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Und keiner sagte etwas

Vor 75 Jahren wurden Juden aus 137 badischen Orten nach Gurs deportiert

Die Opfer fügten sich, Nachbarn schauten zu: Vor 75 Jahren wurden 5600 Juden aus Baden verschleppt. Für viele war Gurs in Südfrankreich die letzte Station vor dem Tod im Konzentrationslager.

19.10.2015
  • HANS GEORG FRANK

Neckarzimmern "Der Abtransport ging in aller Ordnung vor sich", registrierte die Polizei in Freiburg. Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei, meldete dem Auswärtigen Amt in Berlin, die Deportation der Juden aus Baden und der Pfalz sei "reibungslos und ohne Zwischenfälle abgewickelt" worden. Als sie Sukkot, das Laubhüttenfest, feiern wollten, wurden jüdische Gemeinschaften in 137 badischen Orten ausgelöscht. Innerhalb kurzer Zeit musste zusammengerafft werden, was in einen Koffer oder Karton passte, dazu maximal 100 Mark - mehr nicht.

6504 Juden aus Baden und der Pfalz wurden in Transportzüge gepfercht und in ein Internierungslager am Fuß der Pyrenäen gebracht. Beim Dörfchen Gurs standen 380 Baracken, ohne Trennwände und Fenster, ohne sanitäre Anlagen. Wo ab 1939 Flüchtlinge des spanischen Bürgerkriegs aufgenommen worden waren, vegetierten nun die Juden aus Deutschland vor sich hin.

Die Zustände waren so miserabel, dass Alte und Schwache jämmerlich krepierten. Zu essen gab es fast nichts. "Es war ein großes Sterben in Gurs", beobachtete Ida Löb aus Mutterstadt. Wer nicht aus eigener Kraft oder mit fremder Hilfe entkommen konnte, musste in diesem "Vorhof der Hölle" ausharren. Ab März 1942 kamen sie in Viehwaggons in die Konzentrationslager von Auschwitz oder Sobibor. Die meisten wurden noch am Tag der Ankunft umgebracht.

"Der Vorgang der Aktion selbst wurde von der Bevölkerung kaum wahrgenommen", behauptete Heydrich. Doch vielerorts war die Verschleppung keineswegs unbemerkt geblieben. "Wiedersehen, Luise", sagte Gerda Frank aus Berwangen bei Heilbronn zu ihrer Nachbarin. Es gab kein Wiedersehen. Gerda und ihre Mutter Sophie wurden ermordet. Zu den wenigen Überlebenden, die in ihre Heimat zurückfanden, gehörte Elsa Gutmann. Ihre guten Französisch-Kenntnisse hatten ein Hintertürchen in die Freiheit geöffnet. "Die Jude-Els isch wieder da", hieß es 1946 in Berwangen.

In ihr Haus neben der 1938 zerstörten Synagoge konnte Elsa Gutmann nicht, es war kurz nach der Deportation verkauft worden. In Stebbach hatte der Dorfschmied noch am 22. Oktober 1940 in einem Brief an den Landrat sein Kaufinteresse an einem jüdischen Besitz ("wie zu einem Schmiedebetrieb geschaffen") bekundet.

Mit einer perfekten Organisation wollte sich der aus Lindach am Neckar stammende Gauleiter Robert Wagner (Geburtsname: Backfisch) profilieren. In die Geschichte ging der Chef der Zivilverwaltung in Straßburg ein als "Henker des Elsass". Die Juden in Gurs sollten ursprünglich nach Madagaskar verfrachtet werden, damals eine französische Kolonie. Doch der Plan vom Großghetto im Indischen Ozean vom Juli 1940 wurde nach dem Vormarsch der Wehrmacht im Osten nicht mehr verwirklicht. Die Losung von Hitlers Schergen lautete nun "Vernichtung".

"Tatenlos standen die Kirchen dem Geschehen gegenüber, wo entschlossenes Handeln gefragt gewesen wäre; sprachlos dort, wo der Aufschrei der Kirchen hätte hörbar werden müssen", heißt es in der gemeinsamen Erklärung der evangelischen und katholischen Kirchen von Baden und der Pfalz zum 75. Jahrestag der Deportation. Sie wollen dafür sensibilisieren, "dass solche Gräueltaten nie wieder geschehen dürfen".

Mahnung und Erinnerung zugleich ist ein ökumenisches Gedenkprojekt auf dem Areal der Tagungsstätte der Evangelischen Jugend in Neckarzimmern bei Mosbach. Dort wird seit 2005 an einem einzigartigen Denkmal in Form eines Davidsterns gearbeitet. Das Fundament bietet Platz für künstlerische Erinnerungsstücke aus den 137 badischen Orten von Wertheim bis Waldshut, aus denen im Oktober 1940 mehr als 5600 Juden verschleppt worden sind. 109 Memorialsteine stehen bereits in dieser zentralen Gedächtnisstätte, am 75. Jahrestag werden weitere auf- und vorgestellt. Ein Duplikat befindet sich jeweils in den Ortschaften selber. Die Ausnahme bildet ein steinerner Koffer - sein Pendant befindet sich im Friedhof von Gurs, 1300 Kilometer entfernt.

Vor 75 Jahren wurden Juden aus 137 badischen Orten nach Gurs deportiert
Seit 2005 wird in Neckarzimmern an diesem Denkmal in Form eines Davidsterns gearbeitet. Das Fundament bietet Platz für künstlerische Erinnerungsstücke aus den 137 badischen Orten, aus denen Juden verschleppt wurden. Foto: Hans Georg Frank

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19.10.2015, 12:00 Uhr
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