Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Fünf Jahrzehnte Hochs und Tiefs

Vor 50 Jahren hat die "Tagesschau" die Wetterkarte eingeführt

Seit dem 1. März 1960 setzt die "Tagesschau" bei ihrer Wettervorhersage alles auf eine Karte. Und seit diesen 50 Jahren ist die nüchterne Wetterprognose am Ende des Nachrichtenklassikers Pflicht.

27.02.2010

Von CORNELIA WYSTRICHOWSKI

Hamburg Die Mutter aller Wettersendungen feiert Geburtstag: Am 1. März 1960 zeigte die ARD-"Tagesschau" zum ersten Mal ihre berühmte Wetterkarte - und seit 50 Jahren hat sich das Ritual am Ende der beliebtesten deutschen Nachrichtensendung nur wenig geändert. Mögen im Rest des TV-Programms fröhliche Wetterfrösche wie Jörg Kachelmann oder tief dekolletierte Damen noch so launig über Blumenkohlwolken, Pollenflug oder Schnupfenwetter schwadronieren: Im Original verliest wie vor Jahr und Tag eine Stimme aus dem Off nüchtern, ob es Sonne, Sturm oder Hagelschauer gibt, dazu wird die Karte eingeblendet - ohne Späßchen, ohne Show.

2009 verfolgten durchschnittlich 8,86 Millionen "Tagesschau"-Zuschauer allabendlich gebannt, ob sie am nächsten Tag frieren oder schwitzen müssen. Hinter den Kulissen der stockseriösen Prognose, die auf den Daten des staatlichen Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Offenbach basiert, ging es in der Vergangenheit allerdings oft stürmisch zu. Den wohl berühmtesten Wirbel gab es 1999, als der DWD nicht rechtzeitig vor dem Orkan "Lothar" warnte.

Zudem war die Wetterkarte oft ein Politikum - so versuchten Ministerpräsidenten oder Bürgermeister immer wieder, bestimmten Städten einen prestigeträchtigen Platz auf der Karte zu verschaffen. Vergeblich: Auf der Deutschlandkarte der "Tagesschau" ist nur Platz für zehn Städte, und der Zuschauer soll sich möglichst schnell orientieren können. Deshalb ist zum Beispiel Köln anstelle der NRW-Hauptstadt Düsseldorf eingezeichnet, und in Hessen Frankfurt am Main statt Wiesbaden.

Heute kaum mehr vorstellbar: Lange Jahre tauchte Deutschland in den Grenzen von 1937 auf der Karte auf - als das endlich geändert wurde, protestierten die Vertriebenenverbände, erzählt ARD-Autor Jochen Becker, der anlässlich des Jubiläums in den Archiven gewühlt und die Geschichte der Wetterkarte erforscht hat. Als Deutschland bereits im Juli 1990 wiedervereinigt auf der Karte auftauchte, war bei der ARD so mancher ungehalten, da die Einheit offiziell erst im Oktober besiegelt wurde.

Erste Gehversuche in Sachen Wetterprognose hatte das deutsche Fernsehen schon vor 1960 unternommen: In der von Provisorien bestimmten TV-Frühzeit in den 50ern marschierten Meteorologen wie Heinrich Kruhl vom Deutschen Seewetteramt einmal täglich ins Hamburger Studio und erklärten den Deutschen der Wirtschaftswunderjahre live, wie das Wetter wird - mit einer Schiefertafel als Wetterkarte und den beiden Puppen "Sehbastian" und "Sehbienchen". Je nach Prognose hatten die Figürchen einen Regenschirm oder ein warmes Jäckchen dabei, wenn es Schnee gab, regnete es kleine Papierflöckchen auf sie herab. 1960 war dieses sympathische Experiment vorbei, die Vorhersage bekam ihre endgültige Form: Die Zuständigkeit wechselte zum Hessischen Rundfunk, das Wetter wanderte in die "Tagesschau" und bekam seinen nüchternen Stil. "Da gab es dann auch Proteste der Zuschauer, die ihre Wetterfrösche vermissten", hat Becker herausgefunden.

Immer wieder gab es dem ARD-Autor zufolge im Lauf der Jahre Überlegungen, frischen Wind in die Präsentation zu bringen - unter anderem, als 1963 das ZDF startete und das Wetter in den "heute"-Nachrichten von Meteorologen im Studio erklären ließ. Leute wie Uwe Wesp, der Mann mit der Fliege, wurden regelrechte Stars.

Doch in der "Tagesschau" blieb alles beim Alten - beinahe zumindest: Die Technik schritt voran, die anfangs sehr simple animierte Karte wurde regelmäßig modernisiert, und der Text ist heute etwas lockerer als früher. Mancher Zuschauer dürfte sich zudem an ein Markenzeichen erinnern, das irgendwann ausgemustert wurde: Eine Windrose und ein paar Pieptöne beendeten früher die Vorhersage - es war der Morsecode "QAM", der schlicht bedeutet: Wie wird das Wetter?

Knapp 60 Sekunden reichen der "Tagesschau" für die Vorhersage. Sie beginnt mit der Europakarte mit den Luftdruckgebieten, gefolgt von Deutschland mit der Vorhersage von Niederschlägen, Wind und Temperaturen, abschließend gibt es die weiteren Aussichten. Wer mehr wissen will, der kann sich heutzutage auf zig anderen Sendern rund um die Uhr informieren - detaillierter und weitaus emotionaler. So ziert bei RTL im Winter schon mal ein neckischer Schneemann die Wetterkarte.

Erste Gehversuche: Dr. Friedrich Krügler war der erste "Wetterfrosch", der den Deutschen live im Studio das Wetter erklärte. Klaus-Peter Petersen erfand die Puppen "Sehbastian" und "Sehbienchen" 1953 (rechts oben), die Hochs und Tiefs veranschaulichten. Rechts unten die aktuelle Wetterkarte der Tagesschau. Fotos: HR/NDR

Zum Artikel

Erstellt:
27. Februar 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Februar 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Februar 2010, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Aus diesem Ressort

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+