Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Eine Stadt wehrt sich

Während des AfD-Parteitags, demonstrieren Horber Offenheit

500 Friedensdemonstranten auf dem Flößerwasen, 500 AfD-Parteimitglieder in der Rundberghalle. Der Samstag war ein Tag der Gegensätze in Horb. Während sich die einen im rechtskonservativen Nebel bewegen und sich vor dem Fremden fürchten, zeigen die anderen ein buntes und offenes Horb, in dem 80 Nationen friedlich zusammenleben.

25.10.2015
  • Dagmar Stepper

Es ist kurz vor 11 Uhr. Herbstzauber vor der Rundhalle. Nur die Bereitschaftspolizisten passen nicht recht ins Bild. Fünf Männer und Frauen in Uniform stehen im Kreis, blinzeln in die Sonne, langweilen sich. Jetzt wird gleich der Landesparteitag der Alternative für Deutschland (AfD) eröffnet. Die letzten Delegierten hasten zum Eingang. Eine Frau, Mitte 40, stöckelt im Kostüm die Treppe herunter. „Hier riecht es schön nach Kuhmist“, ruft sie aus.

Während des AfD-Parteitags, demonstrieren Horber Offenheit
Jugendlicher Schwung und Engagement – so zeigte sich die Friedensdemo auf dem Flößerwasen und Mitorganisatorin Viviana Weschenmoser (Mitte). Bilder: Kuball

Es ist kurz vor 14 Uhr. Herbstzauber auf dem Flößerwasen. Auch hier gibt es jede Menge Polizei. Doch sie gehen in der Menge unter. 500 Menschen sind auf dem Platz. Es herrscht Partystimmung, auch wenn der Anlass ein ernster ist. 17 Organisationen haben zur Kundgebung eingeladen. Sie steht unter dem Zeichen „Frieden, Willkommen und Respekt für alle“. Nein, es ist keine Gegenveranstaltung zur AfD, sagt Mitorganisatorin Viviana Weschenmoser. Aber wenn der Landesparteitag nicht wäre, hätte es auch keine Friedenskundgebung gegeben. „Ihr seid das helle Deutschland“, ruft Weschenmoser ins Publikum.

Das Wort „Deutschland“ fällt ebenfalls in der Hohenberghalle. Sehr häufig sogar. Aber in einem anderen Zusammenhang. „Wir wollen nicht, dass sich Deutschland in einem Strom fremder Menschen auflöst“, bellt Alexander Gauland ins Mikro. Er ist Fraktionsvorsitzender der AfD im brandburgischen Landtag, 12,2 Prozent hat die Partei 2014 dort gewonnen. So viel wie sonst keine in Deutschland. Der 73-Jährige bereitet mit seinen rechten Parolen den Weg für Spitzenkandidat Jörg Meuthen. Gauland teilt aus, die Kanzlerin wird heftig kritisiert: „Das sind nicht unsere Flüchtlinge, die wir hier aufnehmen.“ Im Saal gibt es dafür viel Zustimmung. An langen Tischen sitzen rund 500 Parteimitglieder und Gäste. Die Tische sind mit Deutschlandflaggen dekoriert. Die älteren Herren sind in der Mehrzahl. Aber es finden sich auch Frauen und junge Männer darunter. Und propere Buben in Anzügen und Fliege flitzen ebenfalls durch die Halle. Als Gauland seine Rede beendet, gibt es Standing-Ovations und glückliche Gesichter. Vor allem als er prophezeit, dass die AfD im März bei der Landesstagswahl in Baden-Württemberg mehr Prozente holt als in Brandenburg.

Für die Menschen auf dem Flößerwasen wäre das wohl eine Horrorvorstellung. Sie sind hier, um gerade das zu verhindern. Die Stadt ist voller Plakate, die signalisieren, dass die AfD keine Alternative für Horb ist. „Das momentane Klima des Hasses und der Gewalt geht auch auf das Konto der AfD“, sagt Gökay Akbulut. Sie ist Stadträtin in Mannheim und Mitglied des Landesverbands der Linken. Vor ihr stand Margarete Rebholz auf dem Podium. Rebholz spricht für die Kreis-FDP. Sie zitiert Heinrich Heines bekannten Gedichtanfang: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ „Auch ich habe gerade viele schlaflose Nächte, wenn ich Pegida-Demonstrationen und brennende Flüchtlingsheime sehe“, erzählt sie und man spürt ihre Betroffenheit. Die beiden Frauen mögen sich politisch nicht nahe stehen. Doch was sie eint, ist die Empathie für Menschen auf der Flucht, die hier in Deutschland Asyl suchen. Und die Ablehnung von braunem Gedankengut und rechtspopulistischer Hetze.

Derweil gibt sich AfD-Spitzenkandidat Jörg Meuthen auf der Tribüne in der Rundhalle moderat. Lässig steht der 54-jährige Wirtschaftswissenschaftler am Rednerpult. Ein Manuskript braucht er nicht. „Hier in diesem Saal gibt es keine Hassbotschaften und keine Ausländerfeindlichkeit“, sagt er. Meuthen will die liberale und konservative Wählerschaft nicht erschrecken. Doch im 63-seitigen Parteiprogramm werden andere Töne angeschlagen. Hier wird von „schrankenlosem Einwanderungswahn und der Willkommensdiktatur der Altparteien“ gefaselt. Fast allen Flüchtlingen, die hier dauerhaft bleiben wollen, wird unterstellt, dass sie nicht an Leib und Leben bedroht sind, sondern das deutsche Sozialsystem ausbeuten wollen.

Horbs Oberbürgermeister Peter Rosenberger sieht das anders. Morgens bei der AfD fiel sein Name. Man nahm ihm die Ablehnung eines Grußworts in der Rundhalle übel. Doch für Rosenberger ist das eine Auszeichnung. „Demokraten müssen hier einiges aushalten“, sagt er auf dem Flößerwasen. Und er hat auch eine klare Meinung, warum sich hier niemand vor Flüchtlingen fürchten muss: „Die Menschen flüchten, weil sie um ihr Leben fürchten. Und vor solchen Menschen sollten wir Angst haben?“

Andere Befürchtungen herrschten im Vorfeld. Rechte und linke Demonstranten könnten beim AfD-Parteitag oder der Friedenskundgebung für Krawall sorgen. Die Polizei hatte daher einige Beamten nach Horb beordert. Bei der AfD kommt es auch zu einem Zwischenfall. Am Samstagnachmittag verwehrt der Sicherheitsdienst bei der Einlasskontrolle in die Rundhalle sechs Kumpels im Alter zwischen 17 und 26 Jahren den Zutritt. Die Polizei kontrolliert die Gruppe auf dem Parkplatz und findet im Auto zwei nicht geladene Schreckschusswaffen und Munition. Ein 21-Jähriger hat einen Waffenschein, ein 17-Jähriger aber nicht. Er muss jetzt mit einer Anzeige rechnen.

Auf dem Flößerwasen bleibt es aber friedlich – auch wenn Viviana Weschenmoser in der Nacht auf die Kundgebung böse Kommentare auf Facebook bekommt. Zlatko Glatki von der IG Metall hatte kurz für Irritation gesorgt. Er ist ein großgewachsener, kräftiger Mann mit einer Glatze. „Ein paar haben sich erschrocken, als sie mich sahen“, erzählt er, „aber keine Angst, ich habe mich hier nicht als rechter Gegner eingeschlichen. Meine Frisur ist naturbedingt.“ Daraufhin lacht das Publikum. „Es war ein schönes, buntes Fest“, stellt so Weschenmoser am Ende fest. Mitorganisator Stefan Dreher von den Linken sieht das genauso. „Wir haben gezeigt, dass Horb anders aussieht.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

25.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Sozialwohnungen Offensive mit einem Haken
Angelika Bachmann über eine Erkenntnis 30 Jahre nach dem Abitur Sechs Algorithmen in einem karierten Schulheft
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular