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Hinrichtung Stunden vor dem Kriegsende

Vor 60 Jahren wurde der Dettenhäuser Gottlieb Aberle erschossen

Gottlieb Aberle hat sich zeitlebens nicht das Maul verbieten lassen. Auch nicht von den Nazis. Wegen seiner antifaschistischen Überzeugung verbrachte der vierfache Familienvater Jahre in Arbeits- und Konzentrationslagern, ertrug Ausgrenzung und Folter. Schon am 12.

21.04.2005

Von Bernhard Schmidt

April 1933, kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis, wurde Aberle, als ortsbekannter und bekennender Kommunist längst im Fadenkreuz der Gestapo, zusammen mit dem Dettenhäuser Vorstand der „Freien Turnerschaft“ verhaftet und ins „Schutzhaftlager“ auf dem Heuberg verschleppt. Acht Wochen später kehrte Aberle wieder in die Schönbuchgemeinde zurück.

Die Biographie des „Besenbinders“ – so wurde Aberle in Anspielung auf den Beruf seiner Vorfahren genannt – ist lückenhaft, da nur jene Lebensabschnitte dokumentiert sind, in denen er mit den nationalsozialistischen Überwachungs- und Vollzugsbehörden zusammen stieß. Überliefert ist demnach, dass der Häftling mit dem roten Dreieck und der Nummer 13374 insgesamt vier Jahre in Arbeits- und Konzentrationslagern durchlitten hat – von Welzheim über Oranienburg nach Sachsenhausen.

Das zweite Mal wurde der damals 51-Jährige im September 1939 verhaftet, wenige Tage nachdem Hitler mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg losgetreten hatte. Im Gemischtwarenladen in Dettenhausen hatte sich Aberle kritisch über die Naziherrschaft geäußert. Nach Zeugenaussagen im späteren Wiedergutmachungsverfahren soll er gesagt haben: „Wenn man schon für den Käse Marken braucht, dann ist der Krieg schon verspielt.“ Offen blieb, wer den „Besenbinder“ damals denunziert hatte.

Haft wegen Feindbegünstigung

Erst nach vier Jahren, am 24. September 1943, kehrte Aberle nach Dettenhausen zurück. Freigekommen war er nur, weil sein jüngster Sohn, der am 1. Januar 1945 seinen schweren Verletzungen erlag, dekoriert vom Rußlandfeldzug zurückgekehrt war. Bis zu seiner dritten Verhaftung arbeitete Aberle wieder in seinem alten Beruf als Maurer.

Als Gottlieb Aberle im November 1944 nachts von einer Hochzeit in Waldenbuch zu Fuß Richtung Dettenhausen unterwegs war, fand er zwei verletzte kanadische Fliegerpiloten, abgeschossen nach den nächtlichen Bombenangriffe auf Stuttgart. Er nahm sie mit, versorgte die Wunden und reichte den alliierten Soldaten zu Essen. Anderntags gab er sie bei der örtlichen Polizei ab.

„Wegen Feindbegünstigung“ wurde Aberle zwei Monate später, am 20. Februar 1945, zum dritten Mal verhaftet. Er habe die „Terrorflieger“ mit Lebensmitteln und Zivilkleidern versorgt und damit versucht, ihnen zur Flucht zu verhelfen, hieß es im Haftbefehl. Aberle landete im berüchtigten Gestapo-Gefängnis „Hotel Silber“ in Stuttgart.

Das von Bomben beschädigte Gefängnis in der Dorotheenstraße musste Anfang April nicht zuletzt auch wegen der schnell näher rückenden Franzosen und Amerikaner geräumt werden. Eine 60-köpfige Karavane mit Gefangenen aus dem Welzheimer Lager und dem Stuttgarter Gefängnis setzte sich daraufhin Richtung Süden in Bewegung.

Am 21. April 1945 wurde unter dem Befehl des SS-Führers und ehemaligen Leiters des Frauenlagers Emil Held ein dreiköpfiges Erschießungskommando zusammengestellt, dem neben Albert Rentschler, wegen seiner sadistischen Ausfälle im Welzheimer Lager die „Wildsau“ genannt, auch Gestapo-Wachtmeister Albert Schaich, der spätere Konrektor der Tübinger Melanchthonschule, angehörte. Drei Männer, neben Gottlieb Aberle, der Stuttgarter Kommunist und Schlosser Hermann Schlotterbeck und der vermutlich wegen Desertation verhaftete 20-jährige elsässische Soldat Andreas Stadler wurden aneinander gekettet und zur Exekution in einem Wald in der Nähe von Riedlingen geführt. Der Erschießungsbefehl, so behaupten die Täter später im Verfahren vor dem Ravensburger Landgericht, sei vom Reichssicherheitshauptamt gekommen. Letztlich ist aber eher unwahrscheinlich, dass sich die ums Überleben besorgten Vorgesetzten im eingekesselten Berlin mit dem Schicksal von Gefangenen im Oberschwäbischen befasst haben.

Die Täter rein gewaschen

Die Exekution war nach Zeugenaussagen und Ergebnissen einer Exhumierung im Juli 1945 äußerst brutal. Stadler wurde mit dem Gewehrkolben der Schädel eingeschlagen, Schlotterbeck wurde nur angeschossen und lebendig verscharrt. „Schädeldecke infolge Genickschuss durchlöchert, dadurch rechtsseitig zertrümmert“, heißt es im Obduktionsbefund der Leiche Aberles.

Die mutmaßlichen Täter – verhandelt wurde gegen Schaich und den an der Erschießung nicht aktiv beteiligten Werner Kaiser wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit – wurden 1948 aus zum großen Teil sich widersprechenden Gründen freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft legte Revision beim Tübinger Oberlandesgericht ein. Dort wurde es bestätigt, woraufhin die französische Justizkontrolle das Urteil kassierte. Zur Wiederaufnahme des Verfahrens kam es allerdings nicht mehr, weil kurz darauf die Gerichtsbarkeit wieder komplett in deutsche Hände überging.

Albert Schaich, NSDAP-Parteimitglied schon seit Mai 1933, später Ortsgruppenleiter im hohenlohischen Langenbeutingen und während des Krieges bei der Geheimen Feldpolizei, fand vor der Öhringer Spruchkammer zur Entnazifizierung keine Gnade („die Tat stellt ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar“). Im Revisionsverfahren 1952 in Stuttgart allerdings wurde Schaich, nicht zuletzt auch wegen der Intervention des SPD-Kultusministers Gotthilf Schenkel („verhältnismäßig geringe formale Belastung“), entlastet.

Noch 1952 wurde Schaich als Hauptschullehrer wieder in den Schuldienst übernommen. 1959 folgte die Beförderung zum Konrektor der Evangelischen Bekenntnisschule (Melanchthonschule) in Tübingen. Schaich arbeitete über die Pensionierung hinaus bis 1969 als Lehrer. Auch als Pensionär führte er bis zu seinem Tod ein so unbescholtenes wie angenehmes Leben in Tübinger Halbhöhenlage (siehe Kasten).

7500 Mark für vier Jahre KZ

Mit Berufung auf das Ravensburger Urteil wurde Aberles Erben jahrelang jede Wiedergutmachung versagt. Erst 1957 bekamen die Nachfahren für die insgesamt 50 Monate und 14 Tage KZ-Haft 7500 Mark Wiedergutmachung. Noch im November 1967 teilt das Landesamt den Erben mit, dass sie „keinen Schaden am Leben“ Gottlieb Aberles erkennen können. In der Begründung heißt es: „Die Erschießung der drei Gefangenen wurde nicht wegen derer politischer Einstellung vorgenommen, sondern aus Gründen der Kriegsführung, die auch andere Staaten veranlasst haben, ein derartiges Verhalten unter Strafe zu stellen.“

Was für viele Deutsche im April 1945 als Niederlage und Schmach empfunden wurde, hätte Gottlieb Aberle als Befreiung und Triumph erlebt. Hätte, denn der in Dettenhausen als „Besenbinder“ bekannte Maurer wurde vor genau 60 Jahren am 21. April 1945, nur zwei Tage vor dem Einmarsch der Franzosen, in der Nähe von Riedlingen von einem Gestapo-Kommando erschossen. Sein Vergehen: Er hatte im Schönbuch zwei schwer verletzte kanadische Fliegerpiloten gefunden, bei sich aufgenommen und versorgt.

In seiner Heimatgemeinde Dettenhausen erinnert außer einem Kapitel in der Ortschronik nichts an Gottlieb Aberle. Diese Gedenktafel steht seit 1985 im Riedlinger Wald, nahe dem Ort, an dem Aberle ermordet wurde. Archivbild: StelzerIn seiner Heimatgemeinde Dettenhausen erinnert außer einem Kapitel in der Ortschronik nichts an Gottlieb Aberle. Diese Gedenktafel steht seit 1985 im Riedlinger Wald, nahe dem Ort, an dem Aberle ermordet wurde. Archivbild: StelzerIn seiner Heimatgemeinde Dettenhausen erinnert außer einem Kapitel in der Ortschronik nichts an Gottlieb Aberle. Diese Gedenktafel steht seit 1985 im Riedlinger Wald, nahe dem Ort, an dem Aberle ermordet wurde. Archivbild: StelzerIn seiner Heimatgemeinde Dettenhausen erinnert außer einem Kapitel in der Ortschronik nichts an Gottlieb Aberle. Diese Gedenktafel steht seit 1985 im Riedlinger Wald, nahe dem Ort, an dem Aberle ermordet wurde. Archivbild: Stelzer

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Erstellt:
21. April 2005, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
21. April 2005, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. April 2005, 12:00 Uhr

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