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Die Furcht vor Klagen

Viele Fahrzeuge überschreiten in Tests Abgas-Normen, doch die Markennamen werden meistens nicht

Verkehrsverbände und Behörden haben dutzende Autos auf Abgas-Emissionen getestet. Die Ergebnisse sind ernüchternd. Ein Problem dabei: Marke und Fahrzeugtyp werden nur selten konkret benannt.

07.10.2015

Von MARTIN HOFMANN

VW erklärt seit dem Manipulationsskandal, Euro-6-Fahrzeuge seien davon nicht betroffen. Eine Zusammenfassung der wichtigsten Studien zeigt jedoch: Von 117 seit 2013 getesteten Autos unterschiedlicher Hersteller halten nur 22 im Realbetrieb oder ADAC-Ecotest die Stickoxid-Grenzwerte ein. Alle übrigen Pkw stoßen weitaus mehr NOx aus als zulässig. Veröffentlicht hat dieses Ergebnis die unabhängige Organisation Transportation & Environment (Verkehr und Umwelt) mit Sitz in Brüssel.

Die niederländische TNO, eine unabhängige Forschungsorganisation, hat mit einem mobilen Messsystem sechs Diesel-Pkw im Realbetrieb untersucht. Sie hielten alle die Grenzwerte für Rußpartikel ein, emittierten aber statt 80 Milligramm pro Kilometer zwischen 150 und 600 Milligramm Stickoxide. Der Pkw mit den besten Werten verfügte über ein Abgasrückführungssystem und einen SCR-Konverter.

Vergangenes Jahr hat der ICCT (International Council for Clean Transportation) 15 Pkw überprüft. Im Durchschnitt rissen sie die Euro-NOx-Norm um das 7-fache. Nur auf einem Zehntel der Testfahrt zeigten mobile Messgeräte Angaben unterhalb des Grenzwerts. Bei Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffen blieben die Fahrzeuge im Normbereich.

Die Londoner Organisation Emission Analytics hat laut T&E große Erfahrung in der mobilen Abgasmessung. Zwischen 2014 und 2015 hat sie mehr als 25 Euro-6-Diesel-Pkw getestet. Drei Fahrzeuge erfüllten die Stickoxid-Vorschriften. Die übrigen Autos lagen im Schnitt 4,5 Mal über den legalen Anforderungen.

Organisationen und Verbände nennen in diesen Studien keine Automarken und Fahrzeugtypen. Das Risiko ist ihnen zu groß, umgehend mit millionenschweren Schadenersatzklagen konfrontiert zu werden. Ihre Angaben müssen absolut hieb- und stichfest sein.

Die Landesanstalten für Umweltschutz Baden-Württemberg und Bayern testeten 2014 drei Euro-6-Mittelklasse-Pkw mit Dieselmotor: Einen VW CC mit SCR-Katalysator, einen BMW 320d mit NOx-Speicher sowie einen Mazda 6 mit Abgasrückführung. Die Autos fuhren vier Strecken: 20 Kilometer in Stuttgart, 11 Kilometer in München und Überlandfahrten von 90 und 51 Kilometern Länge. Ergebnisse: Innerorts überschritten alle drei Pkw die NOx-Grenzwerte um den Faktor 1,6 bis 8,5 (129,8 bis 676,5 Milligramm/km), außerorts um den Faktor 1,7 bis 7,7 (133,6 bis 618,3 Milligramm/km). Stark stiegen die Stickoxid-Emissionen bei Konstantfahrten über 135 bis 140 km/h. Die Werte lagen etwa bei 500 Milligramm pro Kilometer, der Mazda emittierte "noch deutlich mehr". Den höchsten NOx-Ausstoß registrierten die Behörden im Stop-and-go-Verkehr. "Vor allem beim Beschleunigen (auch nach Gangwechsel) treten Emissionsspitzen auf", heißt es in dem Bericht. Fahrten mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit unter 35 km/h überschritten den Grenzwert um das 4,2- bis 5,3-Fache.

Fazit der Studie: Die Behörden fordern ein verschärftes Zulassungsverfahren, das die realen Fahrbedingungen abbildet. Auf Nachfrage teilte Pressesprecherin Tatjana Eckert mit, das baden-württembergische Verkehrsministerium unterstütze seit langem diese Forderung, zuletzt in der Umwelt- und Verkehrsministerkonferenz der Länder. Die Fahrzeughersteller hätten auf die Veröffentlichung der Testergebnisse gegenüber der Behörde nicht reagiert. Gegenüber dem Landesministerium hätten "Hersteller und Zulieferer ihr Interesse an einer schnellen Einführung der realen Fahremissionen betont".

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Erstellt:
7. Oktober 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2015, 12:00 Uhr

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