Praia da Luz · Verbrechen

Viele Fragen im Fall Maddie

Der deutsche Verdächtige ist kein unbeschriebenes Blatt: Er hat mehrere Vorstrafen und war viel unterwegs. Die Ermittler prüfen Verbindungen zu einem weiteren Fall.

06.06.2020

Von AFP/DPA

Madeleine McCann vor ihrem Verschwinden im Jahr 2007. Foto: PA /AP/dpa

Gut 13 Jahre nach dem Verschwinden der dreijährigen Madeleine McCann aus einem Ferienhaus im Süden Portugals richtet sich der Verdacht gegen einen 43-Jährigen aus Deutschland. Zumindest die Ermittler in der Bundesrepublik sind davon überzeugt, dass der erheblich vorbestrafte Mann als Täter in Frage kommt. Was aus Mitteilungen der Behörden, der Ermittler und Medienberichten über den Mann und die mögliche Tat bisher bekannt ist:

Ein mehrfach vorbestrafter Sexualstraftäter. Der Verdächtige, der Medienberichten zufolge Christian B. heißt, ist 43 Jahre alt, Deutscher und laut Gerichtsunterlagen mehrfach vorbestraft (Jugend-, Geld-, Bewährungs- oder Freiheitsstrafen) – darunter auch wegen mehrerer Sexualdelikte an Kindern und Besitzes kinderpornografischer Schriften. Derzeit sitzt der Mann in Kiel eine alte Freiheitsstrafe ab. 2011 wurde er wegen Drogenhandels zu einem Jahr und neun Monaten Haft verurteilt. Parallel ist gegen ihn wegen Vergewaltigungsvorwürfen Untersuchungshaft angeordnet.

Einem Bericht der „Braunschweiger Zeitung“ zufolge verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig im Jahr 2019 zudem wegen Vergewaltigung einer 72-jährigen US-Bürgerin in dem portugiesischen Ferienort Praia da Luz, in dem auch Maddie verschwand, zu sieben Jahren Gefängnis. Die Tat ereignete sich demnach 2005 während eines Einbruchs – also zwei Jahre vor dem Verschwinden Maddies. Diese Strafe ist bislang noch nicht rechtskräftig.

Verdächtiger mit vielen Aufenthaltsorten. B. lebte nach bisher vorliegenden Erkenntnissen im In- und Ausland an häufig wechselnden Orten. Laut „Bild“ wurde er 1976 in Würzburg unter anderem Namen geboren, lebte in einem Kinderheim und wurde dann adoptiert. Nach Informationen deutscher Ermittler verbrachte er zwischen 1995 und 2007 regelmäßig Zeit im Süden Portugals – auch in einem Haus zwischen Lagos und Praia da Luz.

Dort soll der Mann den deutschen Justizbehörden zufolge Gelegenheitsjobs gehabt haben, etwa in der Gastronomie. Außerdem gibt es Hinweise darauf, dass er seinen Lebensunterhalt dort auch durch Einbrüche in Hotelanlagen und Ferienwohnungen sowie Drogenhandel bestritt.

Dieses Haus im portugiesischen Praia da Luz soll im Zusammenhang mit Maddies Verschwinden stehen. Foto: Bundeskriminalamt/dpa

Der „Bild“-Zeitung zufolge soll B. 2012 bis 2014 in Braunschweig einen Kiosk betrieben haben. Laut Strafregister hielt er sich zudem in Schleswig-Holstein auf, so verurteilte ihn ein Gericht in Niebüll in Nordfriesland 2011 wegen eines Drogendelikts. Wie die Magdeburger „Volksstimme“ berichtete, besitzt B. in Sachsen-Anhalt bei Neuwegersleben darüber hinaus ein altes verfallenes Grundstück.

Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete am Freitag außerdem, dass der Tatverdächtige im Juli 2017 aus Portugal nach Schleswig-Holstein ausgeliefert wurde. Dort verbüßte er bis August 2018 eine Strafe wegen Kindesmissbrauchs. Er kam zwischenzeitlich frei und hielt sich in den Niederlanden und Italien auf, bevor er dort erneut festgenommen wurde und nach Schleswig-Holstein überstellt wurde.

Verdacht der deutschen Ermittler Sie vermuten, dass B. bei einem seiner Aufenthalte an der Algarve die kleine Maddie getötet hat. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat nach eigenen Angaben Erkenntnisse darüber, dass der Verdächtige am Tag des Verschwindens von Maddie in Praia da Luz zu einer „tatrelevanten Zeit“ ein von ihm genutztes Mobiltelefon bediente. So halten sie es unter anderem für möglich, dass der Verdächtige weitere Taten verübte, die ihm bisher nicht zugeordnet werden. Das deckt sich mit einer Hypothese der britischen Polizei aus dem Jahr 2014, wonach es sich bei dem Täter im Fall Maddie um einen Unbekannten handeln könnte, der zwischen 2004 und 2010 in verschiedene Ferienanlagen an der Algarve einbrach und dabei mehrere Mädchen sexuell missbrauchte. Der Verdächtige soll während dieser Zeit dort zwei auffälligere Autos gefahren haben, einen VW-Bus sowie einen Jaguar.

Die Ermittler brauchen weitere Hinweise, sie appellieren an Zeugen, sich zu melden. „Für einen Haftbefehl oder eine Anklage reicht es noch nicht aus“, hieß es am Freitag von der zuständigen Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Viele offene Fragen. Warum genau der 43-Jährige unter Mordverdacht steht, ist unklar. Die Ermittler haben sich bislang nicht zu den möglichen Indizien gegen den Mann geäußert. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hält Madeleine aber für tot. Das Kind oder eine Leiche beziehungsweise Hinwiese auf den Tod des Mädchens sind aber bis heute nicht gefunden worden.

Auch ein mögliches Motiv für die Tat ist unklar. Möglich sei laut BKA eine sexuelle Motivation – oder dass nach einem zunächst geplanten Einbruch spontan auf ein Sexualdelikt umgeschwenkt wurde.

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Erstellt:
6. Juni 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. Juni 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. Juni 2020, 06:00 Uhr

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