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Energiewende

Vogelschützer zweifeln an Gutachten

Seit die Windkraftbranche die Höhenrücken bei Schopfheim für sich entdeckt hat, tobt dort ein exemplarischer Streit. Umweltaktivisten legen sich mit den Behörden an.

27.09.2017
  • JENS SCHMITZ

Gersbach. Das ist halt hier eine ideale Fläche für den Rotmilan“, sagt Andreas Lang, während er seinen alten Volkswagen über die Hochebene lenkt: „Offene Landschaft für die Nahrungsaufnahme, Thermik und Wind zum Segeln.“ Der drahtige Biologe ist beruflich öfter hier oben, denn die Luftbewegungen sind auch für andere interessant: Seit die Windkraftbranche die Höhenrücken bei Schopfheim für sich entdeckt hat, tobt nahe der Schweizer Grenze ein exemplarischer Streit um Rotoren. Zum geplanten Windpark Hasel bei Gersbach liegen diametral gegensätzliche Vogel-Gutachten vor, und das ist möglicherweise kein Zufall: Landes-Umweltverbände behaupten, dass Artenschutzgutachten in Baden-Württemberg fast nie den vorgeschriebenen Richtlinien entsprechen.

„Hier haben wir jetzt den Glaserkopf“, sagt Lang und deutet auf einen bewaldeten Hügel, auf dem die ENBW bis Ende Oktober drei Windräder fertigstellen möchte. Dann richtet der 55-Jährige den Blick nach oben: „Und da ist der Rotmilan.“ Tiefer Einschnitt am Schwanz, Rot auf der Brust, Rot auf den Schwanz- und Vorderarmdecken: „Man kann ihn eigentlich nicht verwechseln.“

Der Vogel sollte wohl gar nicht hier sein: Ein Gutachten des Heidelberger „Instituts für Umweltstudien“ (IUS) im Auftrag der ENBW kam nach Begehungen im Jahr 2013 zu dem Schluss, dass die geplanten Windkraftanlagen nicht in einem schützenswerten Brutgebiet („Dichtezentrum“) liegen und sich in ihrem Bereich auch „keine ergiebigen Nahrungsräume beziehungsweise regelmäßig frequentierte Flugwege des Rotmilans“ befinden.

Doch den „Windkraftgegnern in und um Gersbach e.V.“ kam der Befund spanisch vor. Die Bürgerinitiative beauftragte ihrerseits das Gutachterbüro Andreas Lang im nahegelegenen Zell im Wiesental. Lang fand in diesem Frühjahr im Radius von 3,3 Kilometern um den geplanten Windpark fünf Rotmilan-Brutpaare und damit genug, um das Gebiet als Dichtezentrum zu qualifizieren.

Noch eindrucksvoller fiel die Flugweganalyse aus, die die Windkraftgegner unter seiner Anleitung erneuerten: 279 statt wie das IUS 52 Flugbewegungen verzeichneten sie bei konservativer Zählweise – und das, obwohl sie statt 23 Beobachtungstagen nur acht investierten.

Andreas Lang ist Vorstandsmitglied der Nabu-Ortsgruppe Lörrach; wer will, kann ihm Voreingenommenheit unterstellen. Doch dort, wo es drauf ankommt, hält man seine Arbeit für stichhaltig: Georg Lutz, Leiter des Fachbereichs Umwelt im Landsratsamt Lörrach, findet die Erhebungen plausibel. „Das haben unsere Naturschutzfachleute auch in einer Besprechung genau so gesagt.“ Die Genehmigungsbehörde hat dem Energiekonzern ENBW mehrere Wochen Zeit gegeben, sich zu der Diskrepanz zu äußern.

Biologe Lang führt durch den von Fichten und Buchen gekrönten Gersbacher Wald, wo Bauarbeiter große Lichtungen geschlagen haben. „Diese Offenlandflächen sind natürlich auch da, wenn das Windrad steht“, sagt Lang. „Sie haben eine attraktive Wirkung auf Rotmilane.“

Das stand auch im ENBW-Gutachten von IUS vermerkt. Was die Heidelberger nicht erwähnten, war, dass ihr Beobachtungszeitraum 2013 ein außerordentlich schlechtes Jahr war, um Rotmilane zu Gesicht zu bekommen: kalt, nass und mit einem miserablen Nahrungsangebot.

In einem Gutachten für Nachbargemeinden warnte das IUS, dass Verbreitungsmuster anhand von Daten aus 2013 als „verzerrt“ zu gelten hätten. Eine entsprechende Vorbemerkung fehlt im Gutachten für die ENBW. „Das ist das, was ich verwunderlich finde“, sagt Lang. „Diesen Hinweis hätte man machen müssen.“

Biologe Andreas Ness, der beide IUS-Projekte geleitet hat, erklärt dagegen auf Nachfrage, dass bei der Brutplatzkartierung für den Windpark Hasel auch Landesdaten aus dem guten Rotmilan-Jahr 2014 eingeflossen seien. Eine Relativierung sei deshalb nicht nötig gewesen. Da die Daten für 2014 weniger Brutpaare verzeichneten als für 2013, habe es einer neuerlichen Analyse der Flugbewegungen dann nicht mehr bedurft.

Verbände üben scharfe Kritik

Hier wird es kleinteilig: Beteiligte Vogelkundler haben die Erhebung der zitierten Landesdaten als viel zu grobmaschig kritisiert, darunter auch Lang. Der Wissenschaftler bemängelt weitere Details der IUS-Studie, möchte sich aber nicht in Kollegenschelte ergehen: Die Erhebung gehöre noch zu den besseren, sagt er.

„Eklatante Mängel“ in Artenschutzgutachten konstatieren drei führende Naturschutzverbände. Die Landessektionen des Naturschutzbundes (Nabu) und des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) gaben dazu Anfang September mit dem Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg (LNV) eine Pressekonferenz im Stuttgarter Landtag.

In einem nach eigenen Angaben repräsentativen Verfahren haben die Verbände stichprobenartig Gutachten zu Windkraft-Projekten analysiert, die in den Monaten November und Dezember 2016 genehmigt wurden. Dabei wurde geprüft, ob die Vorgaben der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) eingehalten wurden.

„Keines der Gutachten entspricht vollumfänglich den Erwartungen und Ansprüchen, die man an ein gutes Gutachten haben sollte“, so Nabu-Landeschef Johannes Enssle. Lediglich eine fehlerfreie Teilstudie zu Vögeln habe es gegeben. Die zuständigen Landratsämter hätten die Gutachten „offenbar nicht systematisch geprüft“, sagte LNV-Chef Gerhard Bronner, obwohl das ihre Aufgabe sei.

Zu Neujahr 2017 haben sich für Windkraftanlagen die Vergütungsregeln verschlechtert, weshalb zum Ende des Vorjahres eine Verfahrensflut über die Landratsämter hereinbrach. Auch das Projekt Hasel fällt in diese Zeit. Die Naturschutzverbände vermuten, dass die unterbesetzten Behörden nicht nur quantitativ überfordert waren, sondern oft auch nicht ausreichend qualifiziert sind. Sie fordern Investitionen in Personal und Weiterbildung sowie einen Erlass des Umweltministeriums, der zur Beachtung der LUBW-Kriterien zwingt.

Die Gutachter sollten in ihren Verbänden Qualitätsstandards entwickeln, forderte Enssle zudem: Derzeit könne sich „jeder Hanswurst“ als biologischer Gutachter betätigen. Hinweise auf bewusste Manipulation haben die Verbände aber nicht gefunden.

Der Umweltminister reagierte zurückhaltend. „Leider verkennen die Verbände, dass es bei etlichen Projekten im Land aus Gründen des Artenschutzes schon gar nicht bis zu einem Genehmigungsverfahren kam“, erklärte Franz Untersteller (Grüne). Nichts sei jedoch so gut, dass es nicht noch besser werden könne.

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27.09.2017, 06:00 Uhr
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