Tatort

Viel Gebrüll, viele Tote

In der neuen Folge „Krank“ aus Wien geraten Moritz Eisner und Bibi Fellner in den Glaubenskrieg zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde.

24.10.2020

Von MARTIN WEBER

Gespräch über eine verdächtigte ehemalige Guerilla-Kämpferin: die Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser). Foto: Anjeza Cikopano/ARD/Degeto/ORF/Lotus Film/dpa

Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) liegt gefesselt am Boden, ein Mann richtet die Pistole auf ihn und sagt sarkastisch „Dienstschluss“, gleich wird er schießen. Es ist kein grauenerregender Albtraum, mit dem der neue „Tatort“ aus Wien beginnt, sondern ein Vorausblick aufs dramatische Finale – ein spannungserzeugendes, aber mittlerweile etwas abgegriffenes Muster, weil es in allzu vielen Fernsehkrimis zur Anwendung kommt.

Gleich nach diesem rasanten Start geht es weiter, wie man es vom „Tatort“ gewohnt ist: Eisners Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) wird zu einer Leiche gerufen und zieht erste Erkundigungen ein. Bei dem Toten handelt sich um einen namhaften Wiener Heilpraktiker, der gezielt überfahren wurde, nachdem ihn gerade ein Gericht vom Vorwurf entlastet hat, mit unsachgemäßer medizinischer Behandlung den Tod seiner eigenen Tochter verschuldet zu haben.

Hat in dem von Rupert Henning ausgedachten und inszenierten „Tatort: Krank“ (Sonntag, ARD) die Exfrau dieses Mannes und die Mutter des Mädchens, eine frühere Guerilla-Kämpferin aus Kolumbien namens Maria Ana Moreno (Sabine Timoteo), etwas damit zu tun? Oder sind der ewige Glaubenskrieg zwischen Schulmedizin und alternativen Heilmethoden und damit verbundene kriminelle Machenschaften der Grund für das gewaltsame Ableben des Heilpraktikers und auch weiterer Opfer?

Der unter chronischen Rückenschmerzen leidende Eisner und seine ungerührte Kollegin Fellner tauchen in diesem ziemlich überkonstruierten, stellenweise verwirrenden und unnötig aufgeregten Krimi, in dem viel gebrüllt und gestorben wird, tief in das harte Geschäft mit der sanften Medizin ein. Und sie erleben ihr blaues Wunder.

Sie fühlen diversen Verdächtigen wie dem selbsternannten Heilpapst Jan Fabian (Peter Raffalt) und anderen obskuren Figuren auf den Zahn und machen sich allmählich ein Bild von der überaus komplexen Lage. Damit das auch dem Zuschauer gelingt, muss er sich stark konzentrieren und sollte Gänge zum Kühlschrank auf ein Mindestmaß reduzieren.

Natürlich verstricken sich Eisner und Fellner auch in diesem „Tatort“ wieder in so manches ironische Wortgefecht, schließlich ist der für Wien typische Schmäh das Markenzeichen dieses Duos, das in der Regel bessere Krimis abliefert. Während die kleinen Neckereien und sarkastischen Frotzeleien sonst wie nebenbei passieren und gerade dadurch größte Wirksamkeit erzielen, wirken sie diesmal aufgesetzt und allzu clever ausgedacht.

Das gilt auch für die Gespräche der beiden mit blitzgescheiten Kriminalpsychologen, philosophischen Gerichtsmedizinern und anderen Beteiligten. Die hören sich nicht mehr wie normale Dialoge, sondern stellenweise wie geprobte kleine Kabarettnummern an.

Foto: Grafik: Bock

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Erstellt:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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