Difäm-Studie: Die Warnsignale erkennen

Viele Flüchtlinge haben Schreckliches erlebt, doch seelische Verletzungen bleiben meist unversorgt

Grippe und Bronchitis, Knochenbrüche oder Zahnschmerzen – manche Erkrankungen sind gut zu diagnostizieren, auch wenn Arzt und Patient nicht die gleiche Sprache sprechen.

15.03.2017

Von Angelika Bachmann

Damit Ärzte und Geflüchtete sich verstehen, braucht es meist Dolmetscher (hier informiert eine Ärztin in der Erstaufnahmestelle in Meßstetten, weshalb die Kinder geimpft werden). Doch vor allem auf dem Land gibt es viel zu wenige qualifizierte Dolmetscher. Bild: Difäm

Doch was ist, wenn der Patient über „Schmerzen“ klagt und es keine offensichtliche, körperliche Ursache gibt? Wenn ihn Schlaflosigkeit mürbe macht? Er an Angstzuständen leidet? Wenn es ihm schlecht geht, er es aber nicht in Worte fassen kann?

Die medizinische Versorgung von Geflüchteten ist in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung: logistisch, fachlich, menschlich. Was kann man aus den Erfahrungen der Flüchtlingswelle 2015 lernen? Wie sieht die Gesundheitsversorgung von Geflüchteten im Regierungspräsidium Tübingen aus? Damit beschäftigte sich das Deutsche Institut für Ärztliche Mission (Difäm) in Tübingen in einer Studie und kommt zu dem Schluss: Sehr vieles läuft sehr gut. Aber es gibt markante Schwachstellen und Versorgungslücken.

Ein halbes Jahr lang hat Difäm-Mitarbeiterin Dr. Isabel Fernández Matrial gesammelt, Interviews mit Ärzten und Sozialarbeitern geführt, mit Geflüchteten und ehrenamtlichen Betreuern. Sie hat eine Online-Umfrage bei Ärzten gemacht und 3707 Krankenscheine aus dem Tübinger Arztmobil ausgewertet.

Die Grundversorgung ist gesichert, so das Fazit. Allerdings: Ohne das Engagement der vielen Ehrenamtlichen würde es nicht gehen, so Difäm-Direktorin Gisela Schneider. Diese müssten besser unterstützt werden, auch mit Fortbildungen, Supervision und einer Einrichtung, an die sie sich wenden können, wenn es Probleme gibt.

Eine große Versorgungslücke sehen Fernández und Schneider bei der Behandlung oder Prävention psychischer Erkrankungen. „Viele haben Schlimmes erlebt“, so Schneider, im Bürgerkrieg oder während der Flucht. Wie kommen die Menschen damit zurecht?

Bei manchen entwickle sich über die Monate aus solchen seelischen Traumata eine psychische Erkrankung, oft angekündigt und begleitet von Warnzeichen: Schlaflosigkeit, plötzliche Aggression, undefinierbare Schmerzen. Frühzeitige Intervention könnte verhindern, dass Posttraumatische Belastungsstörungen oder Depressionen entstehen, sagt Schneider. Ein medizinisches Screening in den Erstaufnahmestellen müsste deshalb solche Warnsignale registrieren, so Fernandez. Ehrenamtliche Betreuer, denen sich die Geflüchteten oft am ehesten anvertrauen, müssten wissen, wo es in solch einem Fall Hilfe gibt.

Das zweite große Defizit: Es fehlen qualifizierte Dolmetscher. „In Tübingen ist man noch ganz gut versorgt“, so Fernández. Hier gibt es einen großen Dolmetscherpool und viele Studierende, die sich engagieren. Auf dem Land ist das schon anders. Das führt auch zu abstrusen Situationen. In manchen medizinischen Einrichtungen verzichtet man darauf, auf einen Dolmetscher-Pool zurückzugreifen – aus Furcht, man könne wegen falscher Übersetzungen falsch behandeln und dafür verklagt werden. Die Kosten für Dolmetscher übernehmen die Behörden übrigens nur, solange das Asylverfahren noch läuft. Doch auch danach bräuchten Geflüchtete noch sprachliche Unterstützung.

Während das Asylverfahren läuft, dürften im Übrigen nur akute Erkrankungen behandelt werden. Bei Arthrose heißt das zum Beispiel: Die Patienten bekommen Schmerzmittel, aber keine Gelenkoperation. Zeitraubend sei auch, dass Ärzte bei vielen Therapien erst Anträge an Behörden schreiben müssen, wo Nichtmediziner dann über die Kostenübernahme entscheiden sollen. Hier fehlten klare Leit- und Richtlinien.

Ein Drehachse für Helfer und Betroffene

Die Studie „Gesundheit und Gesundheitsversorgung Geflüchteter“ stellt das Difäm am Wochenende auf dem Kongress „Armut und Gesundheit“ in Berlin vor. Ein wichtiges Fazit der Studie sei, dass es eine „Drehachse“ geben sollte, um die Vielzahl der Helfer und Zuständigen zu vernetzen, Hilfen zu vermitteln und Informationen zusammenzuführen –um die Ressourcen effizient zu nutzen. Hilfreich sei das etwa für Ehrenamtliche und Helferkreise, die sich bei Problemen oft alleingelassen fühlen – oder nicht wissen, wo es Hilfe oder Ansprechpartner geben könnte. Difäm-Direktorin Schneider hält es für sinnvoll, eine solche „Drehachse“ als neutrale Einrichtung zu schaffen – und sie nicht bei einer Behörde anzusiedeln. Man führe bereits Gespräche mit Behörden, Kirchen und Stiftungen, wie eine solche Einrichtung aussehen und wer sie finanzieren könnte.

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Erstellt:
15. März 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. März 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. März 2017, 01:00 Uhr

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