Jenseits der Sonderwelt

Viele Behinderte finden keine Arbeit

Viele Schwerbehinderte sind arbeitslos. In manchen deutschen Firmen bekommen einige jedoch eine Chance. Andere Firmen müssen Ausgleichsabgaben zahlen, weil sie nicht genug Behinderte einstellen.

07.02.2013

Von CHRISTINE BÖHM

Ulm Zu seinem Bewerbungsgespräch bei SAP in Walldorf kam Denis Sariyannis allein. Nicht ungewöhnlich für einen 20-Jährigen. Doch der junge Mann ist von Geburt an blind. Der Personalchef des Software-Riesen hatte das in der Bewerbung gar nicht gesehen und lud ihn nur aufgrund seiner Qualifikation ein. So viel Glück haben nicht alle Schwerbehinderten. Viele Firmen verzichten auf Mitarbeiter mit Handicap und zahlen lieber Ausgleichsabgaben.

Denis Sariyannis ist unter den 16 500 SAP-Mitarbeitern in Deutschland einer von etwa 400 Schwerbehinderten. Als der heute 24-Jährige seine Ausbildung begann, waren die Kollegen verunsichert, wussten nicht, wie sie mit dem Blinden umgehen sollten. Was tun, wenn man jemandem die Hand geben will, der nicht sieht, das man sie ihm hinstreckt? Ihn locker am Arm nehmen und auf diese Weise Hallo sagen?

Inzwischen hat Denis Sariyannis seine Ausbildung zum Fachinformatiker abgeschlossen und wurde übernommen. Mit seinen Kollegen versteht er sich gut, die Zusammenarbeit klappt. Was ihn auszeichnet, ist sein Selbstbewusstsein. Der 24-Jährige sagt sich immer wieder: "Ich laufe keinem nach, der mich nicht haben will. Ich möchte einen Platz finden in der sehenden Welt."

Trotz dieses Beispiels einer gelungenen Integration erfüllt der Software-Konzern nicht die gesetzlich vorgeschriebene Quote. Private und öffentliche Arbeitgeber mit mindestens 20 Arbeitnehmern sind verpflichtet, 5 Prozent der Stellen mit einem Behinderten zu besetzen - sonst sind Ausgleichsabgaben fällig. Doch das schreckt kaum ein Unternehmen ab. Bei SAP sind es 2Prozent. Die niedrige Quote liege hauptsächlich daran, dass man nicht genug Bewerbungen von Schwerbehinderten bekomme, sagt Sprecherin Alicia Lenze.

Es gibt viele Geräusche, die Andrea Bröker von der Arbeit ablenken. Die 41-Jährige arbeitet als Sekretärin in Karlsruhe. Für den Job ist sie überqualifiziert, einen für sie passenden findet sie nicht. Der Grund: Sie ist Autistin. Ein Studium der Chemie, eine Ausbildung zur Webdesignerin und eine weitere Ausbildung zur Bürokauffrau - anwenden kann sie ihr Wissen im Arbeitsleben nicht. "Ich war oft nur der Laufbursche", erzählt Bröker. Heute arbeitet sie in der Geschäftsstelle des Vereins "Autismus Karlsruhe". Dort verstehen Kollegen und die Vorgesetzte, warum die 41-Jährige anders ist.

Bis sie verstanden hat, warum es ihr so schwer fällt, mit Menschen zu reden, hat es lang gedauert. "Ich habe nicht gemerkt, dass ich von anderen ausgenutzt werde", sagt die Karlsruherin. Es folgten mehrere Phasen der Arbeitslosigkeit, dann ein Job im Callcenter. In einem Aushilfsjob wurde sie gemobbt.

Ein Arbeitszimmer, das nicht an der Straße liegt, keine ablenkenden Reize. Andrea Bröker braucht eine Umgebung, in der sie sich konzentrieren kann. Ihre Vorgesetzte muss die Arbeitsanweisungen klar formulieren. Denn Bröker kann manches oft nicht richtig einordnen.

Hubert Hüppe, der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, fordert Firmen auf, mehr schwerbehinderte Menschen einzustellen. Sie sollen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen. Viele Firmen würden sich aber lieber von ihrer Verpflichtung freikaufen, lautet Hüppes Vorwurf.

Das Problem fange jedoch schon viel früher an: Behinderte und Nicht-Behinderte würden schon im Kindergarten von einander getrennt. Somit sei es weit verbreitet, dass viele nicht wüssten, wie sie mit Behinderten umgehen sollten. "Wer einmal in einer Sonderwelt ist, kommt so gut wie nie wieder raus", sagt Hubert Hüppe. Er versucht, den Firmen klar zu machen, dass es sich lohne und unternehmerisch rechne, Menschen mit Behinderung einzustellen.

Manchmal fehlt es an Kleinigkeiten. "Beispielsweise muss ein Ansprechpartner für die Firma da sein, der die Situation kennt. Nicht bei jedem Anruf ein anderer", fordert Hüppe. Die Ausgleichsabgaben sollten ferner nicht in Arbeits-Werkstätten fließen. "Das ist eine Investition in neue Sonderwelten", sagt Hüppe. Er will, dass das Geld am ersten Arbeitsmarkt bleibt.

Für Dorothee Czennia vom Sozialverband VdK sind die Sanktionen für die Firmen zu gering. Außerdem herrschten in vielen Unternehmen Vorurteile vor: "Manche denken, dass ein Schwerbehinderter seine Arbeit nicht machen kann."

Viele redeten sich mit dem Argument heraus, die vorgeschriebene Quote mangels Bewerbern nicht erfüllen zu können. Deshalb müssten die Ausgleichsabgaben (zwischen 115 und 290 EUR pro unbesetzten Arbeitsplatz) erhöht werden, fordert die VdK-Referentin. Wer Behinderte wirklich einstellen wolle, könne das auch.

Modellprojekt in Hamburg mit dem behinderten Mitarbeiter Oktavius Tolopilo (rechts) am Kommissionierungsband der Firma Globetrotter.

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Erstellt:
7. Februar 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Februar 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Februar 2013, 12:00 Uhr

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