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Reise

Von Säure-Opfern und Karrierefrauen

Shammi Singh aus Ditzingen interviewte Inderinnen aus verschiedenen sozialen Schichten und machte daraus einen Film. Seine Erkenntnis: Die Rolle der Frau hat sich in dem Land stark verändert.

20.08.2019

Von MELISSA SEITZ

Eine Mischung aus Moderne und Tradition: Singh hat Frauen getroffen, die sich westlich kleiden, doch bei der Hochzeit einen Sari tragen. Foto: Shammi Singh

Vor zehn Jahren reiste Shammi Singh das erste Mal nach Indien. Als Sohn eines indischen Vaters und einer deutschen Mutter hatte er schon immer eine Verbindung zu dem Land. 2017, als die „Me Too-“Bewegung startete, kam er ins Grübeln. Als Mann hatte er in Indien nie Probleme, er kannte die Gepflogenheiten und Traditionen. Doch wie sicher ist das Land für Frauen? Wie leben sie in Indien? Sind sie wirklich frei? „Auf meinen Reisen hatte ich immer nur mit Männern gesprochen“, sagt der 31-Jährige aus Ditzingen (Kreis Ludwigsburg). Er kannte nur ihre Sicht der Dinge oder das, was in den Medien über Indien und das dortige Frauenbild berichtet wurde. Die Worte Vergewaltigung, Säureangriff und Unterdrückung sind nicht selten in Berichterstattungen über das Land. Doch Singh war sich sicher: Es muss noch ein anderes Frauenbild geben.

Am 1. Januar 2018 setzte er sich ins Flugzeug, mit Kameraequipment und einem Konzept im Gepäck. Sein Ziel: In einem Film das indischen Frauenbild zu porträtieren – aus Sicht der Frauen. „Eigentlich hatte ich damit gerechnet, nur mit ein oder zwei ins Gespräch zu kommen“, sagt Singh. Am Ende seiner zehnmonatigen Reise waren es 20. Auf der Straße, in Hostels oder durch Bekanntschaften knüpfte er Kontakte.

Studentin anstatt Hausfrau

Unter den Interviewpartnerinnen war eine Deutsche, die in Indien lebt und arbeitet. „Sie war die erste, mit der ich gesprochen habe“, sagt Singh. Sie versorgte den Ditzinger mit Hintergrundwissen. In dem Land hatte sich seit seinem ersten Besuch vor zehn Jahren nämlich viel getan: Frauen gehen auf Reisen und entdecken das Land. War die Mutter früher noch daheim und hat den Haushalt geschmissen, sitzen ihre Töchter nun in Vorlesungssälen und machen Karriere. Inderinnen sind heutzutage selbstbewusst, tauschen sich untereinander aus und Freundschaften mit Männern sind kein Tabu mehr.

Indien bleibt jedoch ein Land der Gegensätze, sagt Singh. In Bangalore interviewte er eine jungen Journalistin. „Wir haben über die Start-Up- und Technik-Szene gesprochen. Sie berichtete von einer westlichen, liberalen Stadt, in der auch Frauen erfolgreich sind.“ Nur ein paar Stunden von Mumbai entfernt erlebte Singh eine andere Welt. Er begleitete eine Organisation in eine kleine Stadt, in der funktionierende Wasserleitungen entstehen sollen. „Wenn Frauen keine drei Stunden mehr laufen müssen, um Wasser zu holen, ist das auch ein wichtiger Schritt in der Frauenbewegung.“

Ein Land im Wandel

Der 31-Jährige sah den Wandel in Indien mit eigenen Augen. Er besuchte erneut Städte, die er von seinen ersten Reisen in Indien bereits kannte: „Es hatte sich viel verändert.“ Mehr Verkehr, mehr Trubel und Menschen, wohin man nur blickte. Auch das Aussehen vieler Frauen hat sich verändert. Als Singh eine Fashion-Designerin aus Neu-Dehli interviewte, lernte er, wie sich die Verbindung von westlicher und traditioneller Kultur auch in der Kleidung der Frauen widerspiegelt. „Ich lernte Inderinnen kennen, die sich im Alltag modern kleiden, aber bei der Hochzeit noch Wert darauf legen, einen Sari zu tragen“, erzählt er.

In Agra – die Stadt, in der sich der Taj Mahal befindet – traf Singh auf Überlebende von Säureattacken. Sie arbeiten in einem Café, in dem jede der Angestellten die Spuren eines solchen Übergriffs auf der Haut trägt. Der 31-Jährige sprach mit zwei Frauen: Eine wurde als Dreijährige von ihrem Vater mit Säure übergossen, weil sie kein Junge ist, die andere lehnte die Annäherungsversuche ihres Chefs ab und er rächte sich an ihr. „Sie lassen sich aber nicht unterkriegen und sind willensstark“, sagt Singh. Solche Angriffe gibt es in Indien immer noch. Nachdem eine Petition im Jahr 2013 strengere Regeln beim Verkauf von Säure gefordert hat, hat die Regierung gehandelt. Zwar ist laut Singh die Zahl der registrierten Angriffe gestiegen, aber nur weil sie nun auch angezeigt werden. Zuvor wurden viele Vorfälle einfach unten den Tisch gekehrt.

Nachdem der Ditzinger mit 20 Frauen gesprochen und mehrere Stunden Videomaterial gesammelt hatte, ging es zurück nach Deutschland. Aus seinen Aufnahmen ist der Film „Women's Voice – India's Choice“ entstanden, der im Juli in Stuttgart beim Indischen Filmfestival Premiere feierte. Mit dem Film will der 31-Jährige das vermitteln, was er auf seiner Reise gelernt hat – und zwar, dass das Frauenbild anders ist als in den Köpfen vieler Menschen. „Die Frauen sind unglaublich politisiert und wollen sich für ihre Rechte einsetzen.“ Singh findet auch: „Wir brauchen mehr weibliche Sichtweisen, es gibt zu viele männliche.“

Shammi Singh hat den Film „Women's Voice India's Choice“ gedreht. Foto: Shammi Singh

Der Ditzinger besuchte das „Sheroes Hangout Cafe“. In dem Café arbeiten Überlebende von Säureattacken. Foto: Fotos: Shammi Singh

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Erstellt:
20. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 06:00 Uhr

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