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Kolonialzeit: „Von Klischees lösen“

Interview mit Sandra Richter, Chefin des Marbacher Literaturarchivs

Afrika in der deutschen Literatur ist jetzt Thema im Marbacher Literaturarchiv. Chefin Sandra Richter über alte Vorurteile und neue Kooperationen.

16.11.2019

Von Lena Grundhuber

Maske der Senofu aus der Sammlung von Norbert Elias. Foto: Chris Korner/ DLA Marbach Foto: Chris Korner/DLA Marbach

Marbach. Anfang des Jahres erst war Sandra Richter selbst in Namibia. Die Chefin des Deutschen Literaturarchivs Marbach reiste als Teil einer baden-württembergischen Delegation, die zwei geraubte Objekte aus der Kolonialzeit zurückgab. Richter nahm aber auch etwas mit nach Hause: Kontakte, Ideen, Kooperationsprojekte mit Kollegen aus Namibia. Ein Ergebnis ist die Marbacher Ausstellung „Narrating Africa“ im Literaturmuseum der Moderne. Sie geht den Spuren Afrikas und der Kolonialzeit in der deutschsprachigen Literatur nach.

Gibt es denn überhaupt deutsche „Kolonialliteratur“?

Sandra Richter: Die gibt es, auch wenn sie sich nicht in den Literaturgeschichten findet. In Schritt eins unserer Ausstellung legen wir unseren Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1890 und den 1920ern, in der es auch politisch prekär wird. Der erste große deutsche Kolonialroman ist Frieda von Bülows „Tropenkoller“ von 1895. Der Text ist hochgradig ambivalent und deshalb interessant: Frieda von Bülow kann man als deutsche Tanja Blixen bezeichnen. Sie war mit Lou Andreas-Salomé und Rilke befreundet, zugleich betätigte sie sich als Farmerin in Afrika und verliebte sich in einen brutalen Kolonialpionier.

Wie erzählt sie von Afrika?

Einerseits ist sie fasziniert von der Exotik und versucht, sich auf die Welt Afrikas einzulassen. Andererseits ist ihr Roman vom kolonialen Blick geprägt. Die Leitvokabel „Tropenkoller“ bezeichnet eine medizinische Diagnose: für Menschen, die in den Kolonien nicht zurechtkamen und andere Menschen drangsalierten. Damit konnten Kolonisatoren sogar gerichtlich von allen Vergehen freigesprochen werden, die sie in den Kolonialgebieten verübt hatten. Dass dieser „Tropenkoller“ natürlich eine Fiktion war, zeigt der Roman an der ausgesprochen unsympathischen Figur eines Kolonialbeamten. Frieda von Bülow zeigt also, dass die Kolonisatoren schlicht unethisches Verhalten an den Tag legten. Sie selbst hatte allerdings auch Bedienstete auf ihrer Farm.

Welche Autoren sind sonst wichtig?

Viel gelesen wurde Hans Grimm. Indem er sie mit der englischen Kolonialmacht vergleicht, entwirft er die Deutschen als die besseren Kolonisatoren, die Land und Leute angemessen behandeln. Grimms Texte sind allesamt ideologisch, aber sie gehören zur Literatur der Zeit. Es ist die Aufgabe von Institutionen wie der unseren, auch Irrtümer der Geschichte in Erinnerung zu rufen und zu zeigen, wie Zeitgenossen über Afrika dachten und wie sich so etwas wie Kolonialismus entwickeln konnte.

Hat die Kolonialliteratur die deutschen Expansionsbestrebungen im späten 19. Jahrhundert unterstützt?

Ein erheblicher Teil dieser Literatur tat das. Frieda von Bülow etwa gründete eine Frauengemeinschaft im deutschen Kolonialverein und Grimm warb explizit für die Kolonialisierung. Es gab einige Autoren, die für populäre Zeitschriften wie die „Gartenlaube“ schrieben, prokoloniale Argumente gehen durch alle Parteiungen. Es war eher die Ausnahme, dass sich Autoren ausdrücklich gegen den Kolonialismus stellten – wie etwa Kurt Tucholsky.

Sandra Richter, Chefin des Marbacher Literaturarchivs. Foto: Werner Kuhnle

Wie argumentierte Tucholsky?

Er schrieb zum Beispiel ein Essay über Grimms „Volk ohne Raum“ unter dem schönen Titel „Grimms Märchen“. Darin versucht er, alle Argumente, die Grimm pro Kolonien erahnen lässt, zu widerlegen: Kolonien, so Tucholsky, seien ökonomisch irrelevant und vor allem menschenverachtend.

Ist er der einzige Kritiker?

Eine weitere hochinteressante Gestalt ist Hans Paasche. Er hatte im Maji-Maji-Krieg gekämpft, dann aber entdeckte er seine Sympathie für Afrika, lernte eine afrikanische Sprache und lebte eine Weile am Victoriasee. 1912/13 schrieb Paasche einen Roman über eine Forschungsreise ins Innerste Deutschlands, einen quasi ethnologischen Text aus Sicht eines Afrikaners, der erörtert, wie merkwürdig die Deutschen sind: Sie ziehen komische Sachen an, ernähren sich schlecht, sind viel mehr Sklaven als jeder Afrikaner – nämlich Sklaven der Idee, Geld verdienen zu müssen. Ein Text, der es verdient, wiederentdeckt zu werden.

Was passiert nach 1945?

In dieser Zeit tut sich viel in Afrika selbst, die Autoren der Négritude beginnen zu schreiben. Es handelt sich um eine Bewegung, die für die kulturelle Selbstbehauptung eintrat. Interessanterweise lesen sie Leo Frobenius, einen deutschen Ethnologen, und entdecken durch ihn wiederum Goethe. Der senegalesische Schriftsteller und Politiker Léopold Sédar Senghor etwa sieht Goethe als Bruder im Geiste. In Deutschland erscheint der erste wichtige Afrika-Roman, Uwe Timms „Morenga“, erst 1978. Ansonsten gibt es eine Reihe von vergessenen Autoren, die wir noch aufarbeiten müssen.

Ein Jahr läuft das Ausstellungs- und Forschungsprojekt. Was folgt noch?

Tatsächlich ist die nächste Frage: Was passierte nach 1945? Wie kommen Afrikaner und Deutsche zusammen? Wie können wir uns von Klischees lösen?

Reden dann wieder nur Weiße mit Weißen?

Genau das nicht. Im Juni findet eine Tagung mit afrikanischen Autoren statt und im Herbst werden die namibischen Kollegen die Ausstellung vervollständigen. Es sind viele afrikanische Stimmen, die die deutschen vielleicht übertönen werden.

Wie ist denn Ihr eigener Blick auf Afrika heute?

Es ist ein Kontinent in Bewegung mit einer Bevölkerung, die sich allein mit kulturellen Erzählungen sicher nicht zufriedengibt. Was können wir tun, damit Afrika und Europa weiter zusammenrücken? Darüber denken wir gemeinsam mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Namibia und anderen afrikanischen Ländern nach.

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Erstellt:
16. November 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
16. November 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. November 2019, 06:00 Uhr

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