Eisenhüttenstadt

Volle Pulle Kampf ums Überleben

Kaum eine Kommune blickt seit der Wende auf eine wechselvollere Entwicklung zurück als Eisenhüttenstadt. In der DDR war sie ein gehätscheltes Projekt. Seither sucht sie, nicht ohne Erfolg, nach neuen Perspektiven.

15.10.2009

Von PETER HENRICHMANN

Der Bürgermeister ist in Eile. Er stürmt in den Ratssaal, zwei dort auf ihn wartende Gäste springen auf. Er rennt an ihnen vorbei zu einer großen Karte an der Wand: "Hier, an den Gleisen, da wird die neue Fabrik gebaut." Rainer Werner redet von den hier so wichtigen Arbeitsplätzen, von Investoren und Subventionen. Aber eigentlich redet er nur von "seiner" Stadt, von Eisenhüttenstadt und seinen 32 000 Einwohnern im Osten Brandenburgs.

Zwischendurch schüttelt er den noch stehenden Gästen die Hände und vertröstet sie - "ich komme gleich" - auf später. Die beiden setzen sich und starren auf die verloren auf dem riesigen Tisch stehende Platte mit Kuchen. Werner ist schon wieder draußen, ruft seiner Sekretärin etwas zu, redet weiter über seine Stadt. Die Gäste - Mitarbeiter der Stadt, die er in den Ruhestand verabschieden soll - hat er kurz verdrängt. Dann fallen sie ihm wieder ein. Er eilt rasch zu ihnen.

Ruhestand, der schien für den 52-jährigen Werner lange Zeit mindestens so weit weg wie Eisenhüttenstadt von den beschaulichen Kleinstädten im Südwesten Deutschlands. "Immer volle Pulle, so geht das hier seit 20 Jahren", sagt er. Das klingt nicht klagend. Er sagt nur, wie es ist für ihn, der seit 1990 als stellvertretender und seit 1993 als Bürgermeister "seiner" Stadt arbeitet und kämpft. Einer Stadt, in der es seit der Wende 1989 in rasantem Wechsel auf und ab geht, manchmal gleichzeitig.

Das ist für die Eisenhüttenstädter immer noch ungewohnt, denn bis zur Wende ging es 39 Jahre lang nur bergauf. Die noch sehr junge DDR brauchte Eisen und Stahl für den Wiederaufbau, und der sollte nach dem Willen der SED aus dem Osten Brandenburgs kommen.

Die Geschichte Eisenhüttenstadts beginnt mit dem Ende einer Kiefer und zwei Dutzend Kästen Bier. DDR-Industrieminister Fritz Selbmann hatte den umstehenden Arbeitern für jeden Axthieb, den sie für das Fällen der ersten Kiefer benötigten, einen Kasten versprochen. Der symbolische erste Axthieb vom 18. August 1950 zum Baubeginn des ersten Hochofens, dem Kern des Eisenhüttenkombinats, kurz Eko, ist der Gründungstag der Kommune. Das war damals noch eine Barackensiedlung für die Arbeiter, die das Stahlwerk bauten. Bald gab es erste Mietshäuser, "Wohnstadt der Werktätigen des Eisenhüttenkombinates Ost" hieß die Siedlung sozialistisch-sperrig.

Für die neue Stadt ging es aufwärts, Ende 1953 hatte sie 2400 Einwohner, zwei Jahre später 15 000. Einen richtigen Namen hatte der Ort jetzt auch: Stalinstadt. Er sollte laut eines zeitgenössischen Zeitungsberichts "heilige Verpflichtung" sein. Seit 1961 hieß die Gemeinde dann Eisenhüttenstadt. Stalin fiel in Ungnade und sein Standbild bei Nacht und Nebel in den Oder-Spree-Kanal. Die "erste sozialistische Stadt Deutschlands wuchs und wuchs, Taktgeber war das Stahlwerk. Das daneben errichtete Zementwerk lieferte den Grundstoff für den Traum der neuen "Dreiraumwohnung".

"Wenn der Werksleiter wieder ein paar hundert Arbeiter brauchte, mussten möglichst schnell neue Wohnungen her", sagt Bürgermeister Werner, dessen Eltern - der Vater als Schmelzer im Stahlwerk, die Mutter als Verkäuferin - 1951 in die Wohnstadt zogen. Bis in die 80er Jahre wurde ständig gebaut, 1989 lebten 52 000 Menschen in der Stadt. 12 000 von ihnen arbeiteten im Stahlwerk, so viele wie nie zuvor und nie danach.

Für Werner war die Wende der Anfang für das, was er "immer volle Pulle" nennt. Zuerst ging es mit Volldampf abwärts. Die Absatzmärkte im Osten brachen weg, fünf Jahre nach der Wende arbeiteten noch 3000 Menschen im Stahlwerk, das die Treuhandanstalt privatisierte und Eko Stahl AG hieß. "Viele Ehemalige landeten in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und rissen stillgelegte Teile ihres Werks ab", sagt Reinhard Behrend, der 1972 als Lehrling anfing. Sozialpläne und Auffanggesellschaften verhinderten betriebsbedingte Kündigungen, Arbeit gab es trotzdem nicht.

Behrend hatte mehr Glück als viele seiner Kollegen. Er ist noch dabei. Die vergangenen 20 Jahre nennt er "eine interessante Zeit": Im Wendejahr war der Ingenieur wissenschaftlicher Mitarbeiter des Generaldirektors des Stahlwerks, dann Sekretär der Geschäftsführung, Pressesprecher und später Marketingdirektor. Der 53-Jährige und "die Eko" haben viel erlebt: Erst die Treuhand, die das Werk übernahm und zwischen Schließung und Weitermachen schwankte. Mit Geld aus Berlin und Brüssel wurde in ein Warmwalzwerk investiert. "Ohne das würde es uns heute nicht mehr geben." Dauernd wurde umorganisiert. "Aus Genossen wurden Herren, aus dem Kollektiv ein Team und aus Kadern Führungskräfte", sagt Behrend.

Die Stahlfabrik ging durch viele Hände, jedesmal war es für die übriggebliebenen Mitarbeiter ein ungewisser Neuanfang. Schließungsgerüchte, endlose Verhandlungen mit Banken und lautstarke Proteste der Stahlarbeiter und Stadtbewohner wechselten sich ab. Dann gab es doch einen neuen Investor: "Es ging von einem Schüttelfieber ins andere", sagt Bürgermeister Werner. Über Ratschläge, die aus dem Westen kamen, schüttelt er heute noch den Kopf: Man solle das Werk schließen, sich anders orientieren. "Ja, wohin denn? Wenn wir alles dichtmachen, gibt es bald nur noch Neo-Nazis hier", hat er damals geantwortet.

So schlimm ist es nicht gekommen. Neben den 3000 Arbeitsplätzen im Werk entstanden bei Ausgründungen und Zulieferern in Eisenhüttenstadt und Umgebung rund 3000 Jobs. Die staatlichen Hilfen von 600 000 Euro halten Werner und Behrend für gut angelegt. Mittlerweile gehört das Werk zum weltgrößten Stahlerzeuger Arcelor-Mittal, geführt vom indischen Industriellen Lakshmi Mittal. Stahl für den Bau, für Haushaltsgeräte und Autos kommt aus dem Werk: Audi, BMW, Fiat, Toyota, VW und Skoda verbauen hochveredeltes Stahlblech aus Eisenhüttenstadt.

Als der Traumwagen der DDR-Bürger noch aus "Plaste" statt Stahlblech war und Trabant hieß, kam Elke Drobbe in die Stadt. Seit 1972 kümmert sich die Erzieherin um die Kinder in der Kommune. Eltern und Kinder haben sich in den vergangenen 20 Jahren stark verändert, sagt sie. "Früher waren die Erzieherinnen absolute Respektpersonen, heute nicht mehr." Jetzt heiße es, "mein Kind muss das Beste sein, alles können" - von Englisch bis zum Musikinstrument. "Da sollten die Eltern sich öfter fragen, ob ihr Kind das auch will", sagt die 53-jährige Leiterin der Kindertagesstätte "Kinderland" der Arbeiterwohlfahrt. Auch ihr steckt das Auf und Ab der Nachwendezeit noch in den Knochen: "Der Bildungs- und Erziehungsplan der DDR war plötzlich überholt, es gab ein Vakuum, keine Richtlinien oder Gesetze. Keiner wusste, wie es weitergeht." Drobbe hat sich damals mit ihren Kolleginnen zusammengesetzt. "Dann haben wir einfach ausprobiert."

Viele ihrer Kolleginnen von damals sind schon lange nicht mehr dabei. Es gibt immer weniger Kinder zu betreuen. Die Bevölkerung der Stadt ist um fast 40 Prozent geschrumpft. Die Kinder, die noch in der Stadt wohnen - im "Kinderland" sind es 146 Null- bis Sechsjährige - sind "selbstständiger und selbstbewusster geworden".

Selbstbewusst war auch Werner bis zum Abend der 27. September. Am Tag der Bundestagswahl war in Eisenhüttenstadt auch Bürgermeisterwahl, Werner und viele andere hatten mit seiner Wiederwahl gerechnet. Er hat überraschend gegen Dagmar Püschel von den Linken verloren. Anfang Januar ist Schluss, nach über 20 Jahren "volle Pulle".

Leerstehende Plattenbauten in Eisenhüttenstadt: Nur ein Problem, mit dem sich Bürgermeister Rainer Werner befassen muss. Fotos: Henrichmann

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Erstellt:
15. Oktober 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
15. Oktober 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. Oktober 2009, 12:00 Uhr

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