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Forscher überrascht über Montagsdemos

Viele Ex-Befürworter haben Seiten gewechselt

Ein Jahr Montagsdemo gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 - der zähe Protest und die Ausdauer der Schwaben verblüfft sogar die Experten.

25.10.2010

Von ROLAND BÖHM

Stuttgart "Nein, das habe ich so nicht erwartet", räumt Protestforscher Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) ein. "Dass so viele Leute so lange teilnehmen, ist schon erstaunlich." Rucht hatte maximal eine "kurzzeitige Welle" erwartet. Die Demo am Montag ist die 50. - los ging es am 26. Oktober 2009, mit vier Mann.

Laut Stadt Stuttgart wurden seither mehr als 640 Demonstrationen gegen Stuttgart 21 angemeldet und inzwischen auch zehn dafür. Erklären lasse sich der langanhaltende Protest damit, dass im Laufe des Jahres immer wieder neue Fakten auf den Tisch gekommen seien, sagt Rucht. Neue Gutachten zu den Milliarden-Kosten, der Abriss des Nordflügels am Bahnhof, der Polizeieinsatz und das Fällen der Bäume im Schlossgarten - "es gab peu à peu immer wieder Stoff, um sich aufzuregen", sagte der Protestforscher. Zudem hätten inzwischen auch viele ehemalige Befürworter die Seite gewechselt. "Konvertiten" nennt Rucht sie. "Und wenn man erst mal die Seite gewechselt hat, dann fühlt man sich der neuen Position nochmal mehr verpflichtet."

Stuttgarts Protest fasziniert den Forscher. "Allerdings sollte man ihn nicht so hoch hängen", sagt Rucht. "Es ist nicht so, als würde da die politische Kultur von abhängen oder gar der technische Fortschritt." Deutschland drohe "keineswegs" unregierbar zu werden.

Auch sei der Protest keine Gefahr für Großprojekte. Dennoch könnten aber Gruppen anderswo ermutigt werden, sagte Rucht. Die Stuttgarter zeigten ihnen: "Wenn man sich kräftig wehrt, bekommt man auch Beachtung." Planer von Großprojekten und Politiker würden sicher "ein Stück weit vorsichtiger" werden, vermutet Rucht, frühzeitiger informieren und die Bürger mehr einbeziehen.

Walter Sittler, Konstantin Wecker, Senta Berger, Volker Lösch, Urban Priol - dass sich immer mehr Künstler auf die Seite der Projektgegner stellen, ist für den Protestforscher nicht erstaunlich. Auch Picasso, Brecht oder Biermann hätten sich gerne "in den Dienst einer Sache gestellt". Künstler seien notorisch bei der Opposition, des Widerstands und der Kritik zu finden. Das Bild des Quertreibers, des Unkonventionellen, sei schon immer ein Merkmal von Künstlern gewesen.

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Erstellt:
25. Oktober 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Oktober 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Oktober 2010, 12:00 Uhr

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