Tübingen · Europaplatz

Flüssigboden-Verfahren: Vorzüglicher Matsch

Auf dem Europaplatz wird zum Auffüllen von Baugruben das Flüssigboden-Verfahren angewandt. Es spart CO2, Geld und Zeit.

17.12.2019

Von Sabine Lohr

Wird der Flüssigboden in die Grube gefüllt, haben die Bauarbeiter nicht mehr zu tun als zuzuschauen. Beim Pressetermin wurde langsam eingefüllt – normalerweise spritzt es viel mehr. Bild: Ulrich Metz

Auf flüssigem Boden möchte man eigentlich nicht stehen – und doch werden das die Passanten auf dem Europaplatz bald tun. Dann allerdings ist der Flüssigboden ausgehärtet und kann nicht nur Menschen, sondern auch schwere Busse tragen.

Zu sehen ist dieser Boden in flüssigem Zustand zur Zeit jeden Tag. Überall dort, wo am Europaplatz Leitungen verlegt werden, kommt das noch junge Verfahren zum Einsatz. Bisher wurden Baugruben nach dem Verlegen der Rohre mit frischer Erde Schicht für Schicht aufgefüllt und unter gehörigem Lärm mit Rüttelmaschinen verdichtet. Das hat neben dem Krach gleich mehrere Nachteile: Zunächst muss die ausgehobene Erde auf eine Deponie gebracht und neue herangeschafft werden, was einen erheblichen Transportaufwand bedeutet. Außerdem setzt sich der neue, durchs Rütteln verfestigte Boden im Lauf der Zeit weiter, weshalb es zu Unebenheiten im Belag kommt. Und immer wieder entstehen Risse, weil die Zusammensetzung der aufgefüllten Erde nicht mehr mit der in der direkten Umgebung übereinstimmt.

Der Flüssigboden löst diese Probleme. Er besteht aus genau der Erde, die ausgehoben wurde. Sie wird auf einem Umschlagplatz deponiert – im Falle des Europaplatzes ist dieser im Anlagenpark, dort, wo die Schulcontainer standen. Dort wird die Erde grob gesiebt und mit Wasser und Beimischungen vermengt. Diese Beimischungen können ganz unterschiedlicher Art sein, je nachdem, welche Eigenschaften gewünscht werden. „Flüssigboden kann so gesteuert werden, dass er schnell oder langsam trocknet, dass er Wärme leitet oder Schwingungen dämpft“, erklärte am Montag bei einer Pressekonferenz vor Ort Olaf Stolzenburg, der Direktor des privaten Forschungsinstituts für Flüssigboden in Leipzig. Über 170 Aufbereitungsmöglichkeiten gebe es, weshalb Flüssigboden auf vielen Baustellen eingesetzt werden kann.

Auch besser für Bäume

Durch die sehr kurzen Transportwege wird weniger CO2 produziert. Im Falle der Leitungsverlegungen am Europaplatz werden laut Stolzenburg 300 Tonnen CO2, 300.000 Euro und die Hälfte der Bauzeit eingespart. Dazu kommt, dass mit dem Verfahren Bäume gerettet werden können, denn der matschige Flüssigboden legt sich um die Wurzeln. Besonders geeignet ist das Verfahren für den Straßenbau, weil sich Flüssigboden nicht mehr setzt, also nicht weiter absenkt. Dadurch werden Straßen viel haltbarer.

Warum denn dann überhaupt noch konventionell gebaut werde, fragte Oberbürgermeister Boris Palmer. „Aus wirtschaftlichen Interessen“, meinte Stolzenburg. Palmer fiel dazu die Kieswirtschaft ein, als einem möglichen Interessenten an der herkömmlichen Methode. Bisher jedenfalls werde die Flüssigbodentechnik nur bei einem Prozent der Baustellen in Deutschland eingesetzt, so Stolzenburg.

Gut für die Altstadt geeignet

Der OB, der diese Zahl „Wahnsinn“ nannte, will das für Tübingen nun ändern und dort, wo es geht, mit diesem Verfahren arbeiten lassen. Katrin Korth, Projektleiterin Europaplatz, fand, dass sich das Flüssigboden-Verfahren sehr gut für die Altstadt eigne: „Das macht nicht so viel Lärm und die Häuser leiden auch nicht unter den Erschütterungen beim Rütteln.“ Nehmen die Flüssigboden-Baustellen in Tübingen zu, braucht die Stadt dafür aber einen größeren Umschlagplatz, denn es müsste viel Erde deponiert werden. Mindestens 1000, besser 2000 Quadratmeter groß sollte der Platz sein. Albert Füger, Leiter des Fachbereichs Tiefbau, deutete an, dass er schon eine Idee für einen Standort habe.

Eine große Menge Erde wir anfallen, wenn die Grube für die Tiefgarage unterm Europaplatz ausgehoben wird. Auch für den Bau der Garage könnte Flüssigboden eingesetzt werden, sagte Bernd Schwär von Breinlinger Ingenieure Tiefbau aus Tuttlingen, der für die Planung der Leitungsarbeiten am Europaplatz verantwortlich ist.

Streit-Lust: Europaplatz-Baustelle
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Flüssigboden und Fußgängerumleitungen: Wie läuft's bei der Tübinger Europaplatz-Großbaustelle? Video: Hans-Jörg Schweizer

© Hans-Jörg Schweizer 03:46 min

Leitungsarbeiten bis September 2020

Seit Anfang Oktober werden am Europaplatz Leitungen verlegt, an vielen Stellen gleichzeitig. Deshalb werden die Passanten auf immer wieder anderen Wegen zu den Geschäften, zum Bahnhof und zu den Bussen geleitet. Demnächst werden auch in der Europastraße Ost – zwischen Steinlachunterführung und Europaplatz – Leitungen verlegt. Dieses Straßenstück wird komplett umgestaltet und soll am Ende ungefähr so wie die bereits umgestaltete Karlstraße aussehen.

Die Leitungsarbeiten sollen etwa Ende September 2020 abgeschlossen sein. Der Umschlagplatz zur Herstellung des Flüssigbodens im Anlagenpark mit seinen beiden Silos und der Lagerfläche für Erde und Baumaterial wird mindestens ebenso lange bleiben.

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Erstellt:
17. Dezember 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Dezember 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Dezember 2019, 01:00 Uhr

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