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Stuttgart

Prozess nach Raser-Unfall betritt juristisches Neuland

„Das ging ruckzuck.“ Eine Zeugenaussage, wenige Worte, die die Momente des tödlichen Unfalls beschreiben. Mitten in Stuttgart soll ein Raser den Crash mit zwei Toten verursacht haben. Nun muss ein Gericht klären, ob es Mord war.

11.09.2019

Von dpa/lsw

Justitia mit Sonne und Taube. Foto: Arne Dedert/Archivbild

Stuttgart. Was geht vor in einem jungen Menschen, der sich einen PS-starken Sportwagen mietet und durch die Straßen Stuttgarts rast? Der seinen Motor immer wieder aufheulen und die Tachonadel ausschlagen lässt, dann nicht mehr kontrollieren kann und einen fatalen Crash verursacht? Ist er sich bewusst, dass er eine tödliche Gefahr darstellt? Ein halbes Jahr nach einem Unfall mit zwei Toten sitzt ein 20 Jahre alter Mann auf der Anklagebank - wegen Mordes.

Im „Geschwindigkeitsrausch“ sei der junge Mann mit seinem Jaguar F-Type Coupe durch Stuttgart und über die Autobahn gefahren, stundenlang, schildert die Staatsanwältin zu Beginn des Prozesses vor der Jugendkammer am Mittwoch. Seinen Leih-Boliden habe er an seine Grenzen bringen und seinen Freunden imponieren wollen. Das Schicksal anderer? „Das war ihm völlig gleichgültig“, sagt sie. Nur vom Zufall sei abhängig gewesen, ob es zum Zusammenstoß kommen würde.

Es ist die erste Anklage dieser Art nach einem Raser-Unfall in Baden-Württemberg. Einen Präzedenzfall gibt es aber. Denn Anfang März hatte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe erstmals ein Mordurteil gegen einen rücksichtslosen Raser bestätigt. Der Mann hatte 2017 in Hamburg mit einem gestohlenen Taxi einen Menschen getötet und zwei schwer verletzt. Eine rote Linie für eine Mordverurteilung in Raserfällen legten die Karlsruher Richter jedoch nicht fest: „Maßgeblich sind jeweils die Umstände des Einzelfalls“, urteilten die Bundesrichter.

Bei der Tempofahrt an einen Abend im vergangenen März verliert der junge Deutsche laut Anklage die Kontrolle über seinen Jaguar. Nach einem Gutachten rast er kurz vor dem Crash mit seinem PS-starken Auto und 160 bis 165 Stundenkilometern auf eine Kreuzung in der Innenstadt zu, er drückt das Gaspedal voll durch und kann nur noch schlecht ausweichen, als ein anderes Fahrzeug auf die Straße einbiegt. Mit rund 100 bis 110 Stundenkilometern rammt der 20-Jährige einen stehenden Kleinwagen am Straßenrand. Dessen 25 Jahre alter Fahrer und seine 22 Jahre alte Beifahrerin sterben, der Jaguar-Fahrer und sein Beifahrer bleiben unverletzt. Die beiden Opfer waren erst kurz vorher aus Nordrhein-Westfalen nach Stuttgart gezogen.

„Mord“ wirft die Staatsanwaltschaft dem 20-Jährigen vor. „Keineswegs“, sagt dagegen Markus Bessler, der Verteidiger des jungen Unfallfahrers. Der Zusammenstoß sei zwar unfassbar tragisch gewesen. Aber sein Mandant trage schwer an seiner Verantwortung, er sei zudem nicht vorbelastet gewesen. „Den Vorwurf eines Mordes weisen wir daher entschieden zurück.“

Auf einem Tisch im Gerichtssaal haben Eltern eines Opfers zu Prozessbeginn einen Bilderrahmen aufgestellt. Mit den Fotos ihrer gestorbenen Tochter wollen sie an ihr Kind erinnern. Die Mütter der beiden Todesopfer weinen beim Verlesen der detaillierten Anklage, sie schütteln den Kopf bei den Aussagen des Beifahrers aus der Unfallnacht. „Das war eine Sache von 30 Sekunden“, erinnert sich der 19-Jährige an die Momente des Zusammenstoßes. „Das ging ruckzuck.“

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Erstellt:
11. September 2019, 07:18 Uhr
Aktualisiert:
11. September 2019, 02:20 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. September 2019, 02:20 Uhr

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