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Stimmen aus der Region zur vermeintlich gekauften Fußball-Weltmeisterschaft

WM 2006: Schwarzgeld oder Schwachsinn?

Wie gehen hiesige Funktionäre mit den Bestechungsvorwürfen gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB) um? Eine Frage, der das TAGBLATT nachgegangen ist. Und sich generell mal umgehört hat, wie es sich verhält mit den Deutschen und der Moral in solchen Angelegenheiten.

19.10.2015
  • Moritz Hagemann

Kreis Tübingen. Die große Vorfreude, das erste WM-Tor von Philipp Lahm, dann das Elfmeter-Drama gegen die Argentinier und später der Verlängerungs-Knockout gegen Italien – Erinnerungen, die von der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 geblieben sind. Es sollte ein riesiges Fest werden – und es war das „Sommermärchen“. Doch seit vergangener Woche gibt es schwere Korruptionsvorwürfe rund um die WM-Vergabe. Der „Spiegel“ hatte berichtet, dass der Deutsche Fußball-Bund (DFB) für 6,7 Millionen Euro über den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus vier asiatische Wahlstimmen aus Schwarzen Kassen gekauft haben soll.

Sollte es so kommen, dass sich die Vorwürfe bewahrheiten, so sagen einige Fußballfunktionäre, hätte dies für den Regionalfußball keine Auswirkungen. Da sind sich Ralf Hartmann (Abteilungsleiter des TSV Hirschau), der Hemmendorfer Spielerberater Karlheinz Eberle und der Bezirksvorsitzende Horst Beck einig. Letzterer fordert aber: „Auch die Vereine hier müssen wissen, was da gespielt wird.“ Generell sei er „skeptisch“, sagt Beck, wenn er über diese Angelegenheit nachdenke. Die Art und Weise, mit welcher Nachhaltigkeit der DFB die Darstellungen des „Spiegel“ dementiert, veranlasse Beck zu glauben, „dass die Anschuldigungen vielleicht doch nicht stimmen“. Der Württembergische Fußballverband (WFV) ist nicht in die Sache involviert. Kein Geld, so versichert Beck, werde in die Kassen des DFB abgeführt.

Guido Buchwald glaubt an Unschuld des DFB

WM 2006: Schwarzgeld oder Schwachsinn?
Gerade hatte die deutsche Nationalmannschaft Ecuador im abschließenden Vorrundenspiel mit 3:0 besiegt, da feierten die Fans auch in der Tübinger Mühlstraße ausgelassen. In den letzten Tagen hüllte sich nun ein fragwürdiger Schleier über das „Sommermärchen“ in Deutschland. Archivbild: Metz

Zwei Personen stehen im Zentrum des medialen Interesses: Wolfgang Niersbach, der DFB-Präsident, und Franz Beckenbauer, Chef des WM-Organisationskomitees – außerdem Trainer der deutschen Weltmeister-Auswahl von 1990. Da war der Wannweiler Guido Buchwald als Spieler dabei. Für den ist an all den Vorwürfen „mit Sicherheit nichts dran“. Gerade weil er Beckenbauer kenne und ihn während seiner Zeit in Japan auch als Promoter für die WM erlebte, sagte Buchwald auf TAGBLATT-Nachfrage: „Die WM in Deutschland war ja eine Sache, die auch im Ausland auf große Begeisterung gestoßen ist.“ Und damit nicht mit kommenden Austragungsländern wie Katar 2022 zu vergleichen sei. Die Rolle von Beckenbauer, „der ja einen Kaiserschein auf seinem Kopf hat“ (Beck), ist umstritten. „Wenn die Vorwürfe stimmen“, sagt der Hirschauer Hartmann, „hat er auf Lebzeiten sein Image in den Sand geschossen.“ Eberle glaubt an „Machtspiele“ beim DFB.

Grundsätzlich steht die Anfälligkeit solcher Sportevents für kriminellen Missbrauch in der Kritik. „Diese Art von Sportveranstaltungen lebt davon, dass Bestechungen Teil der Geschäftsgrundlage sind“, sagt Thomas Potthast. Der ist der Sprecher und einer der Vorsitzenden des internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) in Tübingen. Potthast spricht von „Geschäftsfeldern, in denen das üblich ist“. Und verweist in Anspielung auf den suspendierten Fifa-Boss Joseph Blatter: „Es wäre merkwürdig, wenn alle glauben, dass es nur in der Schweiz Schurken gibt und in Deutschland nicht.“

Die WM im Nachhinein zu demontieren, davon halten die Befragten nicht viel. „Ich denke sehr gerne an die WM zurück“, sagt Buchwald. „Für Blödsinn“, hält es Potthast, wenn die Leute jetzt sagen: „Das arme Sommermärchen, da fällt ein Schatten drauf.“ Denn dieses „Sommermärchen“ ist nun schon gut neuneinhalb Jahre vorbei. Auch in Tübingen haben die Fans mitgefiebert, auf der Neckarbrücke die Siege gefeiert und die ein oder andere Träne vergossen, als Fabio Grosso alle Träume vom deutschen WM-Sieg beendete. Und ob die WM nun gekauft war oder nicht: „In einem halben Jahr“, sagt Ralf Hartmann, „ist das Thema vergessen. Da gibt es wieder Wichtigeres auf der Welt.“

Ralf Hartmann ist nicht nur Fußballfunktionär beim TSV Hirschau, sondern leitet auch ein eigenes Unternehmen. Er sagt: „Von Skandalen lebt die Welt.“ Zuletzt hatte ein solcher Skandal in der Automobilbranche für Aufsehen gesorgt. Thomas Potthast vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW) in Tübingen nennt die milliardenschwere Siemens-Affäre, die Ende 2006 erstmals publik wurde, vergleichbar mit den Skandalen bei sportlichen Großveranstaltungen. Die Bestechungsvorwürfe an den DFB hält Potthast demnach für „plausibel“. Doch wie sollte man in Zukunft damit umgehen? Organisationen wie die Fifa sollten „einer moralischen Prüfung standhalten“, sagt Potthast. Und Ralf Hartmann fügt hinzu: „Normal muss man sagen: ,Da sollten wir eigentlich gar nicht mehr ins Stadion gehen.‘“

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19.10.2015, 12:00 Uhr
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