Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kommentar

Vor Gericht und im Teutoburger Wald

Das Gelände der Reutlinger Paketpost war den Reutlinger in den vergangenen Jahren häufiger eine Last. Weil der Hamburger ECE-Konzern dort ein über 20 000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum bauen wollte, sorgte das Gelände jenseits der Karlstraße immer wieder für Schlagzeilen. Was dabei nicht bekannt wurde, ist, dass das Gelände den Reutlingern – vermutlich nicht ganz zufällig – zur gleichen Zeit auch zur Altlast wurde. Denn die Post, die ihr Gelände zuvor auf Bodenverunreinigungen untersuchen ließ, verklagte die Vorbesitzerin: die Stadt.

25.11.2011

Von Matthias Stelzer

Reutlingen soll 130 000 Euro an die Post AG bezahlen – zur Begleichung der Gutachterkosten und Beseitigung der gefunden Altlasten. Das klingt auf Anhieb halbwegs unspektakulär. Zumal es seit 1998 ein Bundesbodenschutzgesetz gibt, das genau solche nachträglichen Kostenübernahmen ermöglichen soll.

Spannend wird es dann aber auf den zweiten Blick, wenn man die Geschichte des Geländes betrachtet. Die Stadt hat den Zwickel zwischen Karlstraße und Unter den Linden nämlich schon 1963 geräumt und an die Post verkauft. Zur Erinnerung: 1963 war das Jahr, in dem Konrad Adenauers Kanzlerschaft endete und sich die Deutschen noch nicht so recht an die erst zwei Jahre zuvor errichtete Mauer gewöhnt hatten.

Das Wort Altlasten kannte die Gesetzgebung damals nicht, und auch von Ökologie und Nachhaltigkeit redete noch niemand. Und die Post war eine riesige Behörde im Besitz des Bundes. Es handelte sich also letztlich um ein Geschäft von Steuerzahler zu Steuerzahler. Noch bizarrer wird die Klage der Post AG, wenn man den Verschmutzungen im (Bau-)Grund auf den Grund gehen will. Vermutlich stammen die nämlich aus der Zeit zwischen 1860 und 1910. Kaiser und Könige bestimmten da noch die Geschicke des Landes, und auf dem heutigen Paketpost-Gelände wurde Reutlinger Stadtgas hergestellt.

Zuerst firmierte das Gaswerk Unter den Linden als Aktiengesellschaft (bis 1890) danach ging es in städtischen Besitz über. Auf dem heutigen Postgelände arbeitete das Gaswerk dann bis ins Jahr 1910, danach zog es in die Hauffstraße um. Der kirchenähnliche Bau, der dort heute noch steht, wurde als Gaswerk errichtet. Bei der Gasproduktion entstanden in jener Zeit vermutlich Schadstoffe wie Berliner Blau (Cyanid), Benzole, Teeröle und Phenole. Altlasten, die nach der Aufgabe des Standorts an der Karlstraße ganz selbstverständlich mit einer neuen Nutzung zugedeckt wurden: Die Stadt errichte auf dem Gelände ihren Bauhof, der dort bis 1963 residierte.

Die Post AG, die das Gelände nun selbst schon fast 50 Jahre nutzt, will ihr Geld zur Altlasten-Beseitigung heute im Tübinger Landgericht zugesprochen bekommen. Sollte sie Erfolg haben, müssten die Kommunen und etliche Unternehmens- und Grundstückserben über entsprechende Risiko-Rückstellungen nachdenken. Und der Staat über das Gesetz und Verjährungszeiten. Sonst kommt es noch soweit, wie der städtische Rechtsamtsleiter Hans-Ulrich Stühler im Witz schon ankündigte: „Da könnte ja dann die Frau Merkel von Berlusconis Nachfolger auch Geld verlangen für die Römer-Hinterlassenschaften im Teutoburger Wald.“ Aber, wie gesagt, jetzt muss erst die juristische Schlacht geschlagen werden.

Zum Artikel

Erstellt:
25. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. November 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+