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Vom Balkan nach Villingen
Mit solch einer Handgranate des Typs M 52 aus Ex-Jugoslawien ist der Anschlag auf ein Flüchtlingsheim in Villingen-Schwenningen verübt worden. Foto: dpa
Granaten-Anschlag auf Asylheim: Millionen illegaler Kriegswaffen in Umlauf

Vom Balkan nach Villingen

Der Anschlag auf ein Asylheim in Villingen vor einer Woche wurde mit einer jugoslawischen Handgranate verübt. Eine verbotene Kriegswaffe. Solche illegalen Waffen werden massenhaft gehandelt.

05.02.2016
  • PETRA WALHEIM

Villingen-Schwenningen. Die Handgranate, die vor einer Woche auf das Gelände einer Flüchtlingsunterkunft im Stadtbezirk Villingen geworfen wurde, war vom Typ M 52. Granaten dieses Typs seien im Bürgerkrieg auf dem Westbalkan eingesetzt worden, hieß es in der Pressekonferenz nach dem Anschlag. Mancher mag sich gefragt haben, wie eine Kriegswaffe vom Balkan nach Villingen kommt. Der Filmemacher und Regisseur Daniel Harrich aus München hat darauf eine Antwort. Er hat über die Wege, auf denen Kriegswaffen unter anderem aus Bosnien-Herzegowina nach Süddeutschland geschmuggelt werden, den Film "Waffen für den Terror" gedreht. Am Mittwoch ist er im SWR-Fernsehen gelaufen.

Zu dem Anschlag gibt es nach wie vor keine neuen Erkenntnisse. Die mehr als 70 Polizisten, die versuchen, Täter, Motiv und Anschlagsziel zu ermitteln, arbeiteten auf Hochtouren, sagt Andreas Mathy, Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz. Noch immer gebe es viele offene Fragen. Eine der wichtigsten ist, ob die Handgranate, die in der Nacht zum Freitag über den Sicherungszaun der Bedarfsorientierten Erstaufnahmestelle (Bea) geworfen wurde, aber nicht explodiert ist, einen Zünder hatte.

Die Antwort gestaltet sich schwierig, weil die Granate kontrolliert gesprengt wurde und in tausend Fetzen geborsten ist. Herauszufinden, ob der Sprengkörper einen Zünder hatte, ist auch deshalb wichtig, weil die Ermittler die Tat dann besser einschätzen können. Ohne Zünder können sie davon ausgehen, dass der oder die Täter die Flüchtlinge und das Wachpersonal "nur" erschrecken wollte. Mit Zünder könnte die Granate geworfen worden sein mit der Absicht, Menschen zu töten. Unklar ist auch noch immer, ob mit dem Anschlag die Flüchtlinge oder die Securityleute getroffen werden sollten. Denn die Granate wurde in Richtung des Containers geworfen, in dem sich zu der Zeit drei Leute des Wachdienstes aufhielten.

Große Hoffnungen setzen die Ermittler auf Hinweise aus der Bevölkerung. Um die Gesprächsbereitschaft zu erhöhen, wurde eine Belohnung von 10 000 Euro ausgesetzt für denjenigen, der einen entscheidenden Hinweis geben kann.

Teil der Ermittlungen ist herauszufinden, woher die Handgranate stammte. Bisher ist dazu nur bekannt, dass sie aus dem früheren Jugoslawien stammt. Auf welchen Wegen Kriegswaffen vom Balkan nach Europa und offenbar auch nach Villingen gelangen können, hat Daniel Harrich für seinen Film "Waffen für den Terror" recherchiert.

"Die Situation haben wir selbst mitverschuldet", sagt er. Während des Bürgerkriegs auf dem Balkan sei die Region aus dem Westen "mit Waffen vollgepumpt" worden. Die Bevölkerung habe sich bis an die Zähne bewaffnet und die Waffen bis heute nicht abgegeben, trotz mehrerer Appelle der Regierung. Die sei zu schwach, um eine Rückgabe zu erzwingen. In Bosnien-Herzegowina gebe es geschätzt 800 000 Kriegswaffen - verteilt auf 3,8 Millionen Einwohner. "Fast jeder Fünfte besitzt eine Kriegswaffe", sagt Harrich. Damit könne man in Europa viel Geld verdienen.

In Bosnien-Herzegowina koste eine Kalaschnikow um die 125 Euro, auf dem europäischen Markt bis zu 7000 Euro. Deshalb sei es nicht verwunderlich, dass die Waffen zuhauf "und auf den verrücktesten Wegen" in den Westen geschmuggelt und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. "Die Netzwerke der Waffenhändler funktionieren bis heute", sagte Harrich. Ein Brennpunkt für illegale Waffengeschäfte sei Belgien. "Belgien hat prozentual europaweit die größte Bevölkerungsgruppe aus Bosnien-Herzegowina."

"Die Waffen kommen seit Jahren nach Europa. Auch aus Serbien, Kroatien und Montenegro. Sie vagabundieren", sagt Harrich. Eingesetzt würden sie immer öfter für terroristische Attentate. Die Anschläge in Paris im November 2015 seien auch mit Kalaschnikows vom Balkan verübt worden. Ebenso etliche weitere Attacken der jüngsten Vergangenheit. Bei einem Geiseldrama vor dreieinhalb Jahren in Karlsruhe sind fünf Menschen gestorben. Der Geiselnehmer hatte sich ein Waffenarsenal zugelegt, darunter eine Kalaschnikow aus dem ehemaligen Jugoslawien. So ist davon auszugehen, dass auch die Handgranate, die in Villingen auf das Gelände des Flüchtlingsheims geworfen wurde, illegal ins Land gekommen ist.

Ermittlungen Eine entscheidende Frage bei den Ermittlungen zu dem Handgranaten-Anschlag von Villingen ist, ob der Sprengkörper einen Zünder hatte. Stellt sich heraus, er hatte keinen, kann die Anklage Nötigung, Androhung einer Straftat oder Störung öffentlicher Ordnung lauten. Wenn sie einen Zünder hatte, kann der Täter wegen versuchten Mordes angeklagt werden. "Die Bandbreite ist groß", sagt Andreas Mathy, Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz. Das Strafmaß könne bis zu lebenslänglicher Haft reichen. Nach der momentanen Beweislage gehe der Straftatbestand eher in Richtung versuchten Mordes, sagt er.

Waffenschmuggel Nach den Recherchen des Journalisten und Filmemachers Daniel Harrich sind in Europa Millionen von illegalen Kriegswaffen im Umlauf. Viele von ihnen stammen vom Balkan, wurden dort gestohlen oder angekauft und nach Europa geschmuggelt. "Der Kampf gegen illegale Waffen hat eine neue Dimension erreicht", heißt es in seinem Film "Waffen für den Terror". Eingesetzt werden sie immer öfter für Terror-Anschläge, wie in Paris, Brüssel und Kopenhagen.

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05.02.2016, 08:30 Uhr
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