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Symbol für die Verkehrswende

Viel Zuspruch für umlagefinanzierten Stadtverkehr

„TüBus umsonst!“ – das Thema treibt in Tübingen viele um. Gut 200 kamen am Mittwoch zur Veranstaltung von Grünen und SPD. Dabei wurde klar: Es gibt noch Stolpersteine, vor allem die Einbeziehung des Umlandes und der Einpendler. Allerdings überwog deutlich die Bereitschaft, ernsthaft zu prüfen, ob Tübingen hier bundesweiter Pionier werden könnte.

27.01.2012

Von Volker Rekittke

Einfach in den TüBus einsteigen und losfahren, wie an den „blauen Samstagen“ während des Mühlstraßen-Umbaus 2009 – wäre das immer möglich? Darüber diskutierten bei der Veranstaltung „Stadtverkehr Tübingen – neu denken“ (von links): Prof. Axel Friedrich, Gerd Hickmann, Andreas Foitzik (mit roter Sams-Perücke) und Hans-Jürgen Hennig. Bild: Sommer

Tübingen. Mit so viel Interesse hatten die Veranstalter Ulrike Baumgärtner (AL/Grüne) und Manuela Heffner (SPD) nicht gerechnet: Für maximal hundert Besucher/innen war in der Stadtwerke-Kantine in der Eisenhutstraße aufgestuhlt worden. Fast die doppelte Zahl von Bürger(inne)n drängten schließlich in den Raum, darunter etliche Stadträte, Oberbürgermeister Boris Palmer und Baubürgermeister Cord Soehlke, die SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid sowie die Stadtwerke-Chefs Ortwin Wiebecke und Achim Kötzle.

Bevor eine so lebhafte wie kenntnisreich geführte Publikumsdebatte begann, gab?s vom Podium vier Impulsvorträge zum Thema umlagefinanzierter Nahverkehr. „Wichtig ist die große Überschrift: Ich steige ein, ohne zu zahlen“, sagte Andreas Foitzik vom ZAK3. Die Tübinger Gruppe begann die Debatte vor über drei Jahren, veröffentlichte eine Broschüre und machte immer wieder Aktionen unter dem Motto „TüBus umsonst!“ Dabei ging es Foitzik nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Nahverkehr als öffentliche Aufgabe, und um Mobilität als Grundrecht – auch für Menschen, die sich ein Busticket oft nicht leisten können, wie Geringverdiener oder Arbeitslose.

„Was umsonst ist, ist nichts wert“, kommentierte der Berliner Verkehrsexperte Prof. Axel Friedrich, Ex-Abteilungsleiter im Umweltbundesamt, das plakative ZAK3-Motto. Friedrich will auch nicht alle Fahrkarten-Automaten und Kontrolleure abschaffen („Wollen die Tübinger für Reutlinger Einpendler mitbezahlen?“), sondern plädiert für: „Eine Verkehrsabgabe, die von allen Tübingern bezahlt wird – wie eine Fahrkarte für alle.“ Nach Schätzungen würde die um die 150 Euro pro Kopf und Jahr kosten.

„Der Vorschlag hat Charme“, fand der Tübinger Grünen-Kreisrat Gerd Hickmann, der seit kurzem im Landesverkehrsministerium arbeitet: „Das könnte ein Symbol für die Verkehrswende sein.“ Das Land werde den Vorschlag prüfen: „Es ist sinnvoll, den Kommunen mehr Verantwortung für die Finanzierung ihres ÖPNV zu geben.“ Soll heißen: Geprüft werde eine Gesetzesänderung, nach der Städte eine solche „Nahverkehrsabgabe“ genannte Umlage für alle Bürger überhaupt erst erheben dürften. Die andere Möglichkeit: Tübingen könnte beim Bund eine Ausnahmegenehmigung („Experimentalklausel“) beantragen.

Für Hickmann wie auch für TüBus-Chef Hans-Jürgen Hennig war jedoch klar: „Das Hauptproblem sind die Einpendler.“ Denn die benutzen für ihren Weg zur Arbeit überwiegend das Auto – ganz im Gegensatz zu den innerstädtischen Wegen der Tübinger Einwohner, bei denen schon heute zu je 25 Prozent Bus, Fahrrad sowie die eigenen Füße zum Einsatz kommen. Tübingen könnte zwar mit dem Experiment starten – doch mittelfristig werde es ohne die Region, letztlich das Naldo-Gebiet, nicht funktionieren.

„Der TüBus ist schon sehr günstig“, wandte sich aus dem Publikum Martin Hilger vom VCD gegen die Idee. Wichtiger sei die Regionalstadtbahn. „Der TüBus ist überhaupt nicht günstig“, erwiderte Laura Eichinger: „Warum gibt es das Semesterticket nicht für Schüler?“ Die Jugendgemeinderätin erinnerte „an den Ärger mit Busfahrern und Kontrolleuren, wenn man mal seine Monatskarte vergisst“. Auch Ernst Gumrich, Vorsitzender des WUT-Vereins, war sehr angetan von der Initiative: „Denkt an die alten Menschen – und daran, wie Tübingen in 15 Jahren aussieht.“ Für Ältere sei oft nicht der Preis das Thema, sondern die einfache Handhabung – ein deutlicher Seitenhieb auf die benutzerunfreundlichen Ticket-Automaten. Thomas Pfister von der Tübinger Aids-Hilfe schließlich erinnerte daran: „Es sitzen nicht wenige Leute im Gefängnis wegen Schwarzfahrens.“

„Manches, was uns heute noch radikal erscheint, wird uns morgen schon normal vorkommen“, warb Andreas Foitzik am Ende noch einmal für die Idee. Und Ulrike Baumgärtner gab sich überzeugt: „Tübingen ist eine Stadt für Visionen.“

TüBus kostenlos? Tagblatt Online hörte sich mal um
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© Ziehe/Bleeser 02:07 min

Volles Haus in der Stadtwerke-Cafeteria: Unter den 200 Interessierten bei der Veranstaltung zum umlagefinanzierten Stadtverkehr war auch Oberbürgermeister Boris Palmer. Der kam etwas später, ließ sich auf dem Boden nieder – und sagte nur kurz etwas zum Jobticket an Uniklinikum. Aus der Debatte ums Umsonst-Ticket hielt sich Palmer am Mittwochabend heraus. Für eine „Nahverkehrsabgabe“ genannte ÖPNV-Umlage hatte er sich allerdings schon als Landtagsabgeordneter eingesetzt.Bild: Sommer

Kommentar: Mehr Bus, weniger Auto: Gewinn für alle 14.01.2012

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Erstellt:
27. Januar 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Januar 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2012, 12:00 Uhr

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