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Vom Sinn der Sinnlosigkeit
Auch eine Premiere: Die Berliner Volksbühne ist besetzt. Foto: Paul Zinken
Theater

Vom Sinn der Sinnlosigkeit

Turbulenter Saisonbeginn in der nun auch real aufgewühlten Berliner Szene. Viele Premieren und die besetzte Volksbühne sorgen für Gesprächsstoff.

26.09.2017
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Alles beherrschendes Theater-Thema in der Hauptstadt ist seit Freitag die im Handstreich genommene Volksbühne, wo sich Hunderte von gänzlich außerkünstlerischen Anarcho-Aktivisten aus der in den Ostbezirken der Hauptstadt noch sehr präsenten Hausbesetzer-Szene widerstandslos festgesetzt haben. Sie wollen drei Monate lang partyfeiernd über die Auswüchse des Kapitalismus palavern. Der neue Intendant des noch leerstehenden Hauses, der als Castorf-Nachfolger weiterhin erbittert bekämpfte Chris Dercon, hat sich Zeit gelassen, bis er die Politiker zu Hilfe gerufen hat – schließlich ist so eine perfekt inszenierte Wir-sind-das-Volk-Schaunummer nicht ohne theatralischen Reiz, auch wenn sie sich dabei kaum auf den nicht weichen wollenden Ost-Geist der Castorf-Volksbühne berufen kann.

Kein Happy-End in Aussicht. Denn die von schwäbischem Kehrwochen-Dogma gesegneten Hausbesetzer, die bei ihrem illegal-scheißegal eroberten Wohnidyll jeden Hunde-Haufen (als Mitbegleiter genügten ihnen nicht Kind und Kegel) sofort wegwischen, verkünden jedem herzlich willkommen geheißenen Besucher zwar auch noch nachts um drei, sie würden zwar bei der bevorstehenden polizeilichen Räumung keinen Widerstand leisten. Aber mit Sicherheit später dann jede Vorstellung der Dercon-Truppe so zu stören wissen, dass sie praktisch nicht stattfinden kann.

Happy-End dagegen beim Premieren-Marathon des Berliner Ensembles. Oliver Reese, dessen (Dramaturgen-)Karriere in Ulm begann und der die heikle Peymann-Nachfolge auf Anhieb souverän bewältigt, kann sich freuen, denn das Publikum hat ihn mit offenen Armen aufgenommen. Er hat ein fantastisches Ensemble – und die Schauspieler, so sagt er, seien bei ihm das Wichtigste.

An zweiter Stelle dann das programmatische Zentrum: Von 17 Premieren stammen nur vier nicht von Gegenwartsautoren, zwei davon gleich zum Start mit dem zu Recht nur selten gespielten „Caligula“ (1938) von Albert Camus und Brechts trocken-didaktischem Deutschunterricht-Pflichtstoff „Der kaukasische Kreidekreis“ (1954).

Auch das dritte Stück im von Grund auf neu formierten BE, „Nichts von mir“ des norwegischen Jon-Fosse-Epigonen Arne Lygre, hat in der Regie von Matija Ferin keine Längen – es dauert wie Camus und Brecht grade mal anderthalb kammermusikalische Stunden. Zeit genug für eine so strenge wie enge Stilübung über Alltagsrituale von drei zum Verwechseln gleich aussehenden Männern und Frauen, die im nordisch düsteren Beziehungs-Clinch ihre Positionen austauschen im langen Schatten von Ingmar Bergman. Etwas spieluhr-mechanisch das Ganze, aber aufs Feinste ziseliert gespielt.

Total im Kontrast zu Michael Thalheimers wie immer auf radikale Gefühls-Gestik konzentriertem Brecht. Aus dem Dunkel der bühnenbildlosen Tiefe schälen sich gespenstisch monströse Alptraum-Märchenfiguren und artikulieren sich in trommelfellstrapazierendem Stakkato. Diese V-Effekte, also durchaus brechtisch, beherrscht das auch unter Überdruck bestechend erhellend charakterisierende Ensemble, angeführt von der unbremsbar vitalen Stefanie Reinsperger als um ihr nicht blutbiologisches Kind kämpfende Magd Grusche.

Genauso hinreißend ist die eher zarte Großtragödin Constanze Becker als vielfältig größenwahnsinniger Römerkaiser Caligula. In der wuselig bilderfreudigen Inszenierung des in Tübingen geborenen und aufgewachsenen, gefeierten Youngsters Antú Romero Nunes fühlt man sich streckenweise wie in einem von Herbert Fritsch verclownten Beckett-Endspiel, wo es um das hoffnungslose Nichts als höchstem absurdem Lebensziel geht. Camus, ein Existenzialist par excellence. Ein Spiel von Macht und Moral, allesamt nichts als missbraucht von schlimmen Staatsmännern.

Dem Sinn von Sinnlosigkeit spürt auch Christopher Rüping am Deutschen Theater nach. Seine auf unheimliche Weise dem Camus-Caligula vom BE thematisch und in der quirligen Spielform gleichende Vorlage heißt „It can't happen here“ und ist ein mehr oder minder direkt auf Donald Trump und die AfD umgemünzter bitterkomischer Roman von Sinclair Lewis von 1935.

Das klingt verdächtig nach Karikatur und Kabarett, ist aber gegen Ende immer ergreifender todernst, auch wenn es sich überrumpelnd in musical-reife Show-Stopper-Songs und Publikums-Mitmacherei aufzulösen scheint. Also Ulrich Khuons DT gleichfalls in Hochform.

Es bahnt sich eine fruchtbare Direkt-Konkurrenz an mit dem nur 300 Meter entfernten BE. Thomas Ostermeiers Schaubühne im Kurfürstendamm-Westen hat es da nicht leicht mitzuhalten. Zum Saisonbeginn durfte der aus seiner Volksbühnen-Heimat vertriebene geniale Blödelmeister Herbert Fritsch Jux und Tollerei nun mit großteils eigenem Ensemble an Berlins drittwichtigster Bühne weiterentwickeln. Das gelang ihm mit „Zeppelin“, einem ausschweifenden Capriccio über melancholische Best-of-Zitate aus Horváth-Stücken. Schön sinnlos. Abstrus absurd. Womit wir wieder bei der immer noch besetzten Volksbühne angelangt wären.

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26.09.2017, 06:00 Uhr
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