Viren-Lichtschalter ausknipsen

Medikament gegen Covid-19:Es ist nicht das Virus selber, das im Körper ausgeschaltet werden muss. Es reicht, wenn ein bestimmter Faktor in der Zelle, den das Virus zur Vermehrung braucht, ausgeschaltet wird. Mit dieser Idee wird die Tübinger Firma Atriva Therapeutics in der Corona-Pandemie berühmt.

04.12.2020

Von TEXT: Lisa Maria Sporrer | FOTOS: Erich Sommer, Unternehmen

Wenn Oliver Planz auf Vorträgen die Geschichte seines Unternehmens erzählt, zeigt er das Bild einer Kneipe. Dort, in Hamburg, 1997, kam den drei Freunden nach einer Tagung die Idee. Stephan Ludwig, Stephan Pleschka und Oliver Planz, heute renommierte Virusforscher an den Universitäten in Münster, Gießen und Tübingen, hinterfragten an diesem Abend Lehrbuchwissen. „Überall stand nur, dass Viren eine Zelle brauchen, um sich zu vermehren. Wir fragten uns: Was genau brauchen die Viren aber?“, erinnert sich Planz.

Das Bild von der Kneipe bei seinen Vorträgen ist eigentlich eine andere Kneipe, daraus macht Planz keinen Hehl. Ob es die Lokalität überhaupt noch gibt, weiß er nicht. Das aber, was damals beim Bier erdacht und lange Zeit von Wissenschaftlern belächelt wurde, steht heute in den Lehrbüchern.

Es ist nicht das Virus selber, das im Körper ausgeschaltet werden muss. Es reicht, wenn ein bestimmter Faktor in der Zelle, den das Virus zur Vermehrung braucht, ausgeschaltet wird. Planz erklärt diese Idee so: „Sie wollen etwas schreiben. Wenn Sie in einem Raum ohne Fenster sitzen und nichts sehen, schalten Sie einfach das Licht an. Jemand will Sie aber vom Schreiben abhalten. Er greift ihre rechte Hand. Sie lösen sich aus dem Griff. Dann greift er fester zu. Schließlich nehmen Sie den Stift in die linke Hand.“ Planz spricht metaphorisch von Resistenzen. „Das einzige, wie man Sie vom Schreiben abhalten kann, ist: Man macht das Licht aus.“

Diesen Lichtschalter für verschiedene RNA-Viren hat Planz mit seinen Kollegen gefunden. MEK heißt er, ein Faktor in der menschlichen Wirtszelle, der auch für die Vermehrung von Influenzaviren und Sars-Cov-2 erforderlich ist. Dass dieser Schalter aller Voraussicht nach auch das aktuell grassierende Coronavirus ausschalten kann, war eher Zufall.

Von der Wissenschaft belächelt, scheuten sich die drei angehenden Professoren kurz vor der Jahrtausendwende für ihre Idee eine eigene Firma aufzuziehen. „Wenn wir es Ernst gemeint hätten, hätten wir aus der Uni raus gemusst“, sagt Planz. Sie forschten weiter an ihrer Idee, meldeten Patente an, habilitierten und verkauften bisweilen einige ihrer Patente wieder.

2013 gewannen die drei Virusforscher den „Science2Start-Ideenwettbewerb“ der „BioRegion STERN“ in Tübingen und gründeten mit dem Preisgeld, 2000 Euro, zwei Jahre später Atriva. Mittlerweile hat Atriva für ihr Medikaments mittlerweile knapp 30 Millionen Euro eingeworben. Der Name steht für: A für Antiviral, T für Therapie, V für Virus.

Seit der Gründung 2015 beschäftigt sich Atriva mit Influenzaviren. Die Wissenschaftler des Start-ups haben den Wirkstoffkandidaten in der Annahme entwickelt, damit schwere Influenza und andere von Viren verursachte schwere Atemwegserkrankungen bekämpfen zu können. Anfangs arbeiteten fünf Mitarbeiter in einem kleinen Gebäude in der Tübinger Südstadt an der Entwicklung des Medikaments. Mittlerweile ist das Management und auch die klinische Abteilung nach Frankfurt a. Main umgezogen.

Das Team in Tübingen gibt es noch immer. Auf neun Mitarbeiter ist es angewachsen. „Wir sind ja schließlich auch eine Tübinger Firma“, sagt Planz. Im vergangenen Jahr wurde die erste klinische Phase des neuen Wirkstoffs mit dem Namen ATR-002 erfolgreich abgeschlossen. Dann kam Corona und die visionären Ideen von damals bekamen eine ganz neue Bedeutung. Es ging nicht mehr nur um Grippeviren. Die Suche nach Medikamenten gegen das neue, aggressive Virus rückte auch Atriva in das Licht der medialen Aufmerksamkeit. Denn der Lichtschalter, der für Influenzaviren ausgeknipst werden soll, ließe sich ebenso für Coronaviren bedienen, sagt Planz.

Bald wird der Wirkstoff den nächsten Schritt machen. Es könnte der vorletzte sein. Am Ende des letzten Schritts würde – wenn alle Erprobungen erfolgreich sind – das neue Medikament zugelassen. Mit ihm ließen sich schwer an Covid-19 erkrankte Menschen behandeln. Denn, das wissen die Forscher mittlerweile, MEK, jener Lichtschalter, hat noch mehr Eigenschaften als nur an und aus geschaltet zu werden. „Dieser Faktor in der Zelle ist auch für entzündliche Prozesse verantwortlich“, sagt Planz.

Eine wichtige Eigenschaft im Kampf gegen Sars-Cov-2, da die Infektion einen sogenannten Zykotinsturm auslösen kann, eine Überreaktion des Immunsystems, in deren Folge schwere entzündliche Reaktionen in verschiedenen Organen entstehen. „Diesen Zykotinsturm kann ATR-002 unterdrücken“, sagt Planz zuversichtlich. Denn erwiesen ist das noch nicht.

Das biopharmazeutische Unternehmen Atriva Therapeutics GmbH hat im Rahmen einer überzeichneten Wandelanleihe im August Mittel in Höhe von 8,6 Millionen Euro eingeworben. Mittlerweile hat die Europäische Investitionsbank (EIB) und die Atriva Therapeutics GmbH einen Finanzierungsvertrag über 24 Millionen Euro abgeschlossen. Die Gründer und Firmenchefs von Atriva warten momentan nur noch auf die Zustimmung der Berliner Ethikkommission. Anfang Januar, so rechnet Planz, könne dann in der Berliner Charité der erste Patient den Auftakt zur Phase-II Studie beginnen, die dann auch weltweit getestet werden soll.

Jetzt, wo nicht nur die Fachwelt, sondern auch die Öffentlichkeit auf Atriva aufmerksam geworden sind, klopfen erste Interessenten an, um sich das Medikament zu sichern. Nicht aus Deutschland. „Mehr im asiatischen Raum“, sagt Planz. Auch, weil die Asiaten ein großes Interesse an den nächsten Projekten von Atriva haben: Medikamente gegen Hantaviren und Dengue-Fieber, letztere ist eine gefährliche tropische Viruserkrankung, die durch Mücken übertragen wird.

Angefangen hat Atriva 2015 mit einem kleinen Büro in der
Südstadt. Mittlerweile ist das Unternehmen in die „Westspitze“ des Güter-
Bahnhof-Areals umgezogen.

Oliver Planz, Firmenmitgründer von Atriva

Millionenförderung ATR-002: Ein Medikament mit hohem Potenzial

Die Europäische Investitionsbank und Atriva Therapeutics unterzeichneten im Oktober 2020 eine Finanzierungsvereinbarung über 24 Millionen Euro für Forschung, Entwicklung und klinische
Prüfung des Lead-Kandidaten von Atriva gegen Grippe und Covid-19.

ATR-002 ist das einzige gegen Wirtszellen gerichtete antivirale Medikament, das speziell zur Behandlung schwerer, durch RNA-Viren verursachter Atemwegserkrankungen entwickelt wurde.
Es könnte bei stationär behandelten Covid-19-Patienten ein Fortschreiten der Erkrankung in ein kritisches Stadium verhindern und birgt daher in der aktuellen Pandemie hohes Potenzial.

Zum Artikel

Erstellt:
4. Dezember 2020, 07:56 Uhr
Aktualisiert:
4. Dezember 2020, 07:56 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Dezember 2020, 07:56 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App