Reutlinger Industriegeschichte

Volldampf zurück

Die Stadt Reutlingen präsentiert regelmäßig in ihrem Industriemagazin mithilfe von Ehrenamtlichen alte Maschinen und historische Highlights. Viele in der Stadt würden gern ein richtiges Museum daraus machen. Doch aufgrund städtischer Sparzwänge muss der Standort in der Eberhardstraße 14 einstweilen, wie schon seit 1993, ein Provisorium bleiben.

03.06.2022

Von Matthias Reichert

Wolfgang Bayer mit der Kohllöffel-Dampfmaschine. Bild: Horst Haas

Wolfgang Bayer mit der Kohllöffel-Dampfmaschine. Bild: Horst Haas

Kurt Treftz steht vor einem historischen „Jacquard“-Webstuhl aus Chemnitz und betätigt einen Hebel. Klackernd flitzen die Webschiffchen hin und zurück und weben am Textilstück. Oberhalb hängen 4800 Schnüre an einem sogenannten Harnisch. Diese bestimmen, über Lochkarten gesteuert, das Muster im Stoff. Jedes Loch sorgt dafür, dass ein bestimmter Faden gehoben wird, erläutert Treftz. Und jedes Muster hat eine eigene Lochkarte: „Das geht viel schneller als von Hand.“

Der 86-jährige Webermeister Treftz ist einer der neun Ehrenamtlichen, welche die alten Maschinen im Reutlinger Industriemagazin betreuen und regelmäßig Führungen veranstalten. Er zeigt weitere Webstühle, wie sie Anfang des 19. Jahrhunderts erfunden wurden. Treftz ist 1936 geboren, im selben Jahr, in dem der „Jacquard“-Stuhl gebaut worden ist. Viele Jahre hat der Weber bei der Firma Schirm in Kirchentellinsfurt gearbeitet. Als er 1950 seine Lehre angefangen hat, wurden dort noch solche alten Webstühle genutzt. Das lag daran, dass diese in den Weltkriegsjahren nicht weiterentwickelt wurden: „Da hat man keine Webstühle gebaut, sondern nur Panzer und Kanonen.“

Mit den Erzählungen der Ehrenamtlichen wird im Industriemagazin die Reutlinger Industriegeschichte lebendig. Ein Prunkstück ist die Dampfmaschine von 1886. Die hat die Firma Kohllöffel einst dort gebaut, wo heute der Media-Markt steht, erzählt der Ehrenamtliche Wolfgang Bayer. Bis in die 1960er Jahre hat die Maschine in Kohlstetten auf der Schwäbischen Alb ein Sägewerk betrieben. Dampf trieb den Elektromotor der Maschine an. „Früher hat es keinen Strom gegeben. Da wurde die Kraft mit Transmission übertragen“, erläutert Bayer. Der 85-jährige Elektromeister hat im Ruhestand auch ein Modell der Maschine gebaut, das nun neben dem Original im Magazin steht. 500 Stunden ist er drangesessen.

Nichts hält länger als ein Provisorium – das gilt auch für das Reutlinger Industriemagazin. 1993 ist es entstanden. Schon zuvor besaß das Heimatmuseum eine wachsende Sammlung zur Industriegeschichte. Örtliche Unternehmer und der damalige Hochschulrektor Georg Obieglo stifteten dann alte Maschinen, weitere trug der damalige Kulturamtsleiter Werner Ströbele aus Firmenauflösungen und Insolvenzen zusammen. Alle paar Jahre wird in Stadt und Gemeinderat der Wunsch nach einem dauerhaften Industriemuseum laut. 2019 gab es sogar einen Realisierungswettbewerb – dessen Ergebnisse heute freilich teils schon wieder überholt sind.

So sitzt das Magazin weiter in der früheren Metalltuch- und Maschinenfabrik Christian Wandel in der Eberhardstraße 14 – neben den Kunstmuseen der „Wandel-Hallen“ im benachbarten Hauptgebäude. Die Magazinräume strahlen den Charme alter Industriearchitektur aus. Aber für eine ständige Öffnung wären Umbauten nötig. Deshalb ist das Industriemagazin weiter immer am zweiten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

„Wir machen kleine Schritte“, sagt Marisse Hartmut vom Reutlinger Heimatmuseum, die das Magazin seit 2012 betreut. So sind zuletzt Fenster erneuert, Beschriftungen aktualisiert worden. Im Juli plant Hartmut Fahrradführungen zur Reutlinger Industriegeschichte. Weitergehende Pläne für das Magazin müssen angesichts der städtischen Sparzwänge jedoch einstweilen in der Schublade bleiben.

Dennoch dokumentieren die alten Maschinen schon jetzt die reiche Reutlinger Tradition, beginnend 1859 mit der Eröffnung der Eisenbahnlinie von Plochingen. Die vormalige Stadt der Handwerker und Kaufleute, die über Jahrhunderte von den Zünften geprägt gewesen war, entwickelte sich zu einer führenden Industriestadt. Nach den Weltkriegen begann ein neuerlicher Boom, der bis zum Textilsterben der 1960er-Jahre anhielt.

Manche Maschinen waren einst Weltneuheiten. Kurt Weiß steht im Monteurkittel mit zwei weiteren Ehrenamtlichen vor einem schwarzglänzenden Trumm von einer Maschine. Besser gesagt: einem Maschinenteil. Der 88-Jährige zeigt in einem historischen Buch ein Bild der gigantischen Industrieanlage, wie sie der Reutlinger Maschinenbauer Burkhardt+Weber entwickelt und von 1958 an hergestellt hat. Das war eine Universalmaschine zur Fertigung von hochgenauen Werkstücken. Diese wurden beispielsweise für Gas- und Dampfmaschinen sowie für Flugzeuge genutzt. „Das war damals revolutionär“, sagt Weiß.

Die Maschine konnte Stähle mit Materialfestigkeit bis zu 130 Kilo bearbeiten. Und zwar mit 15 Hundertstel Millimeter Genauigkeit. Gesteuert wurde sie mit programmierten Lochkarten. Die Reutlinger Firma hatte die Anlage für ein Luftfahrtunternehmen aus Los Angeles entwickelt. Erstmals, erzählt Weiß, wurde sie 1962 auf einer Messe in London vorgestellt. „Das war weltweit die erste Maschine, die nicht nur Leichtmetall, sondern auch Stahlteile so genau bearbeiten konnte“, erzählt der 88-Jährige. Damals habe das Zeitalter der Großfertigung im Triebwerksbau begonnen.

Weiß hat selbst 40 Jahre lang bei Burkhardt+Weber geschafft. Erst als Schlosser, dann im gehobenen Montagedienst. „Ich habe zig solche Maschinen weltweit aufgestellt und betreut“, erzählt er. Viele europäische Firmen hätten diesen Auftrag damals abgelehnt – aber B+W unter seinem damaligen Juniorchef Helmut Goebel probierte es und schrieb damit Industriegeschichte.

Das Schaustück im Industriemagazin haben Weiß und seine Mitstreiter in jahrelanger Kleinarbeit aus alten Ersatzteilen rekonstruiert. Nun erzählen die Ehrenamtlichen anhand solcher Beispiele von der großen Reutlinger Industrietradition – und hoffen weiter darauf, dass die alten Maschinen irgendwann einmal im würdigen Museumsrahmen ständig zu besichtigen sein werden.

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Erstellt:
03.06.2022, 10:00 Uhr
Lesedauer: ca. 3min 30sec
zuletzt aktualisiert: 03.06.2022, 10:00 Uhr

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