Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an

Volker Mall und Harald Roth leisteten die Vorarbeit für die KZ-Gedenkstätte im Gäu

Als die Gedenkstätte fürs KZ Hailfingen/Tailfingen vergangene Woche der Presse vorgestellt wurde, waren Volker Mall und Harald Roth seltsamerweise nicht einmal offiziell eingeladen. Dabei haben sie in jahrelanger ehrenamtlicher Vorarbeit das Projekt erst auf den Weg gebracht.

04.06.2010

Von willibald ruscheinski

Hailfingen/Tailfingen. „Ich bin mit dem Thema vertraut, seit ich am Antikriegstag 1983 bei einer Gedenkveranstaltung in Tailfingen gesungen habe“, sagt Volker Mall, damals noch in Herrenberg unterrichtender und mittlerweile pensionierter Gymnasiallehrer. Er und sein Realschul-Kollege Harald Roth gründeten vor neun Jahren die Böblinger Sektion des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“.

Anlass war eine Luftbilder-Schau zum ehemaligen Nachtjäger-Flugplatz an der Kreisgrenze, für dessen Bau die jüdischen KZ-Häftlinge im Winter 1944/45 Sklavenarbeit verrichten mussten. In der Ausstellung, die Gäufeldens damaliger Bürgermeister Hermann Wolf 2001 im Tailfinger Rathaus zeigte, kamen die Opfer aber praktisch nicht vor. „Es war ein Blick von oben, buchstäblich aus großer Distanz“, sagt Roth. Und das setzte sich in Begleittexten fort: Statt eines KZ sollte lediglich ein „Arbeitslager“ existiert haben, statt des Massengrabes beim Rollfeld lediglich von einer „Grablege“.

Mall und Roth organisierten daraufhin einen Vortragsabend mit dem inzwischen verstorbenen Tübinger Kulturwissenschaftler Utz Jeggle, um den sich 1986 ein Förderverein zur Errichtung eines Mahnmales gegründet hatte. Jeggle sprach im Tailfinger Bürgerhaus über die – trotz einiger bereits verfügbarer Forschungsarbeiten – immer noch hartnäckige Verdrängung der NS-Vergangenheit. Und das zog im Mai 2002 schon so viel Publikum in die Tailfinger Halle, dass auch die lokale Politik das Thema nicht mehr ganz ignorieren konnte.

Bereits ein halbes Tausend kam, als Mordechai Ciechanower, der das KZ Hailfingen/Tailfingen überlebt hatte, im Herbst 2005 an gleicher Stelle über seine Lebens, und Leidensgeschichte sprach. Das war der Durchbruch in puncto Öffentlichkeit, sagt Roth, „denn nun mehrten sich auch die Stimmen aus der Bürgerschaft, dass etwas getan werden muss.“ Die beiden Initiatoren hatten da schon längst mit eigenen Recherchen begonnen und drei Projekte ins Auge gefasst, die sie mit dem neuen Gäufeldener Bürgermeister Johannes Buchter zu realisieren hofften: ein Mahnmal, eine Ausstellung und einen Gedenkpfad im Gelände.

Dass Harald Roth im Staatsarchiv Ludwigsburg auf das alte KZ-Nummernbuch mit Namen, Herkunft und Alter der jüdischen Häftlinge stieß, bahnte den Weg für die erste Monographie übers KZ-Außenlagers Hailfingen/Tailfingen. Und „Spuren von Auschwitz ins Gäu“, erschienen 2007, verschaffte ihren beiden Hauptautoren eine Fülle neuer Kontakte. „Immer mehr Leute meldeten sich bei“ uns, sagt Volker Mall. Hatten er und Harald Roth zunächst noch daran gedacht, eine Broschüre mit Biografien einiger KZ-Opfer herauszugeben, wuchs auch die zweite Recherche-Runde sich bis 2009 zum Buch aus.

Für „Jeder Mensch hat einen Namen“ wurden allein in der von Steven Spielberg gegründeten Shoah Foundation 40 Stunden Zeitzeugen-Videos gesichtet und teils ins Deutsche rohübersetzt. Immerhin noch vier Stunden davon, verteilt auf elf Beiträge, sind jetzt im Dokumentationszentrum im Tailfinger Rathaus abrufbar. Andere Interviews, die Mall und Roth selbst führten, hielt der Herrenberger Filmemacher Johannes Kuhn im Bild fest.

Selbst Volker Mall und Harald Roth aber unterschätzten, was ihre Arbeit den überlebenden Opfern des Lagers und deren Nachkommen bedeutet, „Ich habe nicht erwartet, wie anrührend die Begegnungen mit ihnen auch für sie selbst sein würden“, sagt Mall und erzählt etwa von dem Römer Donato de Veroli, der als junger Mann über Auschwitz ins Gäu verschleppt wurde, zwischendurch sogar schon als tot galt und sich mit den beiden Deutschen nun an der Peripherie Roms traf: „Wir waren, gestand er, seit langem die ersten Menschen, die ihn auf die Zeit im KZ angesprochen hatten.“

In die Vorarbeiten zur Gedenkstätte, die am übermorgigen Sonntag eingeweiht wird, hat das Duo offiziell über 8000 unentgeltliche Arbeitsstunden investiert. „Zeitweise bin ich täglich um halb Sechs morgens schon vor dem PC gehockt, um mit der Arbeit fertig zu werden“, sagt Mall. Dazu kam der Frust, dass sich das Projekt weiter verzögerte: „Trotz positiver Willensbekundungen in beiden beteiligten Gemeinden ist der Ball zwischen ihnen immer wieder hin und her gespielt worden.“

Politisch unumkehrbar sei das Vorhaben erst gewesen, als Rottenburgs früherer Oberbürgermeister Klaus Tappeser es vor vier Jahren zur Chefsache machte, sagt Mall: „Mit seiner klaren Aussage, die Gedenkstätte müsse kommen, hat er Pflöcke eingeschlagen und zugleich dafür gesorgt, dass es auch in Gäufelden wieder vorwärts ging.“

Zwar wäre Harald Roth im Nachhinein auch bei der ästhetischen Gestaltung des (von Rottenburg errichteten) Mahnmals am Flugfeld gern mehr gewesen als „nur der Lieferant einer Namensliste“. Um so mehr Arbeit haben beide ins Tailfinger Dokumentationszentrum eingebracht, bei dessen Gestaltung sich die vom Gemeinderat beauftragte Agentur Stoll & Fischbach als produktive Partner erwies: „Die haben sich weit übers Limit engagiert und auch echte Empathie gezeigt.“

Ist mit der Eröffnung übermorgen also das meiste erledigt? „Nein“, sagt Roth. „In gewisser Weise geht es erst richtig los. Nur, dass die Arbeit jetzt zwangsläufig auf eine breitere Basis gestellt werden muss.“

Ein Förderverein ist in Gründung, Aufsichten für regelmäßige Sonntagsöffnungszeiten zumindest bis zu den Sommerferien sind gefunden. Aber der Anspruch des auf junge Leute zielenden Dokumentationszentrums ist höher, und die Betreuung speziell von Schülern verlangt professionellere Qualitäten. „Schließlich wollen wir“, sagt Mall, „dass Klassen nicht nach Dachau fahren müssen, sondern hier im regionalen Verbund der Gedenkstätten lernen können.“ Archivbilder: Mozer

Volker Mall

Harald Roth

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Erstellt:
4. Juni 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Juni 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Juni 2010, 12:00 Uhr

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