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Einkaufen bei den Schotten

Vom Holzmarkt zum Stadtgraben: Da staunten und diskutierten viele

Ach ja, die Lange Gasse, die meint man doch zu kennen. Bei der Führung mit Geograph Helmut Eck am Montag merkte man allerdings schnell, dass man noch vor ein-, zweihundert Jahren ziemlich ins Schleudern geraten wäre – hätte einen jemand etwa nach der „Kirchbronnengasse“ gefragt.

14.09.2011

Von Achim Stricker

Tübingen. Es gab einige konkurrierende Namen für die Lange Gasse, auch „St.-Jürgen-Brunnen-Gasse“ genannt. Nach dem Georgsbrunnen, der damals in direkter Verlängerung der Gasse auf dem Holzmarkt stand. Nur dass der Holzmarkt damals „Hafenmarkt“ hieß und wesentlich kleiner war als heute.

Wenn man Helmut Eck zuhört, wird die Altstadt zu einem regelrechten Verschiebebahnhof, der Stadtplan zu einem Spielbrett, auf dem die Namen und Stadtansichten zu gleiten beginnen. Eck, langjähriger Akademischer Oberrat am Geographischen Institut, arbeitet seit einiger Zeit an einem Buch über die Tübinger Straßennamen, das in Kürze erscheinen soll. In der Stadtführungsreihe „Kennen Sie Tübingen?“ hat Eck vergangenes Jahr bereits die Neckarhalde inspiziert.

Nun also die Lange Gasse, erstmals 1495 erwähnt. Etwas abseits vom „Tübinger Quartier Latin“, scheint sie auf den ersten Blick nicht gerade die Gasse der prominenten Namen zu sein. Aus der Touristen-Perspektive ist es eine wenig beachtete Trasse dorthin, wo Hölderlin oder Uhland wohnten und Goethe kotzte.

Aber auch die Lange Gasse hat ihre historische Bedeutung, nicht zuletzt deswegen, weil sie „die einzige Gasse ist, die Ober- und Unterstadt miteinander verbindet“, wie Eck betont. Tatsächlich ist sie heute mit gut 300 Metern die längste Altstadtgasse. Von 1819 bis 1875 wurde sie allerdings von der 600 Meter langen Gasse „Am Kleinen Ämmerle“ übertroffen, die seinerzeit noch die heutige Seelhaus- und Bachgasse umfasste.

Für die Organisatorinnen Dagmar Waizenegger und Nadine Wagner vom Städtischen Fachbereich Kultur ist die Führung auch eine logistische Herausforderung: Rund 250 interessierte Zuhörer sollen durch diese hohle Gasse – zur Freude der entgegenkommenden Fußgänger, Rad- und Autofahrer.

Im Eckhaus am Holzmarkt (Nr. 2), heute Osiander-Filiale, hatte der Poetik-Professor Erhard Cellius ab 1596 seine Druckerei, erste Keimzelle des späteren Osianderschen Unternehmens. Nach dendrochronologischen Untersuchungen wurde das Bauholz im Winter 1361/62 gefällt. Somit ist das Gebäude für Eck das „bisher älteste datierte Bürgerhaus Tübingens“.

Hier und in der benachbarten Nummer 4 (heute der „Stern“) waren im 19. Jahrhundert Redaktion und Druckerei der „Tübinger Chronik“ untergebracht. Etwas weiter unterhalb, in den Hausnummern 6 und 8, heute die Weinhandlung „Vinum“, richtete der Stiftskirchenpfarrer Prof. Martin Plantsch 1509 das Studentenwohnheim „Martinianum“ ein, das 1665 in die Münzgasse verlegt wurde.

Insgesamt befanden sich in der Langen Gasse mehrere Amtsgebäude der Stiftskirche, sogenannte „Pfründhäuser“. Das Haus Nr. 3, heute Frauendiener, gehörte einst dem sensiblen Diplomaten Georg von Ehingen, der für Graf Eberhard im Barte um Barbara Gonzaga anhielt.

Hausnummern wurden in Tübingen übrigens erst in den 1770ern eingeführt. Allerdings nummerierte man damals Stadtviertel und Gemeinden kurzerhand der Reihe nach durch. 1819 kam Tübingen auf 845 Hausnummern. In der Tübinger Altstadt fallen außerdem auf den Hausnummer-Schildern Kleinbuchstaben auf – im Fall der Langen Gasse „c“. Sie gehen zurück auf die Tübinger Wahlbezirke im Wilhelminischen Kaiserreich.

Bekanntestes Gebäude der Gasse ist das Wilhelmsstift, 1588 als Ritteranstalt „Collegium illustre“ auf den Grundmauern eines Franziskanerklosters gegründet (gegenüber, auf dem Areal der ehemaligen Stadtpost, stand bis 1500 das dazugehörige Frauenkloster). Die Pferde der illustren Collegiums-Zöglinge standen im „Fürstlichen Klepperstall“ (heute Möbel Tausch), in unmittelbarer Nähe zum Alten Botanischen Garten, damals der „Turnieracker“ jenseits der Stadtmauer.

Der Ammerkanal markierte die Zäsur zur Unterstadt. Bis ins frühe 20. Jahrhundert standen hier noch Ställe und Scheuern, in der Nr. 22 war eine Schmiede. Östlich der Langen Gasse schlossen sich Gärten an. Das untere Ende der Langen Gasse war seit 1481 zu beiden Seiten fast ausschließlich von Mitgliedern der Familie Schott bewohnt. Der Tübinger Volksmund sprach von der „Schottenstraße“: „Bei den Schotten“ – Bäckern, Kaufleuten und Händlern – bekam man so ziemlich alles.

Noch heute findet sich hier das 1909 von Otto Schott gegründete Uhrenfachgeschäft (Nr. 36). Und immer noch ist in der Langen Gasse bei Bedarf sofort Hilfe zur Stelle: Als durch eine technische Panne die Akkus der Mikrofon- und Lautsprecher-Anlage ausgehen, spenden die angrenzenden Läden sofort großzügig Strom.

Die Lange Gasse war eine Sackgasse, bis im 19. Jahrhundert die Stadtmauer durchbrochen wurde. Natursteine quer über die Straße markieren heute den Verlauf der alten Mauer. Ein Stadttor gab es hier nicht, nur das „Dreck-Törle“, durch das eine mutmaßliche Abzweigung des Ammerkanals die Abfälle hinausschwemmte.

Bei der Gaststätte „Zum Gutenberg“ schließt Helmut Eck mit einem Gedicht von Fritz Holder, Tübinger Original und „lyrisches Seismometer der Unterstadt“. Wortreich wird das alte Kneipenklavier besungen, dessen ehemals weiße Tasten über die Jahre ebenso gelb geworden sind wie die „Stompe“ in der „Gosch“ des einstigen Gutenberg-Wirts Fritz Beckert.

Info: Die zehnte und letzte Führung am Güterbahnhof kommenden Montag ist bereits ausgebucht. Aus Haftungsgründen und wegen des begrenzten Platzangebotes wurden Teilnehmerkarten ausgegeben.

So wars mal und so ist es jetzt: Dagmar Waizenegger vom Kulturamt (rechts Helmut Eck) hält einen alten Plan hoch, die Stadterkunder schauen...Bild: Metz

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Erstellt:
14. September 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. September 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. September 2011, 12:00 Uhr

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