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Berlinale

Von Leben und Tod gezeichnet

Heftig: Fatih Akin bringt Heinz Strunks „Der goldene Handschuh“ auf die Leinwand und gewährt Einblicke in menschliche Abgründe.

11.02.2019

Von Magdi Aboul-Kheir

Schnaps und Schlager und bald auch Schläge: Fritz Honka (Jonas Dassler) hat aus der Kneipe wieder eine Frau (Margarethe Tiesel) in sein Zuhause mitgenommen. Foto: dpa

Erste wichtige Auszeichnung erhalten! Geil!“ Auf Instagram hat sich Fatih Akin schon vor der Weltpremiere seines neuen Films „Der goldene Handschuh“ über den ersten Preis gefreut. Er meinte damit allerdings die Altersfreigabe „FSK ab 18“.

Aber das ist nur konsequent: Akin, der international wohl renommierteste deutsche Filmemacher, hat den radikalen, schonungslosen Roman Heinz Strunks in eine entsprechend radikale, schonungslose Bildsprache übersetzt. Und tatsächlich, wie sollte man Strunks Milieugeschichte über den Triebtäter Fritz Honka, der im Hamburg der 70er Jahre mehrere Frauen meuchelte, jugendfrei auf die Leinwand bringen, ohne der Vorlage – nun ja – Gewalt anzutun?

Es ist die Geschichte eines Mörders, aber vor allem auch ein Soziogramm. Die titelgebende Absturzkneipe in St. Pauli, das erzählt Akin jetzt auf der Berlinale, hat ihn fasziniert. Er taucht ein in diesen Mikrokosmos der Gosse, in die Welt der Verlorenen und Verzweifelten, der Abgehalfterten und Ausgebrannten, der von sich und allen anderen Aufgegebenen.

Wo Strunk in seinem Roman aber anhand einer Reederfamilie auch das verlogene Bürgertum nicht auslässt, zeigt, wie dort ebenso der Trieb, der Hass herrschen, konzentriert sich Akin – bis auf einen kleinen Nebenstrang der Handlung um zwei Jugendliche – völlig auf Honka und den „Handschuh“. Das macht den Film in seiner sozialpsychologischen Aussage allerdings kleiner als das Buch.

Fatih Akin ist zurück auf der Berlinale. Foto: John MacDougall/afp

Doch wie Strunk in schmerzhaft präziser und – so unpassend das klingen mag – nüchternen Prosa beschreibt, wie Honka in der Kneipe sich und die Frauen abfüllt, sie mitnimmt, sich an ihnen vergeht und sie schließlich tötet, zeigt auch Akin das (fast) alles in abstoßender Deutlichkeit.

Wie der 22-jährige, gerade als Schauspieler durchstartende Jonas Dassler als Honka säuft und schlurft, wie er sabbert und deliriert und brutal kopuliert und mit seinem entstellten Gesicht immer wieder den Zuschauer anblickt: Das ist ein Monster. Nahezu alle Figuren in diesem Film sind vom Leben gezeichnet, und etliche auch schon vom Tod. Dabei ist die Besetzung bis in die kleinsten Nebenrollen (alle tauchen sie auf, Strunks Figuren, von Soldaten-Norbert über Tampon-Günter bis Thekenkraft Anus) stark, und mancher Auftritt, etwa von Hark Bohm oder Katja Studt, rührt sogar an.

„Der goldene Handschuh“ ist also ein Ereignis. Und Fatih Akin ist endlich mal wieder auf der Berlinale, dort wo ihm vor 14 Jahren der Sprung auf die ganz große Bühne gelang, mit dem Goldenen Bären für „Gegen die Wand“, dem Deutscher und Europäischer Filmpreis folgten. Akin hat seitdem in Cannes für Furore gesorgt und Palmen gewonnen (2007 mit „Auf der anderen Seite“ und 2017 mit „Aus dem Nichts“), er wurde auch in Venedig bejubelt (2009 für „Soul Kitchen“ und 2014 für „The Cut“). Im vergangenen Jahr holte er mit dem zugespitzten Terror- und Rachedrama „Aus dem Nichts“ den Golden Globe, nur mit dem Oscar wurde es nichts. Nun ist der Hamburger also an der Stätte seines ersten großen Triumphs zurück: Beweisen muss er nichts mehr, Rücksichten nehmen sowieso nicht – und all das sieht man dem „Goldenen Handschuh“ an. Akin erzählt diese Geschichte so, wie sie ihn bei der Lektüre des Buches damals gepackt hat, ohne Rücksicht auf Verluste.

In aller Konsequenz

„Liebe, Tod und Teufel“ heißt Akins große Film-Trilogie, aber in seinem neuen Film herrscht statt Liebe nur Trieb. Die Darstellung von Schmerz hat den Drehbuchautor und Regisseur schon immer fasziniert, auch die von Gewalt – aber der Schmerz ist in seinem neuen Film kein melodramatischer, sondern ein mortaler; und die Gewalt hat nichts Ästhetisiertes wie etwa bei Tarantino. Und Humor? Ja, wenn Fritz Honka auf die in Säcke verpackten, verwesenden Leichenteile einen Duftbaum wirft, möchte man kurz auflachen – aber man kann es nicht.

„Der goldene Handschuh“ hinterlässt beim Betrachter ein flaues Gefühl im Magen. Ob das der Bären-Jury zusagt, lässt sich nicht sagen. Aber Fatih Akin hat den Film gemacht, den er machen wollte – in aller Konsequenz.

Die Würde der Opfer?

Im Nachspann von „Der goldene Handschuh“ zeigt Fatih Akin Bilder von Fritz Honkas Opfern, Fotos vom Tatort. Aber was ist mit der Würde der Opfer? „Natürlich war die Überlegung: Wie kann ich den Opfern die Würde lassen?“, sagt der Regisseur. „Es handelt von Gewalt, das ist das Thema in dem Film – wenn du einen Film über einen Serienmörder machst, der Frauen umgebracht hat, dann musst du das auch zeigen. Das liegt in der Natur der Sache. Dann geht es aber darum: Wie zeige ich das? Wo tue ich die Kamera hin in der Gewaltdarstellung? Einerseits möchte ich unterhalten, Angst machen, aber andererseits möchte ich auch berühren und erschüttern.“

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Erstellt:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Februar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Februar 2019, 06:00 Uhr

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