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Kommentar zum Prüf- und Technologiezentrum auf dem Einsiedel

Vorstoß in die Tabuzone

Daimler und die Hofkammer des Hauses Württemberg wollen der Gemeinde Kirchentellinsfurt eine Teststrecke auf dem Hofgut Einsiedel schmackhaft machen. Für viele ist das einfach ein schlechter Witz. Schließlich liegt der Einsiedel – eine 340 Hektar große Lichtung mit besten Ackerböden – mitten im Naturpark Schönbuch.

29.09.2011

Von Uschi Hahn

Wanderern, Radfahrern und anderen Erholungssuchenden ist der Einsiedel mit seinen Alleen und grandiosem Blick übers Neckartal auf die Alb als Oase der Ruhe ans Herz gewachsen. Und ausgerechnet dort will der Weltkonzern seine neuen Modelle testen, den wertvollen Lösslehm-Boden versiegeln, Lärm machen, Zäune errichten?

Unvorstellbar schien bisher auch, dass die Nachfahren der württembergischen Könige ihr Erbe für ein derartiges Projekt hergeben könnten. Gehört der Einsiedel doch zum (ideellen) Tafelsilber des Hauses Württemberg: Hier stehen nicht nur Reste des Jagdschlosses von Graf Eberhard im Barte. Der Gründer der Tübinger Universität ließ sich hier 1496 sogar beerdigen. Noch die heutige Anlage mit ihren schnurgeraden Wegen zeugt von den Alleen, die Herzog Karl Eugen hier im 18. Jahrhundert zu seinem Lustschloss anlegen ließ. Und ausgerechnet diesen Besitz bietet die Hofkammer der Daimler AG auf dem Silbertablett an!

Der Konzern wird sich über das Angebot königlich gefreut haben. Aus Sicht der Autobauer scheint der Einsiedel ideal für das Prüf- und Technologie-Zentrum Süd. Das Gelände liegt quasi vor der Sindelfinger Haustüre. Anders als an den anderen Standorten Sulz am Neckar und Merklingen/Nellingen auf der Alb, um die sich Daimlerschon länger öffentlich bemüht, hat der Global Player es beim Einsiedel nur mit einem einzigen Eigentümer zu tun.

Allerdings, und das hat man sich in den Häusern Württemberg und Daimler vielleicht doch nicht so gut überlegt: Der Einsiedel ist Teil des Naturparks Schönbuch, des ältesten in Baden-Württemberg. Zum Naturpark wurde der 156 Quadratkilometer große Forst zwischen Stuttgart und Tübingen im Jahr 1972 überhaupt nur, weil sich die umliegenden Gemeinden vehement gegen den dort geplanten Großflughafen gewehrt haben. Seither ist der Schönbuch tabu für alle schwerwiegende Eingriffe in die zum Teil streng geschützte Natur.

So wie der Einsiedel des Königs Augapfel war, wurde der Naturpark Schönbuch zum Herzstück einer Umweltschutzidee, die die Ansprüche von Forst- und Landwirtschaft, Natur- und Artenschutz mit Freizeitbedürfnissen ausbalanciert. Es war stets Konsens, dass rein wirtschaftliche Interessen in diesem einmaligen Ökosystem keine vorrangige Rolle spielen dürfen.

Wer jetzt die Teststrecke ins Auge fasst, muss sich im Klaren sein: Sie wäre der Anfang vom Ende dieses Konsenses. Die Pläne von Hofkammer und Daimler legen die Axt an die Naturparkidee. Die Gemeinden drum herum, ja das Land, mit 63 Prozent der größte Eigentümer im Schönbuch, müssen dringend Klartext reden. Ein Witz ist dieser Vorstoß in die Tabuzone jedenfalls nicht.

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Erstellt:
29. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
29. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. September 2011, 12:00 Uhr

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