Es grummelt an der Basis

Viel Kritik an Stuttgart 21 bei der Dettenhäuser SPD

Prominente Befürworter und Gegner stritten bei der Dettenhäuser SPD über das Bahnprojekt Stuttgart 21.

11.07.2011

Von Matthias Reichert

Dettenhausen. Mehr als 30 Gäste waren am Freitag ins „Haus im Park“ gekommen. „Die meisten Zuhörer, die wir je hatten“, freute sich Moderator Werner Stieber. Der Dettenhäuser SPD-Ortsverein lehnt S 21 geschlossen ab, ist an einem Appell an die Parteispitze beteiligt, sich nicht an der Realisierung zu beteiligen.

Die Landtagsabgeordnete Rita Haller-Haid verteidigte das Milliardenprojekt. Ein Umbau des Kopfbahnhofs (heute als „K21“ im Gespräch) sei schon in den 90er-Jahren verworfen worden. Damals habe man 60 Varianten geprüft, die Pläne seien durch alle demokratischen Instanzen gegangen. „Bis heute liegt bei der SPD kein Antrag auf eine Mitgliederbefragung vor“, sagte Haller-Haid. Vielmehr habe der Parteitag dem grün-roten Koalitionsvertrag „zu hundert Prozent zugestimmt“.

Ein Umbau des Kopfbahnhofs würde die Menschen im Neckartal belasten, da eine Hochleistungsstrecke auf Stelzen die Gemeinden zerschneide, sagte die Abgeordnete. Werde S 21 nicht realisiert, komme eine Neubaustrecke über Nürnberg, und die Bayern hätten den Nutzen .

Der SPD-Fraktionschef im Tübinger Gemeinderat Martin Sökler sah Vorteile für Tübingen und die Region durch S 21. So könne man künftig jede Viertelstunde zum Stuttgarter Hauptbahnhof fahren, halbstündig zur Messe und zum Flughafen. Alternativen bräuchten lange Planung: „Anders geht?s nicht, jedenfalls nicht in den nächsten 20 Jahren.“

Ein Projekt aus dem vorigen Jahrhundert

Als prominenter Gegner trat Klaus Riedel aus Waiblingen auf, der den innerparteilichen Widerstand organisiert. Die SPD habe das Sensorium für die Stimmung in der Bevölkerung verloren. Den Bürgern sei nur der Weg auf die Straße geblieben. „Seit dem schwarzen Donnerstag hat das Projekt seine Legitimation verloren.“ Riedel weiter: „Ein Projekt des vergangenen Jahrhunderts nach dem Motto höher, schneller, weiter. Man flüchtet in eine Augen-zu-und-durch-Politik.“ Sein Fazit: „S 21 ist ein gigantisches Immobilienprojekt, in dem es um viel Profit geht.“

Die Runde stritt über Parteitagsbeschlüsse. Anträge seien dort „pauschal ohne Absprache“ abgebügelt worden, kritisierte ein Herrenberger Mitglied. Dann ging es um den Kopfbahnhof. Die Modernisierung koste drei Milliarden, argumentierte Sökler. Es gebe zu wenig Zu- und Abfahrtsgleise, sagte Haller-Haid.

So ein Großprojekt sei „riesig und unkalkulierbar, kritisierte der Volkswirt Gerhard Lang. „Kann man das verantworten?“ Die Befürworter brachten ihr Haupt-Argument: Bei einem Ausstieg würde das Land etwa 1,5 Milliarden Euro in den Sand setzen. Auf weitere Nachfragen hielt es Sökler für möglich, dass das Projekt am Ende teurer als das Limit von 4,5 Milliarden werde. Dann müsse die Überschreitung der Bund übernehmen, erklärte Haller-Haid. Sie räumte ein: „Wir müssen eine andere Planungs- und Beteiligungskultur in diesem Land entwickeln.“

Dorothee Esche aus Mössingen brachte die nach Ansicht der Gegner zu engen Bahnsteige ins Gespräch. „1,24 Meter – wie kommt man da mit Gepäck und Rollator durch?“ Sökler gab zu: „Wenn das so wäre, muss das geändert werden.“

Der Dettenhäuser Stefan Dipper kritisierte die Datengrundlage des Stresstests. Er brachte einen Fahrplan: Schon jetzt führen morgens 40 Züge pro Stunde im Kopfbahnhof. „In den 70er-Jahren wurden über 70 Züge abgefertigt.“ Und jetzt prüfe der Stresstest, ob der neue Bahnhof 49 Züge schaffe. „Das wären 6,125 Züge pro Stunde und Gleis. Das leistet kein einziger Bahnhof in Deutschland.“ Haller-Haid konterte: „Die Gleise kann man unterteilen. Im Durchgangsbahnhof können die Züge hintereinander halten.“

Unterstellungen und

Verschwörungstheorien

Der integrale Taktfahrplan werde nicht funktionieren, fürchtete der Herrenberger Pro-Bahn-Aktivist Andreas Kegreiß. Nach bisherigen Plänen habe man in Herrenberg eine Minute Umsteigezeit von der Ammertalbahn zur S-Bahn. Haller-Haid und Sökler befürworteten den Ausbau der Wendlinger Kurve – obwohl das Land dort nur eingleisig plant. Auch die Strecke vom Flughafen zur Innenstadt müsse zweigleisig ausgebaut werden, forderte Haller-Haid.

Sökler sprach von „Unterstellungen und Verschwörungstheorien“ der Gegner. Riedel hielt dagegen: „Geißler hat versprochen, dass die Prämissen für den Stresstest mit den Gegnern festgelegt werden. Das ist bis heute nicht geschehen.“ Sein nächster Punkt: „Durch dieses Projekt wird nicht mehr Güterverkehr auf die Schiene kommen.“ Am Ende war kaum ein Gegner überzeugt.

Zum Artikel

Erstellt:
11. Juli 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Juli 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App