Europäischer Filmpreis

Von Männern und Alkohol

„Der Rausch“ von dem Dänen Thomas Vinterberg räumt die meisten Auszeichnungen ab. Paula Beer wird für ihre Rolle in „Undine“ als beste Darstellerin geehrt.

14.12.2020

Von Julia Kilian

In vier Kategorien mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet: „Der Rausch“. Lehrer Martin (Mads Mikkelsen) lebt mit konstant 0,5 Promille im Blut. Foto: Henrik Ohsten/EFA/dpa Foto: Henrik Ohsten/EFA/dpa

Beim Europäischen Filmpreis hat die Tragikomödie „Der Rausch“ des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg gleich vier Auszeichnungen gewonnen. Die Geschichte erzählt von vier Männern, die die Möglichkeiten des Alkohols austesten wollen. „Der Rausch“ wurde unter anderem zum besten Film gewählt, wie die Europäische Filmakademie am Samstagabend in Berlin bekanntgab.

Als beste Schauspielerin wurde die deutsche Darstellerin Paula Beer ausgezeichnet. Die 25-Jährige erhält den Preis für ihre Rolle in „Undine“. In dem Liebesdrama von Christian Petzold spielt sie eine mysteriöse Frau, die sich in einen Industrietaucher verliebt. Die Geschichte ist an einen Nixenmythos angelehnt.

Wegen der Pandemie wurden die Auszeichnungen an mehreren Abenden und digital verliehen. Beer hatte zunächst Probleme mit der Übertragung, als ihr Name genannt wurde. Die Technik habe nicht mitgemacht und sie habe nichts gehört, sagte Beer. Dann freute sie sich: „Ich verstehe gerade erst, dass ich den Preis bekomme.“

Es sei noch immer wahnsinnig unreal, so etwas nur über Zoom mitzubekommen, sagte Beer nach der Verleihung. Sie setzte sich unter anderem gegen Nina Hoss („Schwesterlein“) durch. Beer hatte für „Undine“ auch den Silbernen Bären der Berlinale gewonnen. Sie saß am Samstagabend unter anderem mit Regisseur Petzold zusammen. Sie hätten sich alle auf das Coronavirus testen lassen, damit sich niemand ansteckt.

In diesem Jahr sah man die nominierten Künstler also auf Sofas. Oder rauchend vor der Kamera. Regisseur Vinterberg hatte eine Reihe von Menschen um sich versammelt, darunter seine Frau. In „Der Rausch“ spielt Mads Mikkelsen einen Lehrer, der seinem Leben entkommen will. Gemeinsam mit Kollegen beschließt er, sich konstant zu betrinken.

Paula Beer spielt in „Undine“ eine moderne Nixe. Foto: Michael Kappeler/dpa

Sie wollen die These eines norwegischen Philosophen testen, der behauptet, der Mensch habe konstant zu wenig Alkohol im Blut. Was also passiert, wenn man stets 0,5 Promille intus hat? Oder 1,0 Promille? Oder bis an seine Grenzen geht? Im Film sieht man Mikkelsen dabei zu, wie er ständig seinen Atemalkoholwert mit einem kleinen Gerät testet – und dann wieder nachschenkt. „Der Rausch“ zeigt Männer beim Tanzen, beim Experimentieren, beim Herumalbern. Und beim Erleben elementarer Krisen – von der Midlife-Crisis bis zum Tod.

Filmemacher Wim Wenders sprach von einem großen Film über Männer, Alkohol und die Lust aufs Leben. Der Film sei unglaublich differenziert und wild. Er sei eine Ode an die Möglichkeit, das Beste aus dem Leben zu machen oder es zu versauen. „Es ist so ein fantastischer Film voller Freude, Schmerz und Glanz.“ Der Film stand in diesem Jahr auch auf der Empfehlungsliste des Filmfestivals in Cannes und soll Anfang 2021 in die Kinos kommen.

Regisseur Vinterberg sagte am Samstagabend, der Film sei in der schwersten Zeit seines Lebens entstanden. Seine Tochter sei gestorben, während er daran gearbeitet habe. „Sie hat dieses Projekt geliebt“, sagte der 51-Jährige. Sie habe darin vorkommen sollen, der Film sei an ihrer Schule gedreht worden. Nach ihrem Tod sei das einzig Sinnvolle gewesen, den Film fertig zu drehen und ihn für sie zu machen. „Ich danke Ihnen von Herzen.“

Vinterberg nutzte seine Dankesrede, um den Wert der Filmförderung und des europäischen Kinos zu betonen. Als Unterzeichner des „Dogma 95“-Manifests hatte er früher zusammen mit Regisseur Lars von Trier eine neue Kargheit des Kinos eingefordert. Bekannt ist Vinterberg für Titel wie „Das Fest“, „Die Kommune“ oder die Literaturverfilmung „Am grünen Rand der Welt“.

„Der Rausch“ wurde nicht nur als bester Film und für die Leistung des Hauptdarstellers Mikkelsen, sondern auch für Drehbuch und Regie ausgezeichnet. Er setzte sich unter anderem gegen „Undine“ und „Berlin Alexanderplatz“ durch.

Die Neuverfilmung des Romans von Alfred Döblin ging jedoch nicht leer aus: Am Mittwoch wurde der Komponistin Dascha Dauenhauer für ihren Soundtrack von „Berlin Alexanderplatz“ ein Europäischer Filmpreis verliehen. Das Künstlerdrama „Hidden Away“ erhielt zwei Auszeichnungen – sowohl für die Kameraführung von Matteo Cocco als auch das Kostümdesign von Ursula Patzak. Unter anderem wurde auch der Dokumentarfilm „Once More Unto the Breach“ für den Schnitt ausgezeichnet.

3800 Mitgliederstimmen ab

Der Europäische Filmpreis zählt zu den wichtigsten Auszeichnungen der Branche. Die mehr als 3800 Mitglieder der Filmakademie stimmen über viele Preisträger ab, ähnlich wie bei den Oscars in den USA. Im vergangenen Jahr war der Historienfilm „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos als bester europäischer Film ausgezeichnet worden.

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Erstellt:
14. Dezember 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2020, 06:00 Uhr

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