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Gerhard Fromm gab Waldhäuser Ost den Namen

Vor 50 Jahren begannen die Planungen für die Trabantenstadt im Tübinger Norden

Fast fünfzig Jahre ist es her, dass die Verträge für den Wohnungsbau im hohen Norden Tübingens unterzeichnet wurden. Der ehemalige Planungsamtsleiter Gerhard Fromm erinnert sich.

11.06.2017

Von Ulla Steuernagel

Gerhard Fromm hat noch einige Unterlagen aus der Zeit, als Waldhäuser Ost gerade mal auf dem Papier stand. Bild: Steuernagel

Er selber wohnt am Denzenberg in einem schönen Haus mit großem Garten. Nein, sagt Gerhard Fromm, nach Waldhäuser Ost hätte er nicht ziehen wollen.

Fromm leitete von 1969 bis 1991 das Tübinger Stadtplanungsamt, in seine frühen Chef-Jahre fiel die heiße Planungs- und Bauphase der Nordstadt. Obwohl Fromm der Hochhausarchitektur skeptisch gegenübersteht, hat er dem Viertel ein entscheidendes Stück Identität verliehen: Der Name „Waldhäuser Ost“ geht auf den heute 89-Jährigen zurück. Anders als beim Horemer oder Ursrainer Egert gab es für das Gebiet am Wald keinen eigenen Flurnamen. „Römergräber“ war auf den Karten vermerkt, bevor sie zu Keltengräbern wurden. Aber wer will schon auf Gräbern wohnen? Und da man das Gebiet um die Bauernhofsiedlung Waldhausen immer schon den „Waldhäuser“ nannte, fand Fromm für den östlichen Teil eben die Bezeichnung, die auch einfach „WHO“ abgekürzt wird.

Bis in dieser Höhenlage die Hochhäuser dann endlich aus dem Boden wuchsen, gab es viele Sitzungen an Verhandlungstischen, an denen Bund, Land und Stadt saßen. Die Stadt und mit ihr der damalige Oberbürgermeister Hans Gmelin sei eigentlich nur ein kleines Rädchen im Tauziehen der Partner Land und Bund gewesen. Doch Gmelin habe ganze Arbeit geleistet, sagt Fromm immer noch voller Hochachtung für seinen damaligen Vorgesetzten.

1956 war Gmelin das erste Mal mit seiner Idee zur Bebauung des 77 Hektar großen Exerzierplatzes in Bonn vorstellig geworden. Viele Verhandlungsjahre später brachte er die Handelspartner ins Tübinger Rathaus und wurde als Hausherr hier schnell zum Verhandlungsführer. Fromm erinnert sich noch, wie er nach der Sitzung einen der Bonner Beamten zu seinem Kollegen sagen hörte: „Heute haben wir Millionen verspielt.“

Laut TAGBLATT-Bericht vom 14. Juli 1965 hatte der Bund für den Exerzierplatz zehn Millionen Mark (fünf Millionen Euro) kassiert, hinzu kamen noch die angrenzenden Waldgebiete. Das französische Militär sollte ein neues Übungsfeld im Süden der Stadt auf Tübinger und Wankheimer Gemarkung, also hinter ihren Kasernen, bekommen. Für Gmelin sei es immer ein Dorn im Auge gewesen, wenn „die Franzosen mit Panzern“ zum Exerzierplatz fuhren und auf diese Weise die Straßen strapazierten. Fromm, der gebürtiger Lustnauer ist, erinnert sich hingegen noch gut an den Prickel, den es ihm und anderen Kindern bereitete, wenn sie sich in der Nähe des Exerzierplatzes aufgehalten hatten. Ein „Exegoischd“, der in einem kleinen Häuschen wohnte, passte auf, dass sich niemand Unbefugtes auf dem Gelände zu schaffen machte.

Im Oktober 1967, also vor ziemlich genau fünfzig Jahren, wurden die Verträge unterzeichnet, die besiegelten, dass das Truppenübungsgebiet für Wohnungen und Wohnheimplätze genutzt werden sollte. Damit konnte die Planung in die Phase der Verwirklichung übergehen. Die Stadt verscherbelte die Baugrundstücke im Technischen Rathaus. Für Bauträger ein Leckerbissen: „Da ging es zu wie beim Holzverkauf“, erinnert sich Fromm.

Fromm, der nach dem Architekturstudium und einem angehängten Verwaltungsreferendariat im Dezember 1959 mit der Arbeit im Tübinger Planungsamt begonnen hatte, war kein begeisterter Verfechter der WHO-Planung. Fünf Architekten, doch vor allem das Stuttgarter Büro Hieber und Kilpper, zeichneten sich für die Planung verantwortlich. Die Stuttgarter seien überzeugt gewesen, „ein Exempel neuer europäischer Baukunst“ zu statuieren. Fromm weiß noch sehr gut, wie Hieber ihm die neue Zeit schmackhaft machen wollte und ihm sagte: „Wer einmal mit 140 Stundenkilometer gefahren ist, dem sind 80 zu langsam.“

Mittlerweile sieht Fromm, wenn er den nördlichen Stadtteil Tübingens betrachtet, auch einige positive Aspekte: die Natur, der Blick in die Weite, der Platz zwischen den Häusern, die sich nicht gegenseitig verschatten – und dass man hier noch die „Charta von Athen“ berücksichtigte, wonach Wohnen und Arbeiten getrennt und per Auto erreicht werden sollten.

Das allerdings erscheint wie eine Botschaft aus längst vergangenen Tagen: Trabantenstädte, Wohnsilos und unbelebte Straßen fallen einem zur Charta ein. In Tübingen werden die Viertel mittlerweile anders konzipiert: Wohnen und Arbeiten werden nicht getrennt, der Flächenverbrauch soll sparsam sein und die Anbindung an den ÖPNV gut. Die Ergebnisse dieser Planungen – Französisches Viertel, Loretto, Alte Weberei – gefallen Fromm nicht. Verdichtung ist für ihn keine Lösung des Wohnungsproblems: „Dichte schafft Reibung“, findet er.

Auf Waldhäuser Ost hatten die Planer ursprünglich auch ein Hotel und ein Aussichtscafé vorgesehen, im Einkaufszentrum sollte ein Gemeinschaftszentrum entstehen, das Hochhaus Weißdornweg 14 sollte gar ein eigenes Schwimmbad bekommen. Doch dann baute die Neue Heimat im Zentrum das Hallenbad Nord und machte ein Privatbad unnötig. Für Hotel und Aussichtscafé fanden sich keine Interessenten. Und warum das Zentrum immer wieder vor Problemen stand und steht, das liegt für Fromm an einem grundlegenden Fehler, der am Anfang gemacht wurde. Das Zentrum sei nicht als öffentliche Fläche ausgewiesen, sondern privat aufgeteilt worden. „Ich wollte der Ladenzeile immer eine Laubengang vorhängen“, erinnert sich Fromm. Doch die privaten Ladeninhaber machten da nicht mit, und so sei die Ladenfront eben unwirtlich geblieben.

Vor allem aber habe das Zentrum unter der guten Verkehrserschließung des Viertels zu leiden. Die bezeichnet Fromm einerseits als vorteilhaft, andererseits für die lokalen Einkaufsangebote als Nachteil.

„Im Großen und Ganzen“, sagt der Amtsleiter von damals, „hat sich der Stadtteil bewährt, wenn man bedenkt, was sonst in dieser Zeit entstanden ist.“ Froh ist er auch darüber, dass die ursprüngliche Idee revidiert wurde, die Häuser noch höher zu bauen und 8000 Einwohner in ihnen unterzubringen. Froh ist Fromm auch darüber, dass der Weiler Waldhausen nicht vom östlichen Nachbarn geschluckt wurde. Das habe man planerisch von Anfang an verhindert und richtig gemacht.

Erste zarte Bande nach Waldhäuser Ost

Im TAGBLATT vom Dienstag, 30. November 1971, wird berichtet, dass es von nun an aufwärts geht – jedenfalls mit dem Bus aufwärts, nämlich nach Waldhäuser Ost. „Vorerst nur zarte Bande“, heißt es in dem Artikel, „knüpft der Stadtverkehr zu der sich mählich belebenden Nordstadt Waldhäuser-Ost. Wie von Bürgermeister Richard Jäger kürzlich angekündigt, werden von morgen, Mittwoch, an drei Kurse im Abstand von fünf Stunden die Verbindung von und zur Stadt herstellen.“

Die drei Fahrten gingen um 7.05 Uhr von WHO aus, um 12.15 Uhr dann in umgekehrter Richtung vom Omnibusbahnhof ab, und um 17 Uhr gab es noch einen weiteren Bus nach Waldhäuser Ost. Dann war Schluss. Gewarnt wurden die Fahrgäste, die zum Sand wollten, davor, in den Bus nach WHO einzusteigen, „Sie haben sonst einen zeitraubenden Umweg zu gewärtigen.“

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Erstellt:
11. Juni 2017, 22:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juni 2017, 22:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juni 2017, 22:00 Uhr

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