssuche nach Hedelfingen verschlagen. Nachdem sich Daimler angesiedelt hatte, seien in den 20er Jahren viele aus dem Schwarzwald hergezogen, erzählt der 77-Jährige. Später kamen die Migranten, die heute einen Großteil der Bevölkerung ausmachen.

Die alteingesessenen Familien bezeichnet Hartmann als „Hedelfinger Adel“. Das waren die Kleinbauern und Weingärtner. Noch heute spielt der Weinbau eine große Rolle. Mittelpunkt des Orts ist die Kelter. Ein Höhepunkt im Jahr ist der Weinwandertag im Mai, bei dem sich die Teilnehmer teilweise „wie in der Toskana“ vorkommen. Veranstaltet wird der Tag gemeinsam mit Rohracker. Dort sitzt übrigens die kleinste Weingärtnergenossenschaft Baden-Württembergs.

Im Gegensatz zur Hedelfinger Lage ist der Rohracker Lenzenberg nicht flurbereinigt worden und bildet damit eine der letzten historischen Weinberglagen mit alten Weinberghäuschen und Trockenmauern. Obwohl neue Wohngebiete am Rande des alten Orts entstanden sind, hat der Stadtteil einen eigenen Charakter bewahrt, der von Bewohnern gern als „gallisches Dorf“ bezeichnet wird. Der Ort kann auf eine lange Tradition zurückblicken, wie die aus dem 15. Jahrhundert stammende evangelische Bernhardskirche zeigt.

Friedrich Schiller soll hier in der inzwischen geschlossenen Gaststätte „Waldhorn“ im Schillererker gespeist haben. Früher waren die Bewohner als „Welschkorneber“ bekannt, die den Mais, das Welschkorn, anbauten und täglich Brei aßen. Ab den 20er Jahren galt Rohracker dann als kommunistische Hochburg. 1932 wurde hier die Bauerntragödie „Bauer Baetz“ des kommunistischen Schriftstellers und Arztes Friedrich Wolf uraufgeführt.

Geschäfte gibt es heute fast keine mehr. Aus der früheren Metzgerei wurde eine Schneiderei. Ein vielseitiges Kulturprogramm bietet hingegen das Bürgerhaus „Alte Schule“, das von einem Förderverein getragen wird. Golfspieler sind ebenfalls willkommen. Seit 2013 gibt es oberhalb des Orts sogar eine „Driving Range“.

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09.09.2017, 06:00 Uhr
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