Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

15 Bauern besiegen Konzern

Vor 25 Jahren scheiterte die Daimler-Teststrecke bei Boxberg

Ein wichtiges Kapitel Rechts- und Landesgeschichte wurde am 24. März 1987 geschrieben: Vor 25 Jahren verhinderte das Bundesverfassungsgericht den Bau einer Daimler-Teststrecke bei Boxberg.

24.03.2012

Von HANS GEORG FRANK

Boxberg "Für mich ist das Thema durch", sagt Franz Zipperle. Er mag nicht erinnert werden an die größte Niederlage in seiner 16-jährigen Amtszeit als Bürgermeister von Boxberg (Main-Tauber-Kreis). Ein Telefonat mit ihm fällt denn auch äußerst kurz aus: "Dazu möchte ich nichts mehr sagen." Dass sich die Schlappe am heutigen Samstag zum 25. Mal jährt, ist für Zipperle nicht mehr wichtig. Er wechselte 1989 in die Wirtschaft und ist heute geschäftsführendes Vorstandsmitglied bei der Würth-Stiftung.

Für Horst Oellers dagegen ist der 24. März 1987 noch immer "ein richtig schöner Tag". Der heute 72 Jahre alte Ex-Offizier war damals maßgeblich an dem Sieg von 15 Bauern gegen einen Weltkonzern beteiligt. Sie haben vor dem Bundesverfassungsgericht gegen ihre Enteignung zugunsten von Daimler-Benz geklagt. Der Autokonzern wollte im strukturschwachen "Badisch Sibirien" für umgerechnet 150 Millionen Euro eine Testrecke auf den Äckern und Wiesen asphaltieren - fünf Kilometer lang, zwei Kilometer breit. Rund 650 Hektar sollten dafür geopfert werden.

Ein adliger Großgrundbesitzer hatte bereits 200 Hektar verkauft. Weil sich die widerspenstigen Bauern weigerten, wollte ihnen die Landesregierung ihre Felder und Wälder in einem "Zwangstauschverfahren" wegnehmen lassen.

Die Landwirte schlossen sich zusammen und nannten sich in Erinnerung an aufständische Bauern des 16. Jahrhunderts "Bundschuh". Bundesweite Unterstützung war dem Verein sicher, mediale Beachtung ebenso. Doch kein Richter wollte sich auf ihre Seite schlagen Zehn Jahre zog sich der Kampf hin. Land und Konzern waren derart siegesgewiss, dass 90 000 Bäume gefällt wurden. Der Rechtsweg ließ nur noch den Gang nach Karlsruhe zu, zum höchsten deutschen Gericht. Tatsächlich bekamen die Kläger von den Hütern der Verfassung Recht. "Das Grundgesetz lässt Enteignungen nur zum Wohl der Allgemeinheit zu", stand hinter dem Aktenzeichen 1 BvR 1046/85, mit dem eine "Unternehmensflurbereinigung" ohne klare gesetzliche Regelung abgelehnt wurde.

Die Bauern jubelten. Ein unterschätzter David hatte gegen einen allmächtigen Goliath gesiegt. Dabei wäre dieser Triumph fast am Geld gescheitert. 300 000 Euro kostete die Klage. Weil 3500 Sympathisanten mit Spenden und zinslosen Darlehen halfen, musste nicht kapituliert werden. "Wir sind mit Hängen und Würgen über die Runden gekommen", erinnert sich Oellers.

Das Projekt sei damals "als Fortschritt verkauft" worden, blickt er zurück, dabei wäre es doch nur "ein Betonmonster" geworden. Die Bundschuh-Leute wollten ihren Landstrich nicht "zum Hinterhof der Industrie verkommen" lassen, hieß es in einem Manifest. Die Teststrecke sei "ein Beispiel für die rigorose Politik des Kapitals gegenüber der Provinz" gewesen, stand in einer der vielen kritischen Schriften.

Für den Raum Boxberg jedoch ging es um 1000 Arbeitsplätze und um erkleckliche Steuern. Mit der Mercedes-Piste sollte sich "der Lebensstandard rasch verbessern", glaubten die Befürworter. Wenn Autos nicht Tag und Nacht ihre Runden drehen könnten, müssten ihre Kinder die Heimat verlassen, "denn sie haben dort keine Zukunft", fürchtete eine vierfache Mutter.

Boxberg ist nicht verödet und verelendet. Das Land hat für 21,3 Millionen Euro eine Forschungsanstalt für Schweinezucht gebaut, die Agrarminister Alexander Bonde gestern lobte als "innovatives Kompetenzzentrum", das nun eine noch größere Rolle im Tierschutz spielen werde. Bosch hat für 50 Millionen Euro seine kleinere Version eines Prüfgeländes eingerichtet. Etliche Betriebe haben sich angesiedelt und gedeihen derart, dass kürzlich sogar CDU-Kreisvorsitzender Wolfgang Reinhart von einem "Rückgrat für den hiesigen Wirtschaftsstandort" sprach, der "für die ganze Region von tragender Bedeutung" sei.

Der 2005 gewählte Bürgermeister Christian Kremer stellt Boxberg als "hervorragenden Standort für Gewerbe und Industrie" vor. 900 Arbeitsplätze seien am Seehof entstanden, also dort, wo Daimler Vollgas geben wollte. Das Angebot an Arbeitsplätzen sei so attraktiv, dass Pendler "auch aus weiter Entfernung" kämen, heißt es auf der Homepage der Stadt. Damit potenzielle Investoren sich nicht von den Geistern der Vergangenheit vertreiben lassen, garantiert die Gemeindeverwaltung: "Bei uns finden Gewerbe- und Industrieansiedlungen breite Zustimmung durch Stadt, Stadtrat und Bevölkerung."

In Boxberg hat vor einem Vierteljahrhundert eine Minderheit über die Mehrheit gesiegt. Horst Oellers bekommt das manchmal zu spüren: "Es gibt immer noch Leute, die gucken auf die andere Seite, wenn sie mich sehen."

Boxberg im Januar 1986: Mit Plakaten wie "Bauernland bleibt in Bauernhand" demonstrieren Bürger und "Bundschuh"-Anhänger gegen den Automobilhersteller Daimler-Benz. Vor 25 Jahren war nach neunjährigem Streit mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts das Aus der geplanten Teststrecke besiegelt. Fotos: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
24. März 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+