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Wael Shawky zeigt in Bregenz die Geschichte der Kreuzzüge als Puppenspiel
Filmstill aus dem dritten und jüngsten Teil der „Cabaret Crusades“ von Wael Shawky: „The Secrets of Karbala“. Foto: Courtesy of Wael Shawky und Sfeir-Semler Galerie, Beirut/Hamburg
Der Drache Krieg ist blind

Wael Shawky zeigt in Bregenz die Geschichte der Kreuzzüge als Puppenspiel

Keiner weiß, wofür er wirklich stirbt: Der ägytische Künstler Wael Shawky lässt in Bregenz Puppen die Geschichte der Kreuzzüge spielen.

18.08.2016
  • LENA GRUNDHUBER

Bregenz. Es geht Klage um Aleppo. „Ein bohrendes Schwert, fließendes Blut“, singt der Kadi Ibn Al-Khashab: „Wie viele Muslime wurden ausgeplündert? Und die Reinheit wie vieler muslimischer Frauen wurde beschmutzt? Aus wie vielen Moscheen wurden Klöster?“ Wir schreiben das Jahr 1102. Kreuzfahrer Tankred erzwingt das Kreuz auf der Moschee.

Die Länder mögen andere Namen, die Kriegsparteien andere Wappen tragen, die umkämpften Gebiete sind deprimierenderweise heute fast die gleichen wie damals. Und die Menschen darin sind dem Spiel der Mächte einst so hilflos ausgeliefert wie jetzt auch. Im Streit um den größten Gott rollen Köpfe – Puppenköpfe. Der Künstler Wael Shawky transportiert seine Botschaft im Kunsthaus Bregenz schon in der Form: Als verfilmtes Marionettentheater erzählt er die Geschichte der Kreuzzüge. Seine Akteure hängen an Fäden, sprechen mit geliehenen Stimmen. Für wen oder was sie wirklich sterben, das wissen die Puppen auch dann nicht, wenn sie die Insignien irgendeines Herrschers tragen.

Der ägyptische Künstler, Jahrgang 1971, ist mit seinen „Cabaret Crusades“, ausgehend von einem Buch des französisch-libanesischen Autors Amin Maalouf, bekannt geworden. Die Videos fielen unter anderem schon auf der documenta 13 in Kassel auf, nun hat das Kunsthaus Bregenz Wael Shawky das Zumthor-Gebäude am Bodensee zur Verfügung gestellt. Zu sehen sind zwei der insgesamt drei Teile, endend mit der Zerstörung Konstantinopels.

In geheimnisvoll ausgeleuchteten Vitrinen in der Eingangshalle unten kann man die Akteure des erst 2014 fertiggestellten Schlussteils „Secrets of Karbala“ über den Zweiten und Dritten Kreuzzug von Angesicht zu Angesicht kennenlernen. Prächtig gewandet sind die Puppen, in Samt und Seide, Perlen und Pelz gekleidet. Die Körper bestehen aus kostbarem Murano-Glas, ihre Köpfe allerdings sind von surrealer Tierhaftigkeit. Nachher, in den Filmen, wird man sie auf klirrende Leichenberge rollen sehen; aus Edelglas rinnt Blut.

Im ersten Obergeschoss sind es noch Keramikpuppen, die auf unsicheren Beinen durch die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts wackeln. Kamelkopf unter Pickelhaube, Fischbart unter Pelzhut, der Blick blöde geworden von sinnlosen Kämpfen. Riesige Augen in leichenblassen Gesichtern starren auf die Schlachtfelder.

Der Weg führt von Damaskus nach Aleppo, von Tripolis nach Jerusalem und Venedig, wo dubiose Geschäfte mit dem Krieg abgeschlossen werden. Shawky erzählt eine verworrene Geschichte von Habgier, Lüge und Verrat, der vielleicht nicht jeder Besucher leicht wird folgen können. Denn die arabischen Dialoge sind nur mit englischen Untertiteln versehen. Was die Sprache nicht unbedingt leistet, übernimmt die dichte, atmosphärische Ästhetik der Filme. Die Figuren verhandeln etwa auf einer Drehscheibe – auch in Anspielung auf die Vorstellung von der Erde als Scheibe im Mittelalter.

Ob sie nun Richard Löwenherz, Saladin oder Friedrich Barbarossa heißen: Auch die Drahtzieher werden in Wahrheit gezogen. Der eigentliche, unheimliche Held der Geschichte ist vielleicht jenes riesige Wesen, das den obersten Stock beherrscht. Eine Mischung aus Kampfhubschrauber und Insekt wartet auf seinen nächsten Einsatz. Vor ihm fließt eine Fahne an der Wand hinab. Ihr Muster, ihre Farben können so oder auch ganz anders aussehen. Dem Ungetüm, das unter anderem auf den 11. September verweisen soll, ist's gleich. Der Drache Krieg ist grauenerregend blind.

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18.08.2016, 06:00 Uhr
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