Die Revolution machte Pause

Vor fünfzig Jahren rebellierten in Tübingen die Studenten

Doch rebellierten die Studenten auch an Weihnachten? Wir fragten Alt-68er nach ihren Erinnerungen.

24.12.2017

Von Ulrich Janßen

Beate Jung

Für Beate Jung war Weihnachten immer etwas Besonderes. „An dieses Fest habe ich aus meiner Kindheit einfach sehr schöne Erinnerungen,“ sagt die ehemalige Lehrerin und langjährige AL-Stadträtin. Der Tannenbaum, die Lichter und vor allem, dass die berufstätige Mutter endlich mal ein bisschen Zeit für die Tochter hatte: Darauf wollte die junge Studentin auch im Jahr 1968, als die Studentenbewegung durch Deutschland fegte, nicht verzichten.

Vor fünfzig Jahren war Jung bekennende Linke. Sie unterstützte den SDS, verteilte Flugblätter, demonstrierte gegen den Schah und den Krieg in Vietnam und wurde mehrfach angeklagt. „Das ganze Jahr über“, meinte sie, „waren wir revolutionär tätig.“

Doch an Weihnachten fuhr die Revolutionärin gern nach Hause ins Ruhrgebiet, um wieder wie in der Kindheit vor dem Tannenbaum zu sitzen. Ausgerechnet am bürgerlichsten aller Feste, dem christlichen Weihnachten, das nach der Marxschen Lehre hauptsächlich der Aufrechterhaltung von Illusionen über die kapitalistische Gesellschaft dient,  machte die Revolution Pause. „Das“, räumt die heute 73-Jährige ein, „habe ich schon als komisch empfunden.“ Immerhin habe sie daheim auf die Christmette verzichtet, und Konsumterror gab es auch nicht. „Wir hatten ja gar nicht viel Geld und haben uns nur Kleinigkeiten geschenkt.“

Man redete lieber nicht drüber

Etwas revolutionärer ging es an Weihnachten bei Michael Kuckenburg zu. Der pensionierte Gymnasiallehrer, der gerade die große 68er-Ausstellung im Tübinger Stadtmuseum vorbereitet, brachte an Weihnachten 1968 seine damalige Freundin Jane mit nach Hause. Zur größten Überraschung seiner Eltern: „Die mussten schon schlucken, schließlich gab es damals noch den Kuppelparagraphen.“ Immerhin: Gefeiert wurde 1968 im Hause Kuckenburg ganz traditionell, mit Tannenbaum und Gesang.  

Fast alle Studenten, erinnert sich der 70-Jährige, der damals bei der MLPD aktiv war, seien 1968 brav nach Hause gefahren, um am Tannenbaum im Familienkreis traditionell zu feiern: „Da hockte niemand im Keller und hörte Ten Years After.“ Etwas unwohl hätten sich viele dabei aber schon gefühlt: „Wir nannten so ein Verhalten immerhin privatistisch.“ Das Weihnachtsfest war laut Kuckenburg für die linken Studenten insgesamt „eine schwierige Geschichte“, weil die bürgerlichen Traditionen in diesem Fall so schwer zu überwinden waren. „Da gab es sicher eine Doppelmoral, und es war auch etlichen ein bisschen peinlich, deshalb redete man lieber nicht drüber.“ Eine „revolutionäre Weihnacht“ habe es jedenfalls „nur in der Legendenerzählung“ gegeben.

Heute hat Kuckenburg seinen Frieden mit dem Fest gemacht. „Bei uns gibt es jedes Jahr einen Tannenbaum, selbstverständlich ökologisch, die Schwiegereltern kommen, wir packen Pakete aus, essen Fischsuppe und schauen irgendwann Loriot.“ Wie steht’s mit christlichen Weihnachtsliedern? Für Kuckenburg auch kein Problem. Er singt unbekümmert auch die frömmsten Texte mit. „Ich singe“, begründet das der Lehrer, „ja auch ,Wir lagen vor Madagaskar‘, obwohl ich da in Wirklichkeit gar nicht davor liege.“

Alice Mistygatz kam 1970 von Köln nach Tübingen. Die Studentenbewegung hat die 70-Jährige intensiv miterlebt. Sie lebte in WGs, war in zahllosen Komitees und AKs aktiv, erlebte 1968 in Köln große Polizeieinsätze mit („mit Pferden und allem“).

Bei Weihnachten aber denkt sie bis heute vor allem an ihre Kindheit im bayrischen Murnau, an die erleuchteten Fenster, den verschneiten Wald und „diese unglaubliche Stille, die Heiligabend immer bei uns einkehrte“. Weihnachten habe sie schon immer genossen, den Baum, den Schmuck, das Plätzchenbacken, den Geruch von Weihrauch. Alles gefiel ihr und gefällt ihr bis heute.

Dass sie auch auf dem Höhepunkt der Revolte nie Probleme mit dem christlichen Fest hatte, verdanke sie ihrer emanzipierten Mutter. Die habe sie sehr frei erzogen. „Andere wollten immer aus alten Traditionen ausbrechen, ich fühlte mich nie unterdrückt.“

Spätes Kiffen im Geigerle

In Tübingen hat sie trotzdem auch mal revolutionär Weihnachten gefeiert. Im Studentenwohnheim Geigerle, erinnert sie sich, stellten die Studenten einen Riesenbaum auf. „Dann gab es Geschenke, es wurde viel getrunken und gekifft.“ Da habe sie aber nie mitgemacht. Eine alternative Weihnachtsfeier gab es Anfang der Siebziger Jahre auch in der Wilhelmstraßen-Mensa. Veranstalter war nach den Erinnerungen von Beate Jung sogar der ASTA.

Einer, der den weihnachtlichen Frieden aus tiefster Überzeugung störte, war Stefan Paul. In seinem Programmkino Arsenal bot der gebürtige Stuttgarter von 1974 an allen Weihnachtsmuffeln eine fröhliche Alternative zur besinnlichen Festroutine: den Kultfilm „Themroc“. Darin entwickelt sich ein Anstreicher zum Kannibalen, der ohne Skrupel auch Polizisten verspeist. Der Anarcho-Streifen war der erste Film, den Paul verlieh: „Damit“, sagt er, „habe ich das Geld für den Kauf des Arsenal verdient.“ 

Was der heute 69-Jährige an Weihnachten 1967 machte, weiß er nicht mehr so genau. „Vermutlich war ich in meiner Kommune in Oberndorf“, sagt er. Dort wurde („natürlich ohne Tannenbaum“) an Heiligabend kräftig gefeiert - mit legalen und weniger legalen Drogen. Paul war damals SDS-Sympathisant, schrieb kulturkritische Aufsätze, doch lag ihm die Verbissenheit seiner Kommilitonen fern. „Wir wollten lieber Anarchie und Unterhaltung in die Bewegung bringen.“ 

Anfang der Siebziger Jahre war das Arsenal eine der wenigen Kneipen in der Stadt, die an Heiligabend geöffnet hatten. „Wir waren eine Heimstatt für alle Studenten, die nicht nach Haus konnten oder wollten.“ Speziell die ausländischen Studenten machten davon gern Gebrauch und aßen den guten Wurstsalat, der praktischerweise gleich in Eimern angeboten wurde. Heute ist der Filmregisseur und Kinobesitzer etwas ruhiger geworden. Er fährt Weihnachten nach Bremen: „Da mach ich dann in family.“

Eher intellektuell setzten sich die Studenten des Ludwig-Uhland-Instituts mit dem Fest auseinander. In einer Ausstellung auf dem Schloss Hohentübingen dokumentierten sie 1974, wie die „Geschenk-Industrie“ Weihnachten ausnutzte. Die Geschenke seien „Zeichen vergegenständlichter Liebe“ und zeigten, wie „menschliche Beziehungen durch Kauf- und Tauschakte aufrecht erhalten“ würden. Das romantische Weihnachten bezeichneten die Studenten im damaligen Jargon als „eine Erfindung der bürgerlichen Klasse“.

Ganz geheuer war den Studenten ihre Analyse aber selbst nicht: „Unsere Absicht ist es nicht, die Besucher zu verärgern“, erklärten sie brav zur Eröffnung. „Unser Ziel ist vielmehr, zum Nachdenken anzuregen.“

Bilder: Schäfer (2) / Archiv (2)

Michael Kuckenburg

Alice Mistygatz

Stefan Paul

1967: Proteste und Plakate in der Christvesper

Gut vorbereitet hatten sich die jungen Leute, die am 24. Dezember 1967 vor der Stiftskirche Flugblätter verteilten und drinnen Plakate entrollten. Denn genau an jenem Abend drehte das ZDF in der Kirche den Weihnachtsgottesdienst. „Brot für die Welt, Bomben für Vietnam“ stand auf einem Plakat, das von der Empore hing, „Nur Beten ist Mord“ auf einem anderen. Die Reaktion auf die überraschende Störung war unterschiedlich. Die meisten Gemeindemitglieder zeigten sich empört, einige halfen sogar dem Mesner, die Transparente zu entfernen. Andere, darunter auch Dekan Friedrich Epting, zeigten Verständnis. „Die Form ist falsch“, meinte der Geistliche, „aber dass die jungen Leute nachdenken, und was sie bewegt, das kann man verstehen.“ Allerseits anerkannt wurde, dass sich die Studenten ruhig verhielten.

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Erstellt:
24. Dezember 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Dezember 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Dezember 2017, 01:00 Uhr

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