Tübingen

Gutenachtgeschichte von Schürzenjägern und Fliegenfängern

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte und Michels „Unfug 325“ hörten die Besucher der TAGBLATT-Veranstaltung in Weilheim.

05.08.2022

Von Werner Bauknecht

Eine Geschichte aus einer entschwundenen Zeit: Margarete Raabe liest aus Else Hueck-Dehios „Ja, damals … Tipsys sonderliche Liebesgeschichte“. Bild: Anne Faden

Eine Geschichte aus einer entschwundenen Zeit: Margarete Raabe liest aus Else Hueck-Dehios „Ja, damals … Tipsys sonderliche Liebesgeschichte“. Bild: Anne Faden

Es gab noch keine Autos, lange Röcke und die Männer sprachen noch vom schwachen Geschlecht, es ist eine entschwundene Zeit.“ So stellte Margarete Knödler-Pasch, Leiterin des Mitveranstalters Weilheimer Literaturkreise der Kirchengemeinde, das Buch „Ja, damals … Tipsys sonderliche Liebesgeschichte“ von Else Hueck-Dehio vor. Margarete Raabe, ehemalige Lehrerin in Weilheim, las daraus bei der TAGBLATT-Gutenachtgeschichte. Die Geschichte spielt im Estland des 19. Jahrhunderts.

Diese Tipsy, eigentlich Maria-Gabriele von Ilgafer, wuchs in einem Herrenhaus mit etlichen Geschwistern auf. Sie ist noch ein richtiger Wildfang mit ihren 16 oder 17 Jahren. Immer wieder büxt sie aus und reitet heimlich, beschießt Schweine mit einem Heureka-Gewehr und lacht sich einen Ast, wenn die versuchen das Plastikzeug aus den Borsten zu kriegen. Bis sie dem Nachbarn, dem 28-jährigen Habichtshof’schen, der eigentlich Bodo heißt, begegnet. Ein Schwerenöter der Mann, aber attraktiv, ein Jäger und Schürzenjäger.

„Er hat in seinem Schloss die geschossenen Tiere aufgehängt“, erfährt Tipsy. „Und wo hängen die Schürzen?“, fragt das naive Kind. Immer wieder begegnet man sich, zuletzt auf einer Hochzeit. Ihrem Tagebuch vertraut sich das Mädchen an: Sie findet den Älteren „interessant“, obwohl der sie zunächst nur neckt. Bei Nacht verwechselt das Mädchen das Zimmer, landet in Bodos Bett , flüchtet stantepede – aber der Mann ist entflammt. Und schon bittet er um die Hand der kleinen Tipsy. Das ist wirklich wunderbar erzählt, und eine echte literarische Wiederentdeckung.

Musikalisch wurde die Lesung hochkarätig begleitet von LaJazza mit Dorothea Tübinger am Saxophon und Joni Pauscher an der Gitarre. Es gab eine schöne Version von George Gerhwins „Summertime“ mit Sopransaxofon. Und einen Song aus Südamerika, der in seiner Melancholie Strandurlaub, Wellen und einen Cocktail an der Bar musikalisch umsetzt.

Thomas Helle war der zweite Leser des Abends vor etwas über 100 Besucherinnen und Besuchern auf der Wiese hinter der Rammerthalle. Helle ist Geschäftsführer des Biotechnologieunternehmens Novis in Tübingen. „Sie veredeln Abfallstoffe zu wiederverwendbaren Wertstoffen“, stellte Knödler-Pasch das Unternehmen und den Vorlesenden vor. „Wir haben seit Jahren keinen Fernseher mehr“, berichtete Helle. Also werde viel gelesen in der Familie. Den Kindern lese er auch noch regelmäßig vor. Und da passe auch die Geschichte von Michel aus Lönneberga, dessen „Unfug 325“. Darin will Michel, hilfsbeflissen in seinen Absichten wie immer, etwas gegen die Fliegenplage im Hause unternehmen.

Der Vater ist zu geizig, um die von der Mutter gewünschten Fliegenfänger zu kaufen. „Das bringt uns an den Bettelstab“, kreischt der Vater. Also schnitzt sich Michel einen solchen Stab, und beschließt in Verkleidung so lange zu betteln, bis er das Geld hat für einen Fliegenfänger. Gleich der erste Versuch ist ein Erfolg: Die Pfarrersfrau gibt ihm genug Geld, dass er massenhaft Fliegenfänger kaufen kann. Und die hängt er alle in einer Nacht- und Nebelaktion in der heimischen Küche auf. Lautes Geschrei weckt ihn. Der Vater hat sich erst in einem Fliegenfänger verheddert, dann in etlichen weiteren. Ebenso die zu Hilfe eilende Mutter und die Schwester. Und so hängen sie in dem klebrigen Zeug herum und verfluchen den Unfug treibenden Michel. Toll erzählt und schön vorgelesen von Helle. Am Schluss dann noch einmal Musik mit LaJazza.

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Erstellt:
05.08.2022, 17:11 Uhr
Lesedauer: ca. 2min 40sec
zuletzt aktualisiert: 05.08.2022, 17:11 Uhr

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