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Lorenzo Zimmer über eine Entscheidung nach Feierabend

Von Currywurst und freiem Willen

Kurz vor Feierabend, der Magen knurrt. Ich muss eine Entscheidung treffen: auf dem Heimweg einen Döner zum Mitnehmen? Oder doch en passant beim „X“ eine Currypeitsche plus Pommes oder Brötchen?

03.07.2018
  • loz

Schließlich wäre da noch die cholesterinschonendste Variante: Beim Supermarkt meines Vertrauens ein paar frische Tomaten und eine Zucchini erstehen, um sie mit der halben Aubergine, dem frischen Knoblauch und den Möhren, die in der Kühlschrankschublade tapfer dem begonnenen Sommer trotzen, und etwas Olivenöl zu einem Ofengemüse zu verarbeiten?

Die Entscheidung fällt mir schwer. Schließlich siegt die Vernunft: Das Ofengemüse soll’s sein. Doch nach der Entscheidung ist vor der Entscheidung: Zu welchem Supermarkt? Beim einen ist die Gemüse-Auswahl kleiner und die Preise sind etwas höher – dafür ist der andere etwas weiter weg. Schließlich bin ich entschieden und nach getaner Arbeit trete ich den Marsch zum Nonnenhaus an. Und schon stellt sich die nächste Frage: die Mühlstraße hinauf – etwas lauter und in den Abendstunden aufgrund des Licht-Einfallwinkels kaum im Schatten, dafür kürzer? Oder doch den längeren Weg durch die malerische Neckargasse und Horden von Eisessern und Fußgängerzonen-Schlenderern?

Als ich abwäge, bilde ich mir ein, eine freie Entscheidung treffen zu können. Kann ich das ? Oder ist ohnehin vorbestimmt, wie ich mich entscheide, weil die Summe der Argumente im Unterbewusstsein schwerer wiegt und das Bewusstsein am Ende nur noch als Marketingabteilung fungiert, die im Nachhinein rechtfertigt, was hinter den Kulissen entschieden wurde?

Der Gedanke des freien Willens gefällt mir eigentlich. Nicht nur, weil er Menschen vom Tierreich zu unterscheiden scheint, sondern weil man nur mit seiner Existenz die Dinge selbst in der Hand hat. Wie unbefriedigend wäre die Perspektive, auch in seinen Entscheidung ohnehin nur Spielball seiner Umgebung und seiner Erfahrungen zu sein – nicht frei reflektieren und bestimmen zu können?

Jetzt will ich es wissen. Obwohl mir der malerischere Weg durch die Neckargasse verlockender erscheint, mag ich es nicht einsehen. Ich werde ja wohl verdammt nochmal selbst entscheiden, wo ich langlaufe – ich will mal rebellieren, statt mich immer der arithmetischen Plausibilität und dem gewohnten Gang unterzuordnen.

Als ich die Kaffeebar am Kopf der Neckarbrücke passiere und einen Fuß in die Mühlstraße setze, dämmert mir etwas. Hat mich mein Bewusstsein beschissen? Wollte die Vernunft von Anfang an durch die Mühlstraße gehen und hat sie mir das vermeintliche Rebellentum nur schmackhaft gemacht, um ihren im Geheimen gehegten Wunsch gegen mich durchzusetzen? War das wirklich eine freie Entscheidung oder nur ein Trick meines Geistes, es mir zwar als genau solche zu verkaufen – sie mir in Wahrheit aber doch abzunehmen?

Ich kehre sicherheitshalber um. Genaue Länge der beiden Strecken, steigungsbedingter Kalorienverbrauch, Zeitverlust durch bummelnde Touristen und stadtverliebte Tübinger, die zum millionsten Mal die schönen mittelalterlichen Häuser bewundern – selbst wenn ich alle Informationen hätte, würde ich heute gerne mal die unlogische Entscheidung treffen. Aber wie soll ich rebellieren, wenn ich nicht mal weiß, welches die bessere Entscheidung wäre? Wissen Sie was? Während ich diese Zeilen nun geschrieben habe, bin ich so hungrig geworden, dass mir ein Ofengemüse zu lange dauert. Ich gehe mir nun doch eine Currywurst holen. Dabei werde ich das Gefühl nicht los, dass mein Unterbewusstsein genau darauf hinaus wollte ...

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03.07.2018, 01:00 Uhr
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