Erziehung

„Viele Kinder sind einsichtiger, als man denkt“

Medienethikerin rät Eltern beim Thema Internetkonsum zu Geboten, Argumenten und Selbstkritik.

19.06.2020

Von EPD

Tübingen. Kinder, die durchs Netz surfen, und Eltern, die deswegen besorgt sind – spätestens seit der Corona-Krise ist dieses Problem akuter denn je. „Ich sehe das bei meinen eigenen Kindern“, sagt die Tübinger Medienethikerin Ingrid Stapf im Telefongespräch. Die würden „auch ständig wegen irgendwelcher Zoom-Konferenzen vor dem Rechner sitzen“.

Die Wissenschaftlerin rät Eltern vor allem zur Reflektion des eigenen Verhaltens und zu vielen Gesprächen mit den Kindern. „Zahlreiche Eltern regulieren – sinnvollerweise – die Medienzeit ihre Kinder“, berichtet Stapf. Wenn die Erwachsenen dann aber selbst in jeder freien Sekunde zum Handy greifen, sei das irritierend. „Wir wissen, dass Kinder das Informelle, also das, was ihnen vorgelebt wird, sehr stark wahrnehmen“, betont sie.

Eltern müssten daher diese unterschiedlichen Regelungen zumindest erklären. „Man sollte ihnen Gründe sagen, warum etwas wichtig oder problematisch ist“, erläutert Stapf. Etwa, dass Erwachsene aus beruflichen Gründen oft schnell auf Mails reagieren müssen, oder dass ständiges Computerspielen schädlich für die Entwicklung eines Kindes ist. „Viele Kinder sind einsichtiger als man denkt“, betont Stapf. Mit Begründungen und Geboten könnten Eltern viel erreichen.

Dazu gehöre auch, Kinder bei ihren Erfahrungen im Digitalen zu begleiten. „Man sollte darüber reden, ,Was erlebt das Kind?‘ oder ,Welche Gefühle lösen bestimmte Spiele oder Bilder bei ihm aus‘“, sagt die Expertin. Das helfe auch den Eltern, das Vertrauen aufzubauen, dass das Kind auch im Netz das Richtige tut. „Auch Kinder haben ein moralisches Bewusstsein, sie starten nicht automatisch ein offensichtliches Gewaltvideo“, sagt sie.

Zu kontrollieren, welche Websites ein Kind aufgerufen hat, sieht Stapf mit Skepsis. Sie empfiehlt Eltern zu hinterfragen, warum sie ihre Kinder überwachen wollen. „Ist es wirklich Fürsorge? Denke ich, dass mein Kind sich Enthauptungsvideos anguckt?“, erläutert die Medienethikerin. Dann sei es gerechtfertigt. Oft nutzten Eltern solche Kontrollmechanismen aber einfach, weil es sie gibt. „Das entspricht dann keinem erzieherischen Ideal eines möglichst selbstbestimmt aufwachsenden Kindes“, betont Stapf, die auch Mitglied der Plattform „Forum Privatheit“ ist, die auch Empfehlungen zum digitalen Datenschutz von Kindern veröffentlicht.

Insgesamt spricht sich Stapf dafür aus, nicht allzu hart mit Eltern beim Thema Medienkonsum ins Gericht zu gehen. „Wir dürfen nicht vergessen, die jetzige Generation kann in diesem Punkt ihre Eltern nicht um Rat fragen“, sagt sie. Gerade in der Corona-Krise müssten sie aus dem Stehgreif Lösungen finden. epd

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Erstellt:
19. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2020, 06:00 Uhr

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