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Ludger Pfanz Privatbild




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07.11.2018

Von Madeleine Wegner

Als der Film „Avatar“ in die Kinos kam, seien die Förderanträge zur 3D-Forschung plötzlich sehr schnell beantwortet worden, sagt Ludger Pfanz. Der Regisseur und Dozent gilt international als Experte für digitale Kunst- und Filmformate. Vor knapp zehn Jahren hat er ein Forschungslabor gegründet, das eine Allianz zwischen Forschung und Kunst ermöglichen soll. Problematisch sei dabei das unterschiedliche Tempo von technologischer Entwicklung und finanzieller Unterstützung der Forschung: Bis Anträge beantwortet würden, sei so manche Technologie schon wieder veraltet. „Für die Filmsprache hatten wir hundert Jahre Zeit“, erinnerte Pfanz zum Vergleich.

Der Experte sprach am Montagabend unter dem Titel „The DNA of Immersive Storytelling“ im Tübinger Brechtbau über neue Technologien und die damit verbundenen Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen. Pfanz unterrichtet am Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe, darüber hinaus ist er weltweit als Dozent tätig. Auf Teneriffa hat er eine europäische „Film Winter School“ gegründet, wo er gemeinsam mit Studierenden neue digitale Kunst- und Filmformate erforscht. Die Erkenntnisse sind unter anderem in den 3D-Film „Pina“ von Wim Wenders eingeflossen. Bei dem Filmprojekt habe sich unter anderem gezeigt, welche Auswirkungen der 3D-Effekt beispielsweise auch auf den Klang hat. „Das normale Abmischen des Klangs funktioniert hier nicht“, sagte Pfanz. Als Zuschauer erwarte man bei einem 3D-Film, dass sich auch der Klang im Raum bewege.

Doch Pfanz geht noch weiter. Er kritisiert: „Die meisten 3D-Filme sind 2D-Filme mit 3D-Effekt.“ Dabei verlangen neue Formate auch eine andere Art des Geschichtenerzählens. Virtual Reality ist in Augen Pfanz „ein Fenster zur Welt“ oder gar ein „Tor zum Selbst“. Sie sprengt auch im wörtlichen Sinne den Rahmen, indem sie dem Zuschauer ermöglicht, komplett in eine Welt einzutauchen, anstatt auf nur ein Bild beziehungsweise die Leinwand zu schauen. „Wir brauchen eine komplett neue visuelle Sprache“, folgerte Pfanz.

So sei es nicht abwegig, eigene Drehbücher für 3D-Filme zu schreiben, die deren Besonderheiten beachten und beispielsweise die Beziehungen zwischen den Figuren auch im Raum ausdrücken. Anstelle von einer Storyline könnte zudem ein nicht lineares Erzählen treten und damit verbunden ein ganzes Universum an Figuren, Geschichten und Beziehungen, so wie man es bereits aus komplexen Serien kennt. „Story-Architecture“ nannte Pfanz dieses Konzept, in dem sowohl Charaktere als auch Konflikte multidimensional seien. Dabei sei es auch denkbar, dass der Zuschauer selbst in die Geschichte eingreift und entscheidet, welchen Pfad der Erzählung er weiter verfolgt.

„Das gesamte Equipment, das wir derzeit haben, wird in drei, vier Jahren komplett überholt sein“, sagte Pfanz. Derzeit in der Entwicklung seien Geräte zur Autostereoskopie, also eine 3D-Wiedergabe, die sich automatisch auf die Augen ausrichtet, sodass eine 3D-Brille überflüssig wird.

Zum wichtigsten Forschungsfeld gehören aktuell die „künstliche und künstlerische Intelligenz“ und damit verbunden die Frage: Was fehlt ihr und was macht den Menschen folglich (noch) unersetzlich? Das Bildungssystem jedoch sei darauf ausgerichtet, so Pfanz, bestimmte Antworten zu geben – also genau jene Informationen zu liefern, die algorithmisierbar sind. Die wichtigste Herausforderung der nahen Zukunft hingegen, nämlich interessante Fragen zu stellen, werde im derzeitigen Bildungssystem noch als störend empfunden.

Wie zögerlich das Thema Digitalisierung auch politisch angegangen wird, zeige der Koalitionsvertrag: Zum ersten Mal beinhalte dieser überhaupt das Thema – damit gemeint sei jedoch lediglich der Breitband-Ausbau. Dabei sei es zwingend nötig, die Gefahren wie Manipulation und Überwachung sowie ethische Richtlinien für Virtuelle Realitäten zu diskutieren. Enorme Chancen sieht Pfanz in der pädagogischen Anwendung von VR. „Im Moment haben wir keine Ahnung, wie VR uns beeinflussen wird“, sagte der Experte und betonte die Bedeutung der Wissenschaft für diesen Bereich.

Einen anderen Blick auf die Entwicklungen hatte der Leiter des Filmfestivals „Courant 3D“ François Serre, der am Montag mit einer Augmented Reality-Ausstellung und mit einer Auswahl an 3D-Kurzfilmen ebenfalls im Brechtbau zu Gast war. „Mozart hat sich nicht gefragt, ob er mono oder stereo komponiert“, sagte Serre schmunzelnd. Er habe früher als Tontechniker für Dokumentarfilme gearbeitet und sei von den Filmemachern ausgelacht worden, weil er sich einen Stereo-Klang wünschte. Heute ist das Standard. Dennoch sagte Serre über das dreidimensionale Kino-Bild: „Ich glaube nicht, dass es die Geschichte verändert.“ Gleichwohl könne es die Wahrnehmung erweitern, „und das ist ja auch schon was“.

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Erstellt:
7. November 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. November 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. November 2018, 01:00 Uhr

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