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Verbindung

Von Ufer zu Ufer

Fähren haben etwas Nostalgisches. Früher hatte fast jeder kleine Ort am Neckar eine. Die wenigen verbliebenen leiden unter Personalproblemen.

20.04.2019

Von Julia Giertz, Oliver Pietschmann

Der Fährmann Achim Landwehr überquert den Neckar zwischen Baden-Württemberg und Hessen. Foto: Uwe Anspach/dpa

Achim Landwehr bringt seine Fahrgäste von einem Bundesland ins andere: über den Neckar von Baden-Württemberg nach Hessen und wieder zurück. Nach 39 Jahren auf der Autofähre geht der 64-Jährige im Juni von Bord. „Ich werde es mir zu Hause gemütlich machen“, erzählt der Rentner in spe.

Der Mittsechziger, dessen Traumberuf eigentlich Förster war, kann sich beruhigt aufs Altenteil zurückziehen. Denn nach monatelanger Suche sind zwei Nachfolger für die historische Fährverbindung zwischen Neckarsteinach (Hessen) und Neckargemünd (Baden-Württemberg) gefunden, die sich wochenweise abwechseln. Der 42-Jährige Markus Seibert steht Landwehr auf dem denkmalgeschützten Gefährt, Baujahr 1933, bereits jetzt zur Seite. Der andere muss Anfang Juni seine Theorie-Prüfung ablegen und bis dahin noch 180 Schichten auf der Fähre absolvieren.

Die Arbeit im Freien bei jedem Wetter ist hart. Die langen Arbeitszeiten – im Winter von 6 bis 19 Uhr, im Sommer bis 20.30 Uhr – wären für die meisten ein Albtraum. Landwehr hat zuletzt 1982 einmal länger als eine Woche Urlaub gemacht. Aber all das lässt er als Grund für die mangelnde Beliebtheit des Jobs nicht gelten: „Es ist das Finanzielle, das die Leute abschreckt.“ Er bekommt als Pächter von den beiden Gemeinden 1070 Euro im Monat. Den Rest muss er über die Einnahmen aus dem Fährbetrieb reinholen. Und die werden immer kümmerlicher. Der Grund: veränderte Freizeitgewohnheiten. „Die Menschen sind zu Fuß, mit dem Rad oder dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Ausflüge mit dem Auto sind passé“, sagt der Kapitän einer der zwei letzten Fähren auf dem Neckar. Die andere verbindet Ladenburg und Edingen-Neckarhausen.

Fahrpreiserhöhungen sind schwer durchzusetzen, weiß Landwehr. Derzeit kostet der einminütige Trip für den Fahrer samt Pkw 1,80 Euro, für jede weitere Person im Auto 40 Cent; von Fußgängern nimmt Landwehr 80 Cent. Wenn es gut läuft, tuckert er 100 Mal am Tag über den Fluss. Landwehrs Bilanz: „Reich wird man nicht davon, aber man kann davon leben.“

Unangenehme Arbeitszeiten

Die Sorgen um den Nachwuchs bei den Fährleuten kennt auch der Deutsche Fährverband. „Das ist kein attraktiver Beruf für junge Leute“, sagt der Vorsitzende Michael Maul. Besonders trifft es kleinere Fährbetriebe. Die Ausbildung dauere zwei bis drei Jahre, die Bezahlung bei den kleineren Fähren sei nicht gut, die Arbeitszeiten seien unangenehm. Bundesweit gibt es laut Maul rund 1000 bis 1200 ausgebildete Fährleute und -gehilfen mit einem Tauglichkeitsnachweis. Bis zu 150 Fährstellen haben Bedeutung für den öffentlichen Nahverkehr, also auch für Pendler.

Das Boot auf dem Neckar ist eine Hochseilgierfähre mit Dieselmotor. Bei schneller Strömung kann Landwehr die schraubenbetriebene Fähre ohne Motor mit Drahtseilen lenken. Das nennt der Fachmann „gieren“. Dabei muss er verhindern, dass die Fähre abgetrieben wird. Wegen dieses Risikos wird die Ladenburger Fähre zusätzlich mit einer motorbetriebenen Kette auf Kurs gehalten. Zur Fähre gehört ein idyllisches Fährhaus am badischen Ufer, in dem Landwehrs Hund Aiko auf sein Herrchen wartet. Seibert kann bei Flaute mal eben zu Hause reinschauen. Der gelernte Zimmermann wohnt mit seiner Familie an der Anlegestelle in Hessen.

Der Fährbetrieb wirkt auf den ersten Blick geruhsam, kann die Fährleute aber auf Trab bringen. „Sturm aus West – das ist Horror, Adrenalin pur“, so Seibert. Ausgerechnet am ersten Tag ohne Landwehr musste er mit diesem Wetter zurecht kommen. Nur mit größter Mühe habe er die Fähre manövrieren können.

Kleinere Probleme sind im Sommer unerfahrene Kanuten, die mit der blitzeblanken Alarmglocke gewarnt werden müssen, wenn sie der Fähre zu nah kommen. Mit einem GPS-basierten Gerät können die Fährleute Binnenschiffe in ihrer Nähe im Auge behalten.

Autofahrerin Ramona Beylich ist auf alle Fälle froh, wenn sie für ihre Besuche beim Arzt und bei einer Freundin weiterhin auf die günstige Verbindung zählen kann. „Wir sind alle froh über den Nachwuchs“, sagt die 66-Jährige, die die Fähre über den Neckar schon seit 20 Jahren immer wieder nutzt.

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Erstellt:
20. April 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 06:00 Uhr

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