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Porträt Regina Ammicht Quinn

Von der unbequemen Theologin zur engagierten Ethikerin

Moralische Schubladen mag Regina Ammicht Quinn nicht. Die begeisterte katholische Theologin, die von Rom aus nicht Professorin werden durfte, suchte sich ein anderes Feld – und fand die Ethik.

03.05.2008
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. So wie Regina Ammicht Quinn vom Studium Theologie schwärmt, ist schwer zu verstehen, dass die Kirche sie nicht haben wollte: „Ein tolles Fach“, in dem man mit Sprachen, Archäologie, Geschichte, Politik, Psychologie zu tun hat, sagt die 51-Jährige, die sich seinerzeit durchaus „mit Weltverbesserungsimpuls“ ins Studium stürzte.

Jahre später, nach der Habilitation in Tübingen fand sich die Einser-Theologin plötzlich vor einer Blockade: Zwei Mal stand sie in Berufungsverfahren ganz oben auf der Liste, und beide Male verweigerte ihr die Amtskirche die Lehrbefugnis, das „nihil obstat“ (nichts spricht dagegen). Dieses Mitspracherecht der Kirche an der Besetzung staatlicher Professuren, nebenbei, geht auf das Konkordat von 1933 zurück, eine Vereinbarung, mit der Hitler sich die Kirche gewogen machen wollte.

Von der unbequemen Theologin zur engagierten Ethikerin
Von der katholischen Kirchenobrigkeit abgelehnt, widmet sich die Theologin Regina Ammicht Quinn ethischen Fragen in der heutigen Kultur. Bild: Metz

Ammicht Quinn hat nie erfahren, was in ihrem Fall „dagegen sprach“. Doch das Thema ihrer Habilitation „Körper, Religion, Sexualität“ lässt ahnen, dass die Theologin den Deckel einer Kiste geöffnet hatte, die aus römischer Sicht nicht angetastet werden darf. Schon gar nicht von einer Frau. Dabei habe sie „überhaupt nichts Falsches“ gesagt. Wohl aber reagiert auf das „große Bedürfnis, über Sexualität auch theologisch zu sprechen“, denn schließlich gebe es in der katholischen Kirche einen „Riesen-Bruch zwischen der Lehre und dem tatsächlichen Verhalten der Menschen“ – man nehme nur das Verbot von empfängnisverhütenden Mitteln.

Dabei hat Ammicht Quinn keine Tabus niedergerissen, sondern in guter theologischer Tradition die fundamentalen Gesetze der lehramtlichen Sexualmoral als symbolische Kriterien betrachtet. Zum Beispiel die Fruchtbarkeit. Das Glück mit Kindern ist für Ammicht Quinn nur eine Interpretationsmöglichkeit. „Die erotische Energie einer Liebesbeziehung kann aber auch in anderer Weise fruchtbar werden für die Welt.“ Ein Ansatz, der gleichgeschlechtliche Liebe ebenso einschließt, wie er eine intellektuelle Fruchtbarkeit anerkennt: „Das ist doch kein rein biologisches Faktum.“

Sexualmoral und Abwehr des Körperlichen hängen in der Kirche zusammen. Aber auch im modernen säkularen Schönheits- und Fitnesskult entdeckt Ammicht Quinns doppelt kritischer Blick Zeichen von Körperfeindlichkeit: „Der Körper wird gezähmt, getrimmt, kasteit, damit er gut genannt werden kann. Fitness-Studios sind neue Orte der Selbstverbesserung“ – wie herkömmlich die Kirche.

Die kirchliche Maßregelung war bitter, aber, sagt Ammicht Quinn, „ich möchte mich nicht über das identifizieren, was ich nicht durfte“. Der „Glücksfall“ einer verwandten Alternative zur Theologie fand sich im Tübinger Ethikzentrum, das für sie „die Wissenschaftsstruktur der Zukunft“ verkörpert: interdisziplinär, interfakultär angelegt, eine Mittler-Institution, die künftige Anwendungsfelder erforscht und bewertet, aber „nicht mit erhobenem moralisierendem Zeigefinger“. Und in der sich Menschen wie sie finden, „die gut sind in ihrem Fach, aber aus der Schachtel heraussteigen“.

Die Frau, die sich in ihren Forschungen und Publikationen schon mit Glück, mit Schlüsselkompetenzen, mit Scham und Globalisierung beschäftigt hat, bearbeitet derzeit einen Schwerpunkt „Sicherheitsethik“. Da geht es etwa um eine neue Generation von Kontrollgeräten an Flughäfen, die mit Terahertz-Wellen die Kleidung der Passagiere durchdringen und so Verborgenes und Intimstes sichtbar machen: den Plastiksprengstoff, aber ebenso den künstlichen Darmausgang oder die Inkontinenzwindel. Wie lassen sich solche Sicherheitstechniken anwenden, ohne dass die Menschenwürde verletzt wird, das ist die Frage für die Ethiker. Eine Patentantwort gibt es nicht. Man muss sich über die Rolle von Sicherheit im Zukunftskonzept der Gesellschaft klar werden, man muss unterschiedlichen Privatheitsvorstellungen und Schamgefühlen gerecht werden, und zwar „auf nicht-diskriminierende Weise“. Forschung, die in Politikberatung mündet: Ammicht Quinn gehört als Beraterin dem Programmausschuss der Bundesregierung für Sicherheitsfragen an.

In Tübingen ist sie nach wie vor Mitglied der Katholisch-theologischen Fakultät. Sie hat eine Lehr-erlaubnis (venia legendi), allerdings ohne Prüfungsrecht.Ihre Vielseitigkeit und ihre ungerade Laufbahn sind in vieler Hinsicht typisch für Wissenschaftlerinnen – nicht nur, weil Frauen in der katholischen Moraltheologie „eigentlich nicht vorkommen dürfen“. Ammicht Quinn, die mit einem amerikanischen Literaturwissenschaftler verheiratet ist, unterbrach ihre wissenschaftliche Tätigkeit zwei Mal wegen ihrer Kinder; den Anlauf zur Habilitation ermöglichte ihr ein Wiedereinstiegsstipendium. Sie sieht die Erdung durch Alltag und Familie als Vorzug, als „großes Wahrheitskriterium“. Denn, sagt sie: „Was ich mir am Schreibtisch ausdenke, muss auch in anderen Zusammenhängen Bestand haben.“

Regina Ammicht Quinn, Theologin und Ethikerin

1957 geboren in Stuttgart
1976 Studium der Theologie und Germanistik in Tübingen
1982 Staatsexamen
1983 bis 1985 Schuldienst
1991 Promotion
1997 Habilitationseit
1999 am Interfakultären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften der Uni Tübingen; „Ethik und Kultur“
2001 und 2004 Verweigerung der kirchlichen Lehrerlaubnis („nihil obstat“) für Professuren in Augsburg und Saarbrückenseit
2005 außerplanmäßige Professorin in Tübingen
Ammicht Quinn wohnt in Frankfurt, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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03.05.2008, 12:00 Uhr
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