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Ein Bild von einer Stadt

Von Kaspar Hauser bis Harry Potter: Rothenburg ob der Tauber ist beliebte Filmkulisse

Rothenburg ob der Tauber, seit Jahrzehnten beim Filmteams beliebt, will vermehrt Drehort für moderne Kinoproduktionen sein – und setzt dazu auf seine historische Kulisse. Ein Rundgang mit Filmschaffenden.

21.12.2010
  • Magdi Aboul-Kheir

Von Kaspar Hauser bis Harry Potter: Rothenburg ob der Tauber ist beliebte Filmkulisse
Drehort Rothenburg: „Der Brief für den König“ (2008).

Der Zauberschüler hat keine Spuren hinterlassen. „Wo haben die denn jetzt für ,Harry Potter’ gedreht?“ Die Filmschaffenden, die durch Rothenburg ob der Tauber stapfen, blicken in die engen Gassen. „Wir sind nicht drin in dem Film“, weiß Birgit Marion vom Tourismus Service. Dabei hat das Team von „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ zwei Tage lang Luftaufnahmen von der mittelfränkischen Kleinstadt gemacht. Und im Nachspann gibt es ein Dankeschön an den Ort. „In einer Szene sieht es aus wie im Durchgang neben dem Rathaus“, sagt Marion, „aber eben nur fast.“ Die Filmschaffenden gehen weiter: 40 Produzenten, Autoren, Aufnahmeleiter sind einen Tag lang in Rothenburg auf „Location Tour“ unterwegs: „Auf den Spuren des Mittelalters“.

Eingeladen haben die FFF Film Commission Bayern und Media Welcome Services. „Wir wollen zeigen, dass Bayern vielfältigste Drehorte hat“, sagt die stellvertretende FFF-Geschäftsführerin Gabriele Pfennigsdorf. Solche Location Tours gibt es regelmäßig: etwa an die tschechische Grenze, in den Bayerischen Wald, ins Allgäu. Kopfsteinpflastergassen, Kirchen, Türme, Stadtmauern, Gräben, Geschützböden: Rothenburg schaut auf eine lange Filmkulissen- Geschichte zurück. Gut 20 Filme wurden seit den 50ern hier gedreht.

Von Kaspar Hauser bis Harry Potter: Rothenburg ob der Tauber ist beliebte Filmkulisse
Drehort Rothenburg: „Die Christel von der Post“ (1956).

„Wo gibt’s das schon: 3,5 Kilometer Wehranlagen mit wunderschönen Perspektiven zu allen Jahres- und Tageszeiten“, sagt Lothar Schmidt. Er führt die Gruppe an dem frostigen Dezembertag. „Erlebtes Mittelalter“, sagt er unter der Kapuze hervorgrinsend, „Kälte gehört dazu.“ Pilger, auf die Exkremente regnen, Soldatenheere, die hungernd vor der Stadt lagern – Schmidt lässt anekdoten- und faktenreich vergangene Epochen aufleben. Er betritt die spartanische Wallfahrtskirche St. Wolfgang und macht die thematische Vielfalt des Ortes deutlich: „Da haben wir das Religiös-Fromme, das Mystische, aber auch das Militärische.“ Ja, hinterm Altar gibt es eine Kanonenkammer. Schmid geht voran in den Keller: „Wer keine Angst vor Mäusen, Ratten und Knochengebein hat, folge mir.“

Die „Aaahs“ und „Ooohs“ der Filmemacher ziehen sich durch den Tag. Im Sauseschritt durch die Altstadt und die Geschichte: Höfe und Verliese, Brunnen und Plätze. Im Reichsstädtischen Museum werden die älteste deutsche Klosterküche und die Waffenkammer besichtigt: Dolche, Lanzen, Säbel, Schwerter. „Was für eine schöne Auswahl“, sagt der Produzent Onno Ehlers. „Gigantisch“, findet er später die Gemäuer der Spitalbastei, der letzte große Festungsbau vor dem Dreißigjährigen Krieg. Riesige Rundgänge, ein enormer Zwinger, Innenhöfe. Die Filmemacher werfen von der Mauer Blicke ins pittoreske Taubertal mit seinen Wassermühlen.

Von Kaspar Hauser bis Harry Potter: Rothenburg ob der Tauber ist beliebte Filmkulisse
Rothenburg ob der Tauber in echt.

Bereits um 1840 entdeckten Münchner Maler Rothenburg als romantisches Motiv. 1893 wurde der gotische Teil des Rathauses auf der Weltausstellung in Chicago nachgebaut. Im 20. Jahrhundert sorgten dann Kino und Massentourismus für die totale internationale Popularisierung des Rothenburg-Bilds: Mehr als 2,5 Millionen Touristen strömen heute jährlich durch die Gassen, Japaner und Amerikaner bilden die größten Gruppen. Keine großen Brände, wenig Industrialisierung - Rothenburg hat viel bauliche Substanz konserviert. Und was den Kriegsbomben zum Opfer fiel, wurde überwiegend im historischen Stil wieder aufgebaut.

Amerikaner sprechen von der „City of Dreams“.

Kein Wunder, dass auch ihre Traumfabrik dort die Kameras hat laufen lassen. „Es geht um ein klar definiertes Bild“, sagt Schmidt im Hinblick auf die Location-Suche, „zwischen Mittelalter und Romantik.“ Der Reiseleiter kratzt selbst gern an der Oberfläche, ist an kritischer Geschichtsforschung interessiert. Die Stadt bietet auch diesbezüglich Potenzial – schließlich sah Hitler in Rothenburg das Ideal einer deutsch-mittelalterlichen Stadt. Ein wirkmächtiges Klischee-Bild. Und heute? Wird den Machern des Hightech-Mediums Film vor allem ein generationenaltes Kulissenbild gezeigt. Es geht ums Markenprofil.
Dieses Image ist nunmal das größte Kapital der 11.000-Einwohner- Stadt. Und Kapital ist vonnöten: Der Erhalt der Gebäude verschlingt Millionen, der Fremdenverkehr ist Haupt-Einnahmequelle. Eine Bewerbung für die Unesco- Weltkulturerbeliste wird erwogen.

Im Kaisersaal des prächtigen Rathauses wirbt Stefan Reihs vom Historischen „Meistertrunk“-Festspiel derweil für seine TV-erfahrene Laien-Truppe. Wenn einer Wallenstein & Co. Braucht? „700 Mitglieder in Kostüm stehen bereit! Dazu ein umfangreicher Kutschen- und Wagenpark.“ Im Kriminalmuseum werden den Besuchern per Powerpoint weitere Rothenburg-Höhepunkte aus Stein und Natur vorgeführt. „Inspirierend“, sagt Drehbuchautor Christoph von Zastrow, „geschichtlich und atmosphärisch.“

Oberbürgermeister Walter Hartl hat auch noch seinen Auftritt, tritt vollmundig für Rothenburg ein: „Sie werden nicht enttäuscht sein!“ Filmteams seien froh und dankbar, „dass es hier Filmerfahrung und Statisten gibt“. Die Bevölkerung in Stadt und Umland sei es gewohnt, in entsprechende Rollen zu schlüpfen: „Sie bringt auch die nötige Zeit mit, bis die Szenen im Kasten sind.“ Die Rothenburger hätten Verständnis für gesperrte Straßen, „und bürokratische Dinge werden bei uns so klein wie möglich gehalten. Wir lassen auch mal die fünf gerade sein.“ Schließlich hat nicht zuletzt das Harry-Potter-Team eine Ausnahmegenehmigung erhalten, mit dem Helikopter in nur 150 Metern Höhe über Rothenburg zu fliegen.

Nur schade, dass der Potter-Dreh offenbar eine Luftnummer war. Doch OB Hartl ist optimistisch: „Wir hoffen auf den zweiten Teil.“

Drehort Rothenburg:Bereits 1915 liefen in Rothenburg ob der Tauber die Kinokameras: „Robert und Bertram, die lustigen Vagabunden“ hieß der Film. Seitdem diente die mittelfränkische Stadt gut zwei Dutzend Mal als Drehort für größere Produktionen. Während des Dritten Reichs war die Stadt – damals galt sie als Idealbild des deutschen Mittelalters – viermal Filmkulisse (etwa in „Das kleine Hofkonzert“). Mit dem US-Kriegsdrama „Entscheidung vor Morgengrauen“ (1951) begann die Nachkriegskarriere
Rothenburgs als Drehort. Es entstanden Märchenfilme wie „Der Teufel mit den drei goldene Haaren“ (1955), Heimatstücke wie „Die Christel von der Post“ mit Hardy Krüger (1956), das Remake des „Blauen Engels“ mit Curd Jürgens (1959), Gruselthriller wie „Die Schlangengrube und das Pendel“ mit Lex Barker und Christopher Lee (1967), Schulmädchenklamauk wie „Zwanzig Mädchen und ein Pauker“ (1971) und Historiendramen wie „Kaspar Hauser“ (1993). Auch große Hollywood- Produktionen waren zu Gast. Regisseur George Pal mischte 1962 aus Neuschwanstein, Dinkelsbühl und Rothenburg eine märchenhafte Kulisse für seinen fantastischen Episodenfilm „Die Wunderwelt der Gebrüder Grimm“ zusammen. Und 1968 landete das fliegende Auto „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“ für das gleichnamige Disney-Filmmusical in Franken.

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21.12.2010, 12:00 Uhr
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Ein herausragender Film, zu Recht wird er als ein "deutscher Kaurismäki" bezeichnet. Als "Liebesfilm" würde ich ihn allerdings in keinster Weise bezeichnen, diese Szenen sind nur ein kleiner Teil. In erster Linie wird ohne viele Worte die aussichtslose Lage der prekär beschäftigen Menschen gezeigt, die beispielsweise trotz Verbots weggeworfene Lebensmittel direkt am Container im wahresten Sinne des Wortes "verschlingen". Sie versuchen, sich ihre Würde und auch ihren Humor zu bewahren. Interessant ist es, die Kurzgeschichte von Clemens Meyer zu lesen, sie umfasst nur 25 Seiten. Die Umsetzung im Film ist hervorragend gelungen, einige wenige Szenen wurden verändert bzw. hinzugefügt.
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