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Von Moorleichen und Vampiren
Vor allem in der Dämmerung lauern im Untergrund die Geisterwesen. Kriminalkommissar Detlef Stoll führt mit Gruselgeschichten durch die einzigartige Landschaft des Wurzacher Moors. Foto: dpa
Tourismus

Von Moorleichen und Vampiren

Nachtzehrer, Hakenmänner, Aufhocker: Detlef Stoll kann viele Schauergeschichten über solche Wesen erzählen. Mit Sagen und Expertenwissen führt der Kriminalkommissar durchs oberschwäbische Hochmoor.

18.09.2017
  • LSW

Bad Wurzach. Riesenmaul, Haufen Zähne.“ So beschreibt Detlef Stoll die sagenhaften Hakenmänner, die am Rande des Wurzacher Riedes auf Wanderer lauern, um sie in die Tiefe zu ziehen. Auch so genannte Aufhocker warten gerne in der Dämmerung und springen ahnungslosen Menschen auf den Rücken. Dann wachsen sie und werden immer größer, bis ihre Opfer unter der Last im Morast versinken. Unauffälliger agiert der Nachtzehrer, eine Art Vampir, der durch Mund oder Augen die Lebensenergie von Passanten absaugt. Solche Mythen und Legenden sind die Leidenschaft eines oberschwäbischen Kriminalhauptkommissars – bei „Moorleichen-Führungen“ verbindet er sie mit seiner Passion für die Natur.

Nach 40 Jahren als Polizist, mehr als 20 davon bei der Kriminalpolizei, lehrt Detlef Stoll heute an der Biberacher Hochschule für Polizei die Fächer Strafrecht und Kriminalistik. Erholung findet der 58-Jährige aus Fronreute (Kreis Ravensburg) in der Natur, führt Besucher durch die Blitzenreuter Seenplatte seiner Heimatgemeinde oder durchs Wurzacher Ried, das als größtes intaktes Hochmoor Mitteleuropas gilt. Und da die oberschwäbischen Riedgebiete Schauplatz zahlloser Legenden und Schauermärchen sind, kann der Verbrechensexperte bei seinen Führungen viel erzählen.

Dazu braucht mancher Zuhörer starke Nerven: „Bei Moorleichen kommt es durch Sauerstoffausschluss sowie Humin- und Gerbsäuren zur Mumifikation, einer Weichteilkonservierung, bei der die Gesichtszüge oft erhalten bleiben“, erklärt Stoll beim Spaziergang durchs wolkenverhangene Wurzacher Ried. „Das könnte zur Legendenbildung über Wiedergänger beigetragen haben – Untote, die aus dem Grab steigen, weil sie mit dem Leben nicht abgeschlossen haben.“

Tückischer Lehmboden

Auch in Friedhöfen mit lehmigen Böden und Staunässe habe man so genannte Fettwachsleichen gefunden, die nur teilweise verwesten. Für die berüchtigten Leichenschmatzer, die angeblich am Totentuch nagen, hat Stoll eine ganz profane Erklärung: „Das waren vermutlich Gase, die noch entwichen sind und Rülpser verursacht haben.“

Bei vielen der rund 1000 in Europa gefundenen Moor-Mumien handelt es sich um Menschenopfer aus der Eisenzeit, erklärt Stoll. „Moore waren schon über Jahrtausende mystische Orte für Opfergaben, alle indogermanischen Stämme hatten eine Affinität zum Wasser.“ So starb vermutlich auch der „Old Croghan-Mann“ als Menschenopfer, eine 2003 in Irland gefundene, mehr als 2000 Jahre alte Moorleiche. Auch die Männer von Hunteburg, die 1949 bei Osnabrück beim Torfabbau entdeckt wurde, wurden im 3. oder 4. Jahrhundert vermutlich rituell getötet.

1994 machte eine im Wurzacher Ried gefundene „Moorleiche“ Schlagzeilen – Stoll half als junger Kriminalbeamter bei der Aufklärung: Der von Vermessungsstudenten der Universität Hohenheim entdeckte Schädel wurde einer seit 1987 vermissten jungen Frau zugeordnet, 18 Jahre nach ihrem Tod verurteilte das Landgericht Ravensburg 2005 ihren Ex-Freund wegen Mordes zu lebenslanger Haft – er hatte sie aus Eifersucht erschossen.

Stolls Führung „Tod im Moor“ ist eine von mehr als 160 Veranstaltungen, die das Naturschutzzentrum in Bad Wurzach 2017 anbietet. Auch Relikte der 1996 eingestellten Torfproduktion tauchen bei der Wanderung durch die sagenumwobene Landschaft auf: Verladestationen, alte Schuppen und verrostete Loren künden von mehr als 200 Jahren Torfabbau in dem 1800 Hektar großen Riedgebiet.

„Mit einer Führung zu Moorleichen wollten wir einen etwas anderen Ansatz zur Erforschung des Moors bieten“, sagt Sprecherin Heike Gumsheimer. Ganz ohne krude Gruselgeschichten bietet aber auch die Erlebnisausstellung „Moor extrem“ im Naturschutzzentrum weitere Einblicke in den geheimnisvollen Lebensraum. Annette Le Riche, dpa

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18.09.2017, 06:00 Uhr
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